Lokales

"Auch die Steine im Weg zum Bauen verwenden"

Seit dem Jahr 2004 heißt das Leitthema der Landfrauen "Zukunft gestalten Demokratie entfalten. Das Unterthema für das Winterhalbjahr 2005/2006 wurde mit dem Slogan "Sozialer Mut tut allen gut" in das Programm aufgenommen. Damit beschäftigten sich die Landfrauen bei ihrer Bezirksveranstaltung in der frühlingshaft geschmückten Gemeindehalle in Holzmaden.

RUDOLF STÄBLER

Anzeige

HOLZMADEN Fachreferent bei dieser hoch interessanten Veranstaltung war Professor Dr. Gerd Meyer von der Universität Tübingen. Dieser hatte seinen Vortrag unter das Leitthema "Zivilcourage was heißt sozialer Mut im Alltag"? gestellt und in den Landfrauen interessierte Zuhörerinnen gefunden.

Die Begrüßung der Gäste in Holzmaden hatte die stellvertretende Kreisvorsitzende Renate Gölz übernommen, für die Ausschmückung der Halle sowie für Kaffee und Kuchen zeigten sich die Landfrauen aus Holzmaden unter der Leitung von Inge Kehm verantwortlich und diese hatten ihre Aufgabe mit Bravour erfüllt. Renate Gölz erinnerte daran, dass man sich oft beklage, dass aus Bequemlichkeit die Augen geschlossen werden, auch wenn man sehe, dass manches schief laufe. Man wolle ja nicht anecken, sich nicht unbeliebt machen oder gar auffallen. "Es ist wichtig, mit offenen Augen und Ohren durch das Leben zu gehen und sich dort einzusetzen, wo es nötig ist."

Der stellvertretende Bürgermeister Stephan stellte in einem kurzen Grußwort die "Urweltgemeinde" Holzmaden vor. Lob gab es dabei nebenbei noch für die Truppe der Gastgeberinnen. "Die bieten seit 20 Jahren ein tolles Angebot in der Gemeinde." Usus bei den Landfrauen ist immer ein gemeinsam gesungenes Lied. Diesmal hatte man sich "Die Gedanken sind frei" ausgesucht. Für Begeisterung und lang anhaltenden Beifall sorgten an diesem Nachmittag die "Holzmadien Harmonists". Eigentlich wollten die Landfrauen die fünf "jungen" Männer überhaupt nicht mehr von der Bühne lassen.

Seit Jahren gehört Margret Mauthe mit kleinen Geschichten zum Thema zum "Inventar" der Bezirksversammlungen. Diesmal konnte sie von einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen arbeitslosen Jugendlichen und fachlich ausgebildeten Rentnern berichten. Am Ende stand ein Bänkle und diesem sei "nie was passiert, allerdings auf dem Bänkle schon." Ebenfalls zur Einstimmung ins Thema sorgten die Landfrauen aus Bissingen-Nabern. Ihre Erkenntnis: "Auch aus Steinen die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas bauen."

Viel Beifall für ihr Referat erhielt auch die stellvertretende Landesgeschäftsführerin Dr. Beate Krieg. Sie bedankte sich zunächst beim Veranstalter, dass man die Idee hatte, am Weltfrauentag diese Veranstaltung durchzuziehen. Sie erinnerte zunächst daran, dass die Landfrauenverbände mit 85 000 Mitgliedern in Baden-Württemberg die größte Interessenvertretung im ländlichen Raum sei. Harsche Worte fand sie für die vom Bundeskabinett beschlossene Erhöhung des Rentenalters für Frauen. Sollte diese durchgesetzt werden drohe eine weibliche Altersarmut die man nicht hinnehmen könne. Erst vor wenigen Jahren sei das Rentenalter für Frauen von 63 auf 65 Jahre angehoben worden. Nur 40 Prozent der über 55-Jährigen stünden in Arbeit und mehr als die Hälfte der Betriebe beschäftigen keine Menschen über 50 Jahre. "Daher ist es ungerecht", hob sie hervor, "diese Entwicklung auf Kosten der Frauen aufzufangen. Wenn man nicht auf Sozialhilfe angewiesen sein will, bedeute dies zuverdienen im Alter."

Zum Thema "Zivilcourage" zurück führte Professor Dr. Gerd Meyer. Überall in unserer Gesellschaft werde inzwischen der Ruf nach mehr Zivilcourage laut. Im Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussion stünden Gewaltsituationen in der Schule und im öffentlichen Raum, meist verbunden mit der Frage, wie man mit "Tätern" und "Opfern" umgeht, wie man schnell und effektiv eingreifen kann. So wichtig und bedrückend die Zunahme von Gewalt als soziales Problem nicht nur in der Schule und unter Jugendlichen sei, so wenig sollte sich jedoch der Blick auf physische Gewalt verengen, wenn man nach den Chancen für mehr Zivilcourage in Schule und Gesellschaft frage. Denn, so der Professor, ein großer Teil unseres sozialen Lebens spiele sich ohne Gewalt und öffentliche Problematisierung ab. In Betrieben und Verwaltungen, in Bildungseinrichtungen entwickeln sich aber Machtstrukturen, Konflikte und Problemlagen, die womöglich eine gehörige Portion Zivilcourage verlangen, wenn man etwas verändern wolle. Zivilcourage wird hier verstanden als wichtiger Bestandteil einer demokratischen politischen Kultur im Alltag sozialen Zusammenlebens, als sozialer Mut. Zivilcourage oder sozialer Mut wird umso mehr zum Bürgermut, zu einer Form bürgerschaftlichen Engagements, je stärker sie auf öffentliche Angelegenheiten bezogen sind.

Der Referent machte klar, dass Zivilcourage oder sozialer Mut nicht nur in "akuten" Not- und Bedrohungssituationen gefragt sei, die meist unerwartet entstehen und baldiges Eingreifen erfordern. Sozialen Mut könne man nicht nur durch spontanes Eingreifen oder Sich-Wehren, sondern genauso durch überlegtes, geplantes, organisiertes Handeln zeigen am Arbeitsplatz, in Institutionen und im politischen Bereich. Zivilcourage ist ein wichtiges Element einer lebendigen Bürgergesellschaft und einer demokratischen politischen Kultur. Zivilcourage wird hier als ein spezifischer Typ humanen und demokratischen Handelns, als ein wertgebundenes Konzept verstanden. Sozialer Mut ist keine dauerhafte Eigenschaft einer Persönlichkeit, sondern bezeichnet eine bestimmte Qualität und Ausrichtung öffentlichen Handelns, eine wichtige, aber oft unbequeme demokratische Tugend.