Lokales

Auch fremde „Enkel“ öffnen Herzen

Der Kontakt zwischen Enkeln und Großeltern tut meist beiden Seiten gut. Für Kinder, die keine Oma und keinen Opa haben, vermittelt das Kirchheimer Bürgerbüro deshalb Ersatz. Der Teckbote unterstützt das Projekt „Leihoma/-opa“ mit seiner Weihnachtsaktion.

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Tobias Flegel

Kirchheim. Großeltern sind ein wertvolles Gut. Sie entlasten nicht nur Eltern bei der Aufsicht der Enkel, sondern geben dabei auch wichtige Werte und nützliches Wissen an Kinder weiter. Viele gehen dabei ganz besonders auf die Kinder ein, nehmen sich Zeit zum Bummeln, für einen Besuch auf dem Spielplatz oder im Schwimmbad. „Auf die Zeit mit ihren Großeltern freuen sich Kinder sehr: Sie sind hin und weg, weil sie an einem Tag im Mittelpunkt stehen“, sagt Christina Hanke, die beim Kirchheimer Bürgerbüro für die Vermittlung von Leihgroßeltern zuständig ist.

Der Faktor Zeit sei ein wesentlicher Grund für den großelterlichen Erfolg, meint Hanke. „Omas und Opas spielen anders mit Kindern“, sagt die 55-Jährige. „Sie sind gelassener als gestresste Eltern“. Die entspannte und aufmerksame Erziehung sei eine Bereicherung für kleine Mädchen und Jungs.

Viele Familien, in denen es keine Großeltern gibt, haben die Bedeutung der älteren Generation erkannt. Zumindest könnte das den Erfolg des vom Bürgerbüro getragenen Projekts „Leihoma/-opa“ erklären. „Schon zwei Monate nachdem wir mit dem Angebot gestartet sind, war Frau Hanke voll im Teig“, sagt Rita Scholz, die von Seiten der Stadt das Projekt unterstützt. Andere Städte bräuchten rund zwei bis drei Jahre, bis sie ein ähnliches Angebot etabliert hätten.

Seit Oktober 2007 vermittelt Hanke im Bürgerbüro Omas und Opas in „fremde“ Familien. Ein genaues Auswahlverfahren soll sicherstellen, dass am Ende alle Beteiligten zufrieden sind. „Zuerst kläre ich in meiner Sprechstunde ab, was sowohl die Eltern, als auch die Leihomas und -opas wollen“, sagt Hanke. Danach versuche sie Parteien zusammenzubringen, deren Vorstellungen am besten zusammenpassen.

Zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Ersatzoma oder dem Ersatzopa machen Kinder und ihre Eltern häufig im Untergeschoss des Bürgerbüros. Dort, im Café Sammeltasse, können sie sich in Ruhe kennenlernen. „Meistens merken alle bald, ob das passt oder nicht“, sagt die Vermittlerin. Stimmt die Chemie, werden nach dem Schnuppertermin Telefonnummern ausgetauscht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass bereits eine verbindliche Abmachung getroffen wurde. „Die Eltern und Leihomas oder -opas können sich in Ruhe alles überlegen“, erklärt Hanke. Bleibt es bei der Übereinkunft, gibt es eine Probezeit von drei Treffen. Danach sollen die Leihgroßeltern ein Mal in der Woche ihre „Enkel“ besuchen. „Die Regelmäßigkeit ist wichtig“, sagt Hanke. Je kleiner die Kinder seien, desto mehr komme es auf konstanten Kontakt an. Langfristiges Ziel sei, dass die Opas und Omas als echte Großeltern von den Kindern gesehen würden.

Damit alle Beteiligten zufrieden sind, hakt Christiane Hanke immer wieder nach. Damit will sie sicherstellen, dass keine Probleme verschwiegen werden. Frust könne beispielsweise dadurch entstehen, dass einige der Leihomas und -opas genaue Vorstellungen von ihrer Aufgabe hätten, andere dagegen sehr zurückhaltend seien. „Wir wollen, dass sich die Großeltern in den Familien wohlfühlen“, betont Hanke. Mit ihrem Nachhören stelle sie aber auch sicher, dass die Omas und Opas nicht als billiges Betreuungspersonal ausgenutzt werden. Mit speziellen Schulungen will das Bürgerbüro die Leihgroßeltern künftig besser auf ihre Aufgaben vorbereiten. Dabei sollen die Aufpasser das Handwerkszeug für Notfälle lernen oder erfahren, was Kinder heute lesen und spielen. Neben dieser „internen Qualitätssicherung“ stellt der Informationsaustausch mit anderen Gruppen und Kommunen das Gelingen weiterhin sicher: Bei Tagungen hat sich Christiane Hanke Tipps geholt, wie andere Städte ähnliche Projekte umsetzen.

Um Leihopas und Leihomas weiterhin vermitteln zu können, ist das Bürgerbüro auf finanzielle Unterstützung angewiesen. „Die Kirchheimer Bürgerstiftung ermöglichte die Finanzierung des ersten Geschäftsjahres“, erklärt Sibylle Schober, die als Beraterin und Patin das Projekt begleitet. Diese Hilfe falle nun weg. „Um eine Deckelung der Kosten im kommenden Jahr hinzubekommen, sind 11 000 bis 12 000 Euro notwendig“, sagt Schober. Deshalb freuten sie und ihre Kolleginnen sich darüber, dass sich die Lage durch Spenden aus der Weihnachtsaktion entspannen werde.

Für die Zukunft hat sich Christiane Hanke ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. „Ich möchte das Herzensblut der Großeltern mit dem großen Bedarf zusammenbringen“, sagt die 55-Jährige. Rund 80 Anfragen von Eltern lägen bei ihr vor, die sie nicht alle befriedigen könne. Dass dies besser möglich wird, wünscht Hanke sich für alle Seiten. Denn nicht nur die Kinder und Familien würden von den Großeltern profitieren, sondern auch umgekehrt. „Die Idee ist, dass die Leihomas und -opas Wertschätzung zurückbekommen“, erklärt Sibylle Schober. Diese Zeichen der Zuneigung haben eine große Wirkung auf die Ersatzomas und -opas. „80 Prozent unserer Omas erzählen mit leuchtenden Augen von ihren Erfahrungen“, sagt Christiane Hanke. Somit sind auch nicht leibliche Enkel für Großeltern ein wertvolles Gut.