Lokales

Auch "Großstädter" waren unterwegs

NEIDLINGEN Der ganze Flecken und noch einige mehr waren gestern schon am frühen Morgen unterwegs auf dem Zwetschgenmarkt in der Reußensteingemeinde. Dass die Neidlinger dabei einen sehr guten Draht zum "Wettermacher Petrus" hatten, freute Bummler und Marktbeschicker gleichfalls und Zwetschgen gab es auch zum Kaufen.

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RUDOLF STÄBLER

Der Matthäitag am 21. September hat seit Jahrhunderten Tradition und zu dieser Markttradition gehört auch der Neidlinger Zwetschgenmarkt. Die Traditon wieder aufleben ließen die Neidlinger Landfrauen im Jahr 1972. Und nach 35 Jahren zeigte sich auch am gestrigen Donnerstag der Markt neben der Lindach, unter den Lindenbäumen und den vielen bunten Marktständen in der Kirchstraße wieder recht lebendig. Man freute sich auf den Marktbummel, wobei nicht nur die herbstliche Ernte im Mittelpunkt des Interesses steht. Man kennt sich auf dem Markt. Es gibt keine Kontaktprobleme zwischen den Beschickern und den zahlreichen Besuchern. Schließlich kennt man sich schon seit vielen Jahren. Und man freut sich auf die "Rote", auf ein Glas Most oder andere Spezialitäten die angeboten werden. Das Marktgedränge schon am frühen Vormittag dokumentierte dann auch einer der vielen Bummler treffend: "Ha Karle, vor lauter Leut han i de fascht et gseha."

Der Scherenschleifer, im Schwäbischen auch als deftiges Schimpfwort benutzt, erfreute sich in Neidlingen dagegen großer Beliebtheit und strahlte auch über das ganze Gesicht. "Dia sieba Messer sott mr schleifa", lautete der unmissverständliche Auftrag und der Schleifer machte sich auch schnell daran, diesen Auftrag zu erledigen, standen doch weitere Kunden an, um ihre Gerätschaften wieder etwas schneidfähiger zu machen. Da hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Anbieter schon einige Probleme mehr, die Kundschaft an seinen Stand zu locken, obwohl er den "weltweit einzigartigen tropffreien Fensterwischer" den Hausfrauen präsentierte. Auf jeden Fall versuchte er hartnäckig das Strahlen seiner Fenster auch auf strahlende Frauenaugen zu transperieren. Seine Wortgewalt schien dazu angetan, doch Überzeugungsarbeit zu leisten.

Wenn die Zwetschgen weggehen wie die warmen Semmeln, ist das auf dem Neidlinger Zwetschgenmarkt auch keine Selbstverständlichkeit. So suchte man die wohlschmeckenden blauen Dinger im letzten Jahr nahezu vergeblich. Die Ernte war einfach zu schlecht. Diesmal allerdings hatten die Obsterzeuger "zugeschlagen". Zwetschgen in rauen Mengen wurden angeboten, zum sofortigen Essen oder aber auch zum Mitnehmen für den häuslichen Backofen. Ein frischer Zwetschgenkuchen, natürlich mit Sahne, diese Sünde darf man sich durchaus einmal im Jahr erlauben. Wobei die Mühe des Backens am gestrigen Tag durchaus zu vergessen war. Gab es doch frischen, herrlich duftenden Kuchen und eine Tasse Kaffee im Angebot. Was die Frauen zum Kuchenbacken animierte, sahen die Männer gleich nebenan in Flaschen. Ob Zwetschgen, Äpfel oder Birnen, fein säuberlich abgefüllt lockte der Trunk zur Kostprobe oder auch zur häuslichen Lagerung im Keller. Und wenn der Hausherr nicht so lange warten wollte, wurde ihm auch ein Glas Most präsentiert, dazu noch ein heißer Zwiebelkuchen. "Do kennte glatt neihocka" sprach ein Genießer nach dem Genuss eines oder . . . . Gläschen Most und noch einem, "i will a Eckstückle", Zwiebelkucha.

Nicht dass es in Neidlingen nur eine Fressmeile gegeben hätte. Auch die üblichen Marktstände waren auf der Kirchstraße genügend vertreten. Holzspielwaren sind auch noch heute im Trend und wurden von einer heimischen Schreinerei angeboten. Das Interesse war groß und dies nicht nur bei den kleinen Kunden. Angeboten wurden auch "die letzten Socken vor der Autobahn." Was sonst Autofahrer warnt, nochmals ihren Wagen vollzutanken, sollte hier wohl den Wanderern zur Warnung dienen. Ohne Benzin fährt es sich schließlich schlecht und mit Löchern in den Socken ist es mit der Lauferei auch nicht so besonders gut gestellt.

Auch wenn das herrlich warme Spätsommerwetter am gestrigen Tag nicht unbedingt dazu animierte, wärmende Pullover, dicke Strickjacken oder gar lange Unterhosen zu kaufen, auch an diesen Marktständen ging die angebotene Ware über den Tisch. Und wer nicht gut schläft oder gar den "Rheußmatheis" hat, dem helfen vielleicht die angebotenen Kräuterkissen. Ergänzungen für den Haushalt auch kein Problem: Kochlöffel, Klobürsten, Formen für die weihnachtliche "Gutslesbäckerei" in Neidlingen kein Problem. Nicht als Schlaginstrumente gegen den Gatten waren Teppichklopfer und Nudelholz gedacht, wobei sich der so eventuell doch Gefährdete mal eben am Stand daneben über Schnürsenkel informiert und dazu noch über die neueste Mode bei den Hosenträgern. Der Junior jammert darüber, dass er noch keine Tüte mit Bonbons bei Selbstbedienung erhalten hat, und gemeinsam steht man dann bei den Handwerkern. Sensen dengeln und Korb flechten interessiert nicht nur die älteren Semester. "Senn deine Großstädter au scho do?" wollte eine Frau von der anderen wissen. "Noi aber dia kommet bestimmt glei, von Weila darom isch jo et so arg weit.

Fotos: Jean-Luc Jacques