Lokales

„Auch Jesus war ein politischer Flüchtling“

Baptistengemeinde und Arbeitskreis Asyl feierten gemeinsam mit Asylbewerbern Weihnachten im Steingau-Zentrum

Sie alle wohnen in Deutschland, weil sie aus ihrem Heimatland fliehen mussten. Nun warten die Asylbewerber auf ihr neues Leben in Kirchheim. Das Weihnachtsfest, das die Baptistengemeinde im Steingau-Ze

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ntrum in Kooperation mit dem Arbeitskreis Asyl ausrichtete, ist für viele Asylanten in der Teckstadt ein erster Schritt – hin zu einer neuen Heimat.

Daniela Haussmann

Kirchheim. Es war das zweite Mal, dass die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kirchheim Asylbewerber, die in der Fachwerkstadt leben, zu einem Weihnachtsfest einlud. Schon im vergangenen Jahr hatten viele Mitglieder der Gemeinde Heilig

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end mit den Flüchtlingen verbracht, in deren Heimat Krieg herrscht oder politische Verfolgung und Unterdrückung den Alltag vieler Menschen bestimmt.

Das sind Erfahrungen, die auch Mansour Mustafazatdeh machte. Der 28-Jährige flüchtete aus dem Iran nach Deutschland. Vor acht Jahren hat er sich dem christlichen Glauben zugewandt. Etwas, das für ihn das Leben in seinem Heimatland erschwerte. „Christen werden im Iran angefeindet und müssen mit Übergriffen rechnen. Allein der Besitz einer Bibel ist dort schon verboten“, erzählt Mustafazatdeh, der in seiner Heimat als Grundschullehrer arbeitete und seinen Schülern auch Positives über das Christentum erzählte. Etwas, das dem iranischen Geheimdienst nicht entgangen ist. Da Mansour Mustafazatdeh als iranischer Kurde auch in der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran (PDKI) aktiv war, der d

ie iranische Regierung separatistische Tendenzen unterstellt und sie als konterrevolutionäre Gruppierung betrachtet, wurde er aus dem Schuldienst entlassen. Im Juni 2009 beteiligte sich Mustafazatdeh zusammen mit seinem Bruder Saber an einer Demonstration gegen die Partei Ahmadinedschads, was Verfolgung und Folter nach sich gezogen habe. Schließlich flüchteten sie nach Deutschland, wo sie heute getrennt von ihrer Familie leben. Beide hoffen in der Bundesrepublik bleiben zu können und eine Arbeit zu finden.

Für Mansour und Saber Mustafazatdeh, die bereits im vergangenen Jahr mit der Kirchheimer Baptistengemeinde den 24. Dezember verbrachten, war das Weihnachtsfest im Steingau-Zentrum eine Möglichkeit ihren Glauben frei zu praktizieren und mit Menschen in Kontakt zu kommen, für die es keine Rolle spielt, welcher Religion oder Nationalität sie angehören. Mit rund 150 Menschen aus Serbien, China, Korea, Sri Lanka, Afghanistan und dem Irak feierten die beiden Iraner am vergangenen Freitag deshalb das Weihnachtsfest.

„Diese Menschen kommen aus Ländern, in denen die Familie ein zentraler Dreh- und Angelpunkt im Leben ist“, so Karsten Guse. „Hier sind sie von ihren Familien getrennt. Damit fehlt diesen Leuten jede soziale Anbindung.“ Das Mitglied der Kirchenleitung betonte, dass es der Baptistengemeinde nicht darum gehe Missionsarbeit zu leisten. „Für die meisten der Asylbewerber die mit uns heute Heiligabend feiern, sind wir neben den Behörden der einzige Kontakt in die deutsche Gesellschaft“, erklärte Guse. „Sie leben allein und abgeschieden von der Öffentlichkeit im Asylbewerberheim und das teilweise über Jahre hinweg bis über ihren Fall entschieden wird.“

Gerade einmal 30 Prozent derjenigen, die sich im Steingau-Zentrum ein Stelldichein gaben, kennen Karsten Guse zufolge das Weihnachtsfest. Dennoch stelle die Feierlichkeit eine Abwechslung in einem Alltag dar, der unter anderem durch das Leben von etwa fünf Personen auf rund 30 Quadratmeter Wohnraum, der Hoffnung auf eine Arbeitserlaubnis und einem dauerhaften Bleiberecht geprägt sei. Die Weihnachtsfeier sollte laut Guse die Chance eröffnen, soziale Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen und in Netzwerkstrukturen einzubetten. Gleichzeitig geht es für Bettina Nasgowitz, die Mitglied in der Baptistengemeinde ist, darum, den Menschen Wertschätzung entgegenzubringen, Vertrauen aufzubauen und Unterstützung zu bieten, wenn es beispielsweise um das Ausfüllen von Formularen oder die Beantwortung von Fragen geht. Ebenso wie seine Frau sieht sich Michael Nasgowitz als eine Brücke in die deutsche Gesellschaft hinein. Er ist sich sicher, dass das gemeinsame Weihnachtsfest ein erster Schritt zur Integration ist und hilft das Selbstbewusstsein der Asylbewerber zu fördern.

„Auch Jesus war ein politischer Flüchtling“, wie Karsten Guse in seiner Rede erklärte. Kurz nach seiner Geburt musste seine Familie nach Ägypten immigrieren, wo Sprache und Kultur für sie fremd waren. Die meiste Zeit verbrachte er mit sozial benachteiligten Menschen. Sie fühlten sich von Jesus verstanden, ernst genommen und geliebt, wie Guse in seinen Ausführungen zum Weihnachtsfest deutlich machte. Gottes Sohn sei für sein Wirken oft angefeindet und verfolgt worden. Er habe in bescheidenen Verhältnissen gelebt und vieles durchgemacht, was Asylbewerber auch heute noch an Barrieren und Herausforderungen entgegensteht. Die Geschichte von Jesus ist für Karsten Guse multikulturell und verbindend, sie gibt Hoffnung und Selbstvertrauen. „Gott weiß um die Nöte der Menschen, er hat sie selbst erlebt und ist deshalb für euch da“, so Guse.

Am Ende des Abends wurden an die Kinder Geschenke verteilt. Und viele der Besucher freuen sich bereits auf die Weihnachtsfeier im nächsten Jahr. Denn einige von ihnen hatten bereits 2009 mit der Baptistengemeinde Heiligabend gefeiert und den Austausch als Bereicherung empfunden. Der Arbeitskreis Asyl wird übrigens heuer von der Teckboten-Weihnachtsaktion bedacht.