Lokales

Auch schon als Senf- und Likörfabrik genutzt

Eine stattliche Zahl von Teilnehmern traf sich zu einer Nachmittagsausfahrt des Schwäbischen Heimatbundes nach Denkendorf, um das dortige ehemalige Kloster zu besichtigen. In Heinrich Frommer, der neun Jahre als Pfarrer an der im Kloster angesiedelten Fortbildungsstätte gewirkt hatte, fand die Gruppe einen sachkundigen Führer, der mit Lebendigkeit und Humor die Teilnehmer durch die Klosteranlage und die Klostergeschichte führte.

DENKENDORF Die Führung begann im nördlichen Hof des auf einer Anhöhe über dem Körschtal gelegenen Klosters. Von hier ließen sich sehr gut die verschiedenen Baustile erkennen, die beim Bau der Klosteranlage zum Tragen kamen: am Turm unterhalb der Uhr die Merkmale der hochromanischen Zeit, an den Hochwänden des Mittelschiffes die spätromanische Bauweise und am nördlichen Seitenschiff die später aus dem abgerissenen westlichen Kreuzgang hier eingefügten Maßwerkfenster der Gotik.

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Das Eingangstor der Kirche ist von einem spätgotischen Baldachin überdeckt. Über dem Eingangsportal links ist das Wappen seines Erbauers, des Propstes Bernhard von Baustetten und rechts das Kosterwappen angebracht. Dieses zeigt das Doppelkreuz des Patriarchen von Jerusalem. Das Kloster Denkendorf war nämlich ein Chorherrenstift der Brüder vom Heiligen Grab. Wahrscheinlich hat ein kinderloser Denkendorfer Ortsherr namens Bertholdus um 1120 anlässlich einer Pilgerreise nach Jerusalem dem dortigen Orden der Brüder vom Heiligen Grab seine schon bestehende Denkendorfer Pelagiuskirche übertragen mit dem Recht, neben dieser Kirche eine Niederlassung des Ordens zu gründen. Der Patriarch von Jerusalem sandte darauf seine ersten Propst nach Denkendorf und schenkte dem neu zu gründenden Stift Reliquien vom Kreuz und Grab Christi. Diese Reliquien bildeten zusammen mit dem in der Krypta symbolisch angebrachten offenen Grab das liturgische Zentrum des Klosters.

Die Gruppe betrat dann die Vorhalle und wurde von der spätgotischen in die spätromanische Zeit zurückversetzt. Die Konstruktion der Vorhalle weist auf südfranzösische Einflüsse hin, die reich verzierten Kapitelle und Kämpfer sind jedoch der schwäbischen Spätromanik zuzuordnen. Ringsum an den Wänden der Vorhalle stehen Grabdenkmäler der Denkendorfer Pröpste, die, je jünger sie werden, desto aufwändiger gestaltet sind. Die beiden schönsten Grabsteine aus der Zeit der Spätgotik und der Renaissance stehen an der Westwand: Die Grabdenkmäler der Pröpste Johannes Unger (1508 1516) und Martin Altweg (1516 1521).

Von der Vorhalle führte der Weg unter dem Turm hindurch hinab in das Langhaus. Es wirkt mit seinen schmucklosen Pfeilern und seiner flachen Decke ernst und nüchtern. An den Stufen, die zum Altar empor führen, steht eine Kanzel aus dem Jahre 1518 mit der Darstellung des Auferstandenen in der Mitte sowie den vier Kirchenvätern. Im Triumphbogen hängt ein großes Kruzifix, eine schöne spätgotische Arbeit aus einer Nürnberger Werkstatt.

Nach dem Kaffee erzählte Heinrich Frommer noch aus der nachreformatorischen Zeit des Klosters. Hier ist besonders die Zeit als evangelische Klosterschule von 1713 1810 hervorzuheben. In dieser Zeit erhielten im Kloster Denkendorf viele künftige evangelische Pfarrer Altwürttembergs ihre grundlegende Bildung und Erziehung vor dem Beginn des Studiums in Tübingen. Herausragende Erzieherpersönlichkeit war über 27 Jahre der Klosterpräzeptor Johann Albrecht Bengel, der als profunder Kenner der Bibel sowie als hervorragender Prediger zur prägenden Kraft des schwäbischen Pietismus wurde und Denkendorf weit über Württemberg hinaus bekannt gemacht hat.

Nachdem Württemberg 1806 Königreich wurde, säkularisierte König Friedrich das Kloster Denkendorf und die Klosterschule wurde nach Schöntal/Jagst verlegt. Der Staat behielt die Kirche in Besitz und verkaufte die Klosteranlage. Ein Stuttgarter Apotheker versuchte zunächst im Kloster eine Zuckerfabrik einzurichten, scheiterte jedoch bald damit. Mehr Erfolg hatte Friedrich Kauffmann aus Esslingen, der in den Räumen des Klosters eine Senf- und Likörfabrik einrichtete. Er hatte sowohl geschäftlichen Erfolg und versuchte auch, die alten Gebäude wieder in Stand zu bringen. Im Jahre 1905 wurde die Fabrik jedoch vor allem wegen des Fehlens eines Bahnanschlusses nach Ebersbach verlegt und der Staat kaufte das gesamte Klosteranwesen zurück.

Nun wurden die Fabrikmerkmale entfernt und eine Präparandenanstalt für junge Lehrer zog ein. Als diese 1920 nach Backnang verlegt wurde, bezog 1921 des erste süddeutsche Volkshochschulheim für junge Mädchen die Klostermauern. Dieser Einrichtung machte 1933 die Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Ende.

In den Nachkriegsjahren diente das Kloster zunächst als Unterkunft für Heimatvertriebene. Dann übernahm wieder die evangelische Landeskirche das Kloster und von 1950 1972 wurden evangelische Gemeindehelferinnen und Katechetinnen ausgebildet. Ab Herbst 1972 ist nun wieder unter dem alten Namen "Kloster Denkendorf" eine landeskirchliche Fortbildungsstätte angesiedelt. Erzieherinnen, hauptamtliche Mitarbeiter in Gemeinde- und Jugendarbeit, Pfarramtssekretärinnen sowie freie Mitarbeiter der Gemeinde kommen zu Fortbildungskursen. Doch auch jetzt kündigt sich wieder eine Änderung an. Unter dem Diktat der knappen Kassen wird sich die Landeskirche wohl vom Kloster Denkendorf trennen müssen. Inzwischen zeichnet sich jedoch schon ein Hoffnungsschimmer ab, dass das Kloster nicht wieder "säkularisiert" wird: Unter dem Arbeitstitel "Abrahams Haus" soll eine Stiftung entstehen, die das Kloster Denkendorf zu einer Begegnungsstätte zwischen Christen, Juden und Muslimen, den drei monotheistischen Religionen, machen wird.

Nach diesem Exkurs in die Geschichte stiegen die Teilnehmer noch die 23 Stufen in die Krypta hinab. Sie ist ein einheitlicher Saalraum ohne Säulen, überfangen von einem massigen Tonnengewölbe mit einem einzigen großen Fenster und besitzt so ein eigenes Gepräge, das deutlich von den anderen romanischen Krypten in Deutschland abweicht. Ein offenes leeres Grab deutet den kultischen Zweck des Raumes an. Hierher, nach "Klein-Jerusalem" strömten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert unzählige Pilgerscharen, nachdem die Wallfahrt nach Jerusalem nicht mehr möglich war, um hier die Reliquien von Grab und Kreuz Christi zu verehren.

Dankbar dafür, dass der Raum, der zwischenzeitlich profanen Zwecken, unter anderem auch als Runkelrübenkeller gedient hatte, nun wieder für Gottesdienste genutzt wird, stimmten die Teilnehmer zum Abschluss den Kanon "Danket, danket dem Herrn" an und schieden mit der Hoffnung im Herzen, dass das Kloster als geistliche Begegnungsstätte, wenn auch mit neuen Zielen und Inhalten, erhalten bleibt.

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