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Auch viele Muslime feiern Weihnachten

Für Serpil Arslan ist das Weihnachtsfest etwas ganz Besonderes – Mit 18 den ersten Tannenbaum mit nach Hause gebracht

Weihnachten ist für Serpil Arslan etwas Besonderes. Mit jenem Fest, das neben Ostern und Pfingsten zu den drei Hauptfesten des Kirchenjahres zählt, ist die Wendlinger Alevitin aufgewachsen. „Freunde haben mich in meiner Kindheit und Jugendzeit eingeladen“, erinnert sich die 41-Jährige. „Zusammen haben wir unterm Tannenbaum Weihnachten gefeiert und uns gegenseitig Geschenke gemacht.“ Doch nicht nur das.

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Daniela Haussmann

Wendlingen. Mit den Familien ihrer Schulkameraden besuchte sie den Weihnachtsgottesdienst, sang christliche Lieder, hörte Weihnachtsgeschichten und backte Plätzchen. „Ich hab mich nie ausgeschlossen gefühlt. Das gemeinsame Feiern war ein Stück Integration“, erklärt Serpil Arslan. „An Weihnachten gefällt mit vor allem das Besinnliche und das ruhige Feiern im kleinen familiären Kreis, aber auch die Kreativität, die mit dem Fest verbunden ist.“ Weihnachtssterne, Lichterketten und Adventskranz schmücken in der Vorweihnachtszeit die Wohnung der 41-Jährigen. „Der Islam ist hier ganz anders“, sagt ihr Cousin Firat Arslan. „Den islamischen Festen kann man sich nicht entziehen. A und O ist es, mit den Verwandten am Tisch zu sitzen und vor allem den Älteren Respekt zu erweisen.“

Das bestätigt auch Serpil Arslan. „Eigentlich war man immer neidisch auf die Freunde, die all die Traditionen, die das Weihnachtsfest und die Adventszeit bestimmen, erleben“, erzählt die 41-Jährige. In der Schule habe man viel über das christliche Fest, seine Hintergründe und auch die Traditionen erfahren, doch die Muslime selbst hätten es nicht ausleben können. „Während Weihnachten ein Feiertag ist, habe ich den Ramadan als Kind immer als eine einzige Hetze empfunden“, lacht die Wendlingerin. „Tagsüber ging man acht Stunden arbeiten, abends besuchte man dann alle Familienmitglieder, verteilte Handküsse und dann war es gut. Besinnlichkeit kam hier kaum auf“.

Dass sich Weihnachten nicht nur unter Muslimen in der Bundesrepublik, sondern auch in Japan, China und den muslimischen Ländern immer mehr ausbreitet, beobachtet Michael Blume. „In Hollywoodfilmen und generell der TV-Kultur sowie im Kontakt mit Christen wird Weihnachten vorgestellt und so bekannt gemacht“, erklärt der Heidelberger Religionswissenschaftler. „Ein weiterer Grund für die Ausbreitung ist aber auch, dass Weihnachten viele interkulturelle Werte wie Familiensinn, Gemeinschaft oder Barmherzigkeit anspricht.“ Ob jüdisches Chanukkafest oder muslimisches Opferfest, überall seien diese Werte enthalten und sprächen die verschiedenen Gläubigen an.

„Und gerade auch für Muslime ist Jesus sehr wichtig; über seine Geburt, die an Weihnachten gefeiert wird, berichtet auch der Koran. Darüber hinaus kommt der Nikolaus, ursprünglich der Bischof von Myra, ja ursprünglich aus der Türkei“, erklärt der Forscher. „Die Geburt Jesu und der schenkende Nikolaus stellen damit verbindende Elemente dar.“ Auf viele Muslime übe das Weihnachtsfest auch deshalb eine große Anziehung aus, weil es im kleinsten familiären Kreis gefeiert würde, zu dem auch nur die engsten Freunde eingeladen würden. „Es steht nicht die öffentliche, sondern die spirituelle Religionsübung im Mittelpunkt“, sagt Blume. „Das berührt natürlich auch Menschen anderer Religionen, die hier auch bei ihnen gültige Werte wiederfinden. Und schließlich spielt eine Rolle, dass auf der nördlichen Erdhalbkugel der Dezember kalt und dunkel ist, da sehnen sich alle Menschen nach Wärme und Licht“.

„Der Ramadan oder das Opferfest empfinden wir als unser Weihnachtsfest“, erklärt Firat Arslan. „Wir leben in Deutschland und können von Weihnachten nicht profitieren, aber wir haben in unserer Kultur diese beiden Feste und möchten sie als Tradition fortführen.“ Neben dem Ramadanfest ist das Opferfest das bedeutendste Fest der islamischen Welt. „Es erinnert an die Bereitschaft Abrahams, einen seiner Söhne zu opfern“, erklärt Michael Blume. „Barmherzigkeit, die Gemeinschaft, aber auch das Teilen wird hier thematisiert, genau wie im Weihnachtsfest“, so Blume. „Damit bildet sich insgesamt gesehen ein größeres Bewusstsein für das Gemeinsame der Religionen und verschiedenen Kulturen heraus.“

Firat Arslan hat bislang noch kein Weihnachten gefeiert. „Doch das werde ich auf jeden Fall noch machen“, so der 19-jährige Gymnasiast. „Das Opferfest ist eine schöne Sache vor allem für die Jüngeren, weil es Süßigkeiten und Geld gibt.“ Wobei die Geschichte mit dem Geld erst viel später eingeführt wurde. Traditionell verteilte man das Fleisch an Arme und jene, die sich kein Fleisch leisten konnten“, so Serpil Arslan. „Mit der Einführung von Geldspenden hat sich der Islam eigentlich dem Christentum angeglichen. Früher war das nicht so.“ Dass das Weihnachtsfest bei Muslimen große Resonanz findet, das bestätigt auch die 41-Jährige. Sie kann sich noch daran erinnern, als ihre Eltern, die als Gastarbeiter aus der Türkei kamen, zur betrieblichen Weihnachtsfeier gingen. „Für sie war das unheimlich wichtig, mit den Kollegen zusammen zu feiern und damit zur Firmenfamilie zu gehören“, erklärt Arslan. „Es hat aber auch etwas damit zu tun, die Tradition des anderen zu respektieren, weil man um die Bedeutung des Festes weiß“.

Als Serpil 18 Jahre alt war, brachte sie einen Tannenbaum nach Hause, den sie schmückte und führte so das Weihnachtsfest im engsten Familienkreis ein. Seitdem ist es bei den Arslans gang und gebe, dass sich die Familienmitglieder gegenseitig beschenken. „Frieden, Familie, Besinnlichkeit haben in allen Weltreligionen eine große Bedeutung“, so die 41-Jährige. „Deshalb sollte man sich nicht scheuen, auch Weihnachten zu feiern, denn als Privatmenschen sind wir nicht im Krieg miteinander. Was andere daraus machen, ist eigentlich Politik und das muss ich nicht mitmachen.“