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Auf das Unfassbare folgte die "Erfolgsstory der Lebenshilfe"

Die Kirchheimer Lebenshilfe ist ins "Schwabenalter" gekommen: Seit nunmehr vier Jahrzehnten setzt sie sich für die Belange von Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen ein. Bedürfnisse und Interessen, Teilhabe und Akzeptanz Betroffener stehen dabei im Mittelpunkt. Mit einem Festakt im Foyer der Kirchheimer Kreissparkasse feierte der Verein sein 40-jähriges Bestehen.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM "In den vergangenen vier Jahrzehnten ist es der Kirchheimer Lebenshilfe gelungen, sich als eine starke Selbsthilfeinitiative von Betroffenen und Eltern und als ein kompetenter Einrichtungsträger zu etablieren", würdigte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker das Wirken des Vereins, der 1965 als bundesweit 200. Ortsvereinigung der Lebenshilfe gegründet wurde. "Bei allem, was die Lebenshilfe tut, stehen die Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt. Sie sind die Akteure", betonte die Oberbürgermeisterin und stellte fest: "Eine bemerkenswerte Entwicklung nimmt in jüngster Zeit das Engagement der Menschen mit Behinderung." Betroffene setzten sich immer stärker selbst für ihre Anliegen ein und engagierten sich bürgerschaftlich, etwa beim Dämmerschoppen der Stadt.

"Die Lebenshilfe ist zunehmend zur Selbsthilfe-Organisation der Menschen mit Behinderung geworden", unterstrich Bärbel Kehl-Maurer, Vorsitzende der Kirchheimer Ortsvereinigung. Auch beim Festakt wurden Mitwirkung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung umgesetzt: So moderierten Markus Schmid und Jochen Schumann, die 2004 als erste Menschen mit Behinderung in den Vorstand der Kirchheimer Lebenshilfe gewählt wurden, zusammen mit Bärbel Kehl-Maurer den Abend. Für musikalische Unterhaltung sorgte die Band der Bodelschwinghschule Nürtingen "Die Coolsten" und im Foyer der Kreissparkasse wurde die Ausstellung "Bilder des Lebens" mit Werken behinderter Künstler eröffnet.

"In der Lebenshilfe kommt mehr und mehr als viertes Element die Selbsthilfe geistig behinderter Menschen hinzu", sagte Robert Antretter, Bundesvorsitzender der Lebenshilfe. Dieser Punkt bereichere die bewährte Verbindung aus den drei Elementen Elternvereinigung, Fachverband und Trägerverein. "Prägend für die Lebenshilfe muss jedoch der Charakter einer Elternvereinigung bleiben", betonte Antretter: "Eltern müssen das tragende Element bleiben, sonst verliert die Lebenshilfe das, was sie in besonderem Maße kennzeichnet und sie auch hier in Kirchheim hat so erfolgreich werden lassen." Dies stehe der Tatsache, dass behinderte Menschen ihr Leben immer mehr selbst in die Hand nehmen wollen, jedoch keinesfalls im Wege. Vielmehr ergänzten sich beide Komponenten.

In seiner Festrede warf Robert Antretter einen Blick zurück in die Gründungszeit der Vereinigung. "Es gibt ein Ding, stärker als alle Armeen der Welt: Das ist eine Idee, für die die Zeit gekommen ist", zitierte der Bundesvorsitzende den französischen Philosophen Voltaire und folgerte: "Darum war in den späten Fünfziger- und in den Sechzigerjahren die Zeit reif für die Lebenshilfe." Mit Ausnahme weniger Kulturkreise hätten es die abendländischen Kulturen "nicht immer gut gemeint mit Menschen, die anders waren, die geistig behindert waren". Das vergangene Jahrhundert habe dann einen Höhepunkt an Unmenschlichkeit zu Tage gebracht: "Die Kulmination in der Verachtung behinderten Lebens im Nationalsozialismus."

Aus diesem Unfassbaren und aus den "Abgründen der Barbarei" sei Lebenswille entstanden: Die Gründer der Lebenshilfe, zumeist Eltern behinderter Kinder, hätten die Idee, die Kraft und den Willen gehabt, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, ihre Kinder nicht mehr zu verstecken und in die Öffentlichkeit zu treten, um Forderungen zu stellen. "An dieser Stelle begann die Erfolgsstory der Lebenshilfe", sagte Robert Antretter.

"Behindert ist man nicht, behindert wird man", konstatierte der Bundesvorsitzende. Menschen dürften nicht auf Grund ihrer Defekte definiert werden, sondern auf Grund ihrer Möglichkeiten. Auch geistig behinderte Menschen hätten der Gesellschaft einiges zu bieten: Sie engagierten sich auf allen Ebenen in Werkstatträten, Beiräten und Vorständen. Sie bewiesen ein hohes Maß an Kreativität und hätten Werte zu bieten, die für die Gesellschaft wichtig sind: Herzlichkeit und Vertrauen, Geduld, Entschleunigung, Offenheit und Ehrlichkeit, führte Antretter an und fragte: "Können wir, die wir durch Intellekt, Diplomatie, durch taktisches Kalkül und Berechnung verdorben sind, nicht gerade viel von jenen Menschen lernen, die intellektuell beeinträchtigt, die einfältig sind?"

"Unser Land befindet sich in einer wirtschaftlich schwierigen Situation", gab Antretter zu bedenken. Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Angehörigen seien ganz besonders auf die solidarische Unterstützung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft angewiesen. "Wir können und dürfen es deshalb nicht zulassen, dass der Staatshaushalt auf Kosten der Schwachen und Schwächsten saniert wird", forderte er.

Auch von anderer Seite sieht Robert Antretter Gefahren auf Menschen mit geistiger Behinderung zukommen: "Bei Teilen der Wissenschaft macht sich eine gefahrvolle Denkweise für behinderte Menschen breit", warnte der Bundesvorsitzende vor einer neuen, "großzügigen" Ethik: "Es werden immer mehr Stimmen hörbar, die wieder von lebensunwertem Leben sprechen." Gerade Deutschland mit seiner Vergangenheit müsse in diesem Punkt besonders sensibel sein und eine "menschenfreundliche" Richtung einschlagen.

Dieter Krug, Sozialdezernent im Landratsamt Esslingen, lobte die enge und gute Zusammenarbeit der Lebenshilfe Kirchheim mit dem Landkreis im Bereich der Behindertenhilfe. Er bezeichnete die Kooperation "als wichtiges Fundament", auf das sich in Zukunft gut aufbauen lasse. Seit Januar ist der Landkreis für die Eingliederungshilfe fachlich und finanziell zuständig.

"Wir sind unheimlich stolz auf die Lebenshilfe Kirchheim", lobte auch Rudi Sack, Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe. Er verlieh drei Vorstandsmitgliedern des Kirchheimer Vereins für "beispielhaftes Wirken und persönliches Engagement" die silberne Ehrennadel des Lebenshilfe-Landesverbandes: Martha Metzger, Christian Birzele-Unger und Gerhard Thrun wurden für ihre hervorragenden Dienste geehrt.

Eine besondere Auszeichnung erhielt Bärbel Kehl-Maurer: Im Namen der Bundesvereinigung verlieh Achim Wegmer einer der geistig behinderten Menschen, die Mitglied im Bundesvorstand sind der Kirchheimer Lebenshilfe-Vorsitzenden die goldene Ehrennadel. Wegmer bezeichnete Bärbel Kehl-Maurer als "diejenige, die ohne die Lebenshilfe nicht leben könnte aber auch die Lebenshilfe nicht ohne sie", und hob ihr Engagement auf allen Ebenen der Lebenshilfe hervor.