Lokales

Auf dem Wunschzettel Fusion mit Baden

Zwei Wochen Spitzensport hat die Olympia-Stadt Turin hinter sich. Zehn weitere Tage mit Höchstleistungen im Wintersport werden vom 10. bis 19. März bei den IX. Winter-Paralympics folgen.

THOMAS MÜLLER

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STUTTGART Auch drei Athleten aus württembergischen Vereinen werden die deutschen Farben bei den 9. Winter-Paralympics in Turin vertreten. Für den Vorsitzenden des Württembergischen Versehrtensportverbandes (WVS), Kurt Rataj, sind diese Ausnahmeathleten mehr als reine Medaillenjäger. "Die Vorbildfunktion im Behindertensport ist stärker ausgeprägt als im ,normalen' Sport", unterstreicht er.

In den vergangenen drei Jahren hat der Verband 3000 neue Mitglieder gewonnen. Das ist bei aktuell 24 000 organisierten Behindertensportlern in Württemberg ein stattlicher Anstieg, von dem viele andere Fachverbände nur träumen können. Vor allem bei Diabetes- und Schlaganfallpatienten, aber auch im Herzsportbereich, sind die Zahlen nach oben gegangen. "Die Leute wollen was machen. Auch raten immer mehr Ärzte nach Reha-Maßnahmen zu sportlicher Betätigung", erklärt WVS-Vorsitzender Rataj.

Der WVS reagiert auf diese Entwicklung mit einem Ausbau der Kernbereiche in der Übungsleiteraus- und -fortbildung. Denn die Kurse sind eigentlich immer ausgebucht, und gerade bei Herzsport und Sport nach Schlaganfall ist die Nachfrage zuletzt stark gestiegen. Auch deshalb sieht Rataj den Verband gegenwärtig gut aufgestellt: "Mit der allgemeinen Situation in Württemberg kann man zufrieden sein."

Trotzdem erkennt Ratja, der seit vergangenen Oktober den WVS führt, auch einige Defizite in der Verbandsarbeit. Während etwa die Sportarten Schwimmen und Leichtathletik immer beliebter würden, habe das Interesse an Großspielen wie Prell- oder Faustball merklich nachgelassen.

Nachwuchs bereitet SorgenZusätzlich bereitet der Nachwuchs dem WVS-Vorsitzenden Sorgen. Zwar sei bei vielen jungen Behinderten das Interesse am Sport sehr groß, allerdings hapere es an der Einbindung in die Vereine beziehungsweise Abteilungen, in denen sich vor allem die "ältere Generation" engagiert.

Der 66-jährige Rataj hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, mehr Angebote für Jugendliche in die Vereine zu bringen: "Im vergangenen Jahr haben wir deshalb in der Leichtathletik einen ersten Jugendförderlehrgang angeboten."

Das größte Projekt, das dem Behindertensport in Baden-Württemberg vor allem auf lange Sicht einen Schub geben würde, könnte jedoch vielleicht in zwei Jahren Realität werden. Bei der Jahreshauptversammlung des Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes Baden-Württemberg vergangenen November in Karlsruhe sprachen sich die Delegierten mit großer Mehrheit für den Zusammenschluss der badischen und württembergischen Teilverbände im Dachverband aus. "Wir wären dann nach Nordrhein-Westfalen der zweitstärkste Landesverband", erklärt Rataj. Für den Behindertensport im Ländle wäre die Fusion eine richtungweisende Entscheidung. Und auch die Spitzensportler könnten von einer Bündelung der Kräfte profitieren.

Auf Bundeseben etwa greife die finanzielle Unterstützung von Top-Athleten, vor allem im Nachwuchsbereich, noch nicht weit genug, so Rataj. Zudem tauchen behinderte Spitzensportler nach Ratajs Meinung noch immer zu selten in den Medien auf. "Hier müsste man mehr auf die Außenwirkung achten, damit sich die Darstellung nicht nur auf die ganz großen Ereignisse beschränkt", so der WVS-Präsident.

Immerhin: ARD und ZDF übertragen zwischen 11. und 19. März täglich im Schnitt rund eine Stunde von den Winter-Paralympics aus Turin. Vielleicht entdecken sie dort ein neues Vorbild für den Behindertensport.