Lokales

„Auf den Flügeln des Gesangs“

Matinée des Literaturbeirats und des Kulturrings zum Mendelssohn-Jahr

Kirchheim. Unter den vielen Jubilaren des „Super-Gedenkjahres“ 2009 findet sich auch Felix Mendelssohn

Florian Stegmaier

Bartholdy wieder. Dessen zweihundertster Geburtstag war dem Kirchheimer Literaturbeirat in Zusammenarbeit mit dem vhs-Kulturring ein willkommener Anlass, sein Liedschaffen in einen künstlerischen Dialog mit Werken von Josephine Lang (1815 – 1880) zu stellen.

„Auf den Flügeln des Gesangs“ – so das Motto der sonntäglichen Matinée im Kornhaus – begegneten sich Musik, Dichtung und literarischer Briefwechsel, geschmackvoll interpretiert und vorgetragen von Mezzosopranistin Christine Müller, der Stuttgarter Professorin für Sprechkunst Annegret Müller und Pianist Markus Hadulla.

Es war im Jahr 1830, als der damals 21-jährige Komponist während eines Aufenthalts in München ein 15 Jahre altes Mädchen kennenlernte, das ihm selbst geschriebene Lieder vorsingen musste. Ihrem Tagebuch vertraute Josephine Caroline Lang – das war der Name der jungen Künstlerin – an, dass diese Begegnung in ihrem Wesen „eine völlige Umwälzung“ hervorgebracht habe. Mendelssohns Musik habe ihr ein neues „Ideal“ aufgezeigt, sein „Geist“ habe ihr „Licht verschafft“.

Sofort erkannte Mendelssohn ihren „sonnenklaren Zug von Talent“, zeigte sich angetan von der Empfindsamkeit ihrer Lieder und einer natürlichen Begabung, die er unumwunden als „Genialität“ festschrieb.

Zum Abschied gab er ihr den Rat, „ihr Talent heilig zu halten“ und überreichte einen Band mit Goethes Dichtungen, darin die Widmung: „Nur nicht lesen, immer nur singen und das ganze Buch ist Dein“.

Josephine Lang avancierte in München zur anerkannten Künstlerin, wirkte als Gesangs- und Klavierlehrerin und fand 1835 schließlich Aufnahme in der Münchner Hofkapelle. 1842 heiratete sie den Juristen und Dichter Christian Reinhold Köstlin, mit dem sie nach Tübingen zog.

Obwohl sich Lang und Mendelssohn nie wieder persönlich begegnen sollten, statteten sie sich bis 1844 diverse „schriftliche Besuche“ ab. In einem dieser Schreiben bittet sie Mendelssohn darum, die ihm zugedachte Widmung zweier Liederhefte anzunehmen. Aus Leipzig antwortet Mendelssohn mit ausdrücklicher Freude, aufrichtiger Anerkennung und kollegialem Zuspruch. Um „frische Musik“ handle es sich, neben der manch großer Meister „winzig“ scheine, um Lieder, die „zum Herzen sprechen“. Er mahnt sie, ihre Begabung nicht brachliegen zu lassen.

Auch die Patenschaft für Langs ersten Sohn übernimmt der Gewandhaus-Kapellmeister. Im Tübinger Haus der Köstlins wird der Kleine fortan scherzhaft „Felix Langsohn-Reinholdi“ genannt.

Josephine Lang komponierte fast ausschließlich Lieder. „Vergleicht man ihr Œuvre mit denen ihrer südwestdeutschen Kollegen Konradin Kreutzer oder Friedrich Silcher, so hebt es sich durch Originalität und Sensibilität von diesen ab und offenbart eine ungewöhnliche musikalische Begabung“, stellte Musikhistoriker Alfred Dürr einst fest.

Ein zutreffendes Urteil, das durch die hervorragende Darbietung von Christine Müller und Markus Hadulla seine volle Bestätigung fand. Ohnehin gilt die Mezzosopranistin seit ihrer im Jahr 2003 eingespielten CD „Das Lied im deutschen Südwesten“ als herausragende Interpretin und Spezialistin der Lieder des „schwäbischen Biedermeiers“. Für ihre charmante Interpretation eines Frühlingslieds „in schwäbischer Mundart“ ernteten die Musiker sogar spontanen Zwischenapplaus.

Vergleiche mit den Vertonungen berühmterer Zeitgenossen brauchen die Langschen Lieder sicher nicht zu fürchten. Auch Mendelssohns Werken stellen sie sich, wie das intelligent gestaltete Programm deutlich aufzeigte, gleichwertig zur Seite.

„Auf den Flügeln des Gesangs“ erwies sich als harmonisches Miteinander von künstlerischer Korrespondenz, Dichtung und Musik, als eine verdienstvolle, inspirierende Melange aus gesprochenem und gesungenem Wort.

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