Lokales

Auf den Spuren von Weinbau, Kinnsee und "Bürglesgoist"

Zu der schon Tradition gewordenen Frühjahrswanderung des Heimatbundes mit Rolf Götz erschienen bei herrlichem Wetter zahlreiche Mitglieder und Gäste.

BISSINGEN Erste Station in einem bunten Reigen von Sehenswürdigkeiten war die spätgotische Marienkirche von Bissingen. Vier an der Südwand eingemauerte Grabplatten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stellen in der Region einmalige Zeugnisse für die verheerenden Folgen dieses Krieges dar. Eine der Grabinschriften gilt dem von 1623 bis 1635 in Bissingen amtierenden Pfarrer Gallus Wagner, der im Alter von 40 Jahren starb und eines der insgesamt 348 Opfer war, die allein in Bissingen 1635 der Pest und dem Hunger erlagen.

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Nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt steht ein zweigeschossiger, verputzter Fachwerkbau, einst Pfleghof des Klosters Sankt Peter im Schwarzwald und heute Gasthof zum Ochsen. Die Bissinger Pflege war der Verwaltungsmittelpunkt für den beträchtlichen Klosterbesitz in Weilheim, Bissingen und Nabern, über den Sankt Peter auch nach der Reformation noch verfügte. Eine Inschriftentafel erinnert samt Wappen an Abt Ulrich von Sankt Peter, der 1722 den Bau des Pfleghofs veranlasste. Der vorletzte Pfleger, Ignatius Speckle, wurde später letzter Abt des Klosters und regierte bis zu dessen Aufhebung 1806.

Im Flur des Pfarrhauses befindet sich eine Gedenktafel mit dem Wappen des Klosters Sankt Peter und dem persönlichen Wappen des bei der Erbauung des Pfarrhauses regierenden Abtes Gallus Vögelin. Bei dem Text handelt es sich um ein so genanntes Chronogramm: Die durch Größe besonders hervorgehobenen Buchstaben des lateinischen Textes ergeben als Zahlzeichen gelesen und addiert die Jahreszahl 1594. Ein heute noch vollständig erhaltener mehrere Meter tiefer Graben, der ein rund zwei Ar großes Plateau im Bereich des Pfarrgartens umgibt, zeugt von einer der Kirchheimer Anlage in den "Herrschaftsgärten" vergleichbaren Wasserburg oder Turmhügelburg. Sie war wohl Sitz der im 12. Jahrhundert urkundlich bezeugten Herren von Bissingen.

1453 nutzte die Michaelskirche, deren Standort im Bereich des heutigen Friedhofs zu vermuten ist, den Burggraben gegen eine jährliche Geldabgabe möglicherweise als Fischteich. Damals war die Burg also schon verlassen. Das Ende der Michaelskirche kam 1568. Sie wurde abgebrochen und die Steine wurden für den Vorgängerbau des heutigen Rathauses verwendet.

Ein Spaziergang führte zum Weinbergschützenhäuschen auf einem aussichtsreichen kleinen Hügel, dem "Nabel". Eine gut leserliche Inschrift verrät, dass der dortige Weinberg mit viel Mühe angelegt und das Häuschen 1811 gebaut wurde. Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte Bissingen über 70 Morgen Weinberge. Rund 50 Jahre später kam jedoch das Ende des Weinbaus im "Dachsbühl" und anderswo. Die Reblaus, vor allem aber auswärtige Weine machten den Weinbau in Bissingen unrentabel. 1929 baute man dann auf den besten Lagen erneut Wein an, der sich auf dem "Nabel" und "Bol" bis 1960 hielt. Steil ansteigend ging nun der Weg hinauf zur Ruine Hahnenkamm.

Eine Teilnehmerin erzählte die in Bissingen wohl bekannte Geschichte vom "Bürglesgoist", den ein Bissinger, der zu tief ins Glas geschaut hatte, nächtens mit den Worten herausforderte: "So Bürglesgoist jetzt komm!" Kaum hatte er die Worte gesprochen, da erschien auch schon der Geist. Der Bissinger schlug gegen ihn mit dem Fuß aus, traf jedoch ins Leere. Sein Fuß aber blieb in ausgestreckter Haltung stehen. So fand man ihn am anderen Morgen.

Auf der Burg Hahnenkamm, einer ehemaligen teckischen Eigenburg, urkundete im Jahre 1300 Herzog Hermann von Teck. Als er Güter an das Frauenkloster in Kirchheim verkaufte, waren seine vier Söhne und elf Ministeriale anwesend. Das archäologische Fundgut lässt eine Nutzung der Burg zwischen 1250 und 1450 vermuten. Als Hermann seine Hälfte der Burg Teck und der Stadt Kirchheim verkaufte, gelangte unter anderem auch die Burg Hahnenkamm an das Haus Habsburg. 1323 fiel sie schließlich an Württemberg.

Eine Überraschung in der jüngeren Burgenforschung boten Fundstücke aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Sie legen eine bewohnte Burg in diesem Zeitraum nahe. Möglicherweise wurde sie wie die Thietpoldispurch bei den Kriegszügen Heinrichs IV. gegen seine Gegner im Investiturstreit zerstört.

Die letzte Besichtigung galt dem verschwundenen Adelshof Kinne und dem Kinnsee. Von einer Terrasse der Eichhalde aus konnten die Teilnehmer die Talaue des Gießnaubaches aus der Vogelperspektive betrachten. Bei der Anlage eines Drainagegrabens am Weg ins hintere "Loch" kamen 1981 an einer leicht überhöhten Hanglage über dem Gießnaubach Schieferstücke, Nägel, Hufeisenstücke und ein Tonpüppchen sowie Keramik aus dem 13. und 14. Jahrhundert zum Vorschein. Damit war der in zahlreichen Schriftquellen erwähnte Hof Kinne wiederentdeckt worden. Offensichtlich war im Talkessel zwischen Teck, Diepoldsburg und Hahnenkamm eine teckische Dienstmannenfamilie zum Landesausbau und zur Fischzucht angesetzt worden. Man nimmt an, dass der 1267 in einer Urkunde des Esslinger Sankt-Katharinen-Spitals als Zeuge aufgeführte Conrad von Kinne, Laienbruder und später Spitalmeister, sich nach dem in der Kirchheimer Oberamtsbeschreibung von 1842 erwähnten Kinne bei Bissingen nannte. Im 15. Jahrhundert ging das Gut Kinne an die Gemeinde Bissingen über, die es als Allmandweide und seit 1901 als Jungviehweide nutzte.

Wahrscheinlich ist der bei Kinne aufgestaute Kinnsee zusammen mit dem Hof angelegt worden und diente der Versorgung der Teck mit Fischen. Er wird erstmals 1513 erwähnt und im Lagerbuch von 1560 zur Herrschaft Württemberg gerechnet. Im Seebuch des Jacob Ramminger von 1596 wird die Fläche mit drei Morgen, das heißt etwa einem Hektar, angegeben. Besetzt war der See damals mit "guten Forellen oder Vorhennen". In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges wurde der See abgelassen und im Kieserschen Forstkartenwerk von 1683 ist er nicht mehr eingezeichnet.

pm