Lokales

Auf der Bühne ereignet sich "ein kleines Wunder"

KIRCHHEIM Als das Melchinger Theater Lindenhof im Jahr 2002 Menschen mit Behinderung aus dem Heim Mariaberg in Gammertingen ins Rampenlicht der Theaterwelt holte, war es für die Mariaberger und die Lindenhöfer eine Premiere. 60 Mal in Baden-Württemberg und auch darüber hinaus wurde die Collage "Meine Welt ist das Leben" gezeigt. "Das war eine sehr erfolgreiche Arbeit", blickt Stefan Hallmayer vom Lindenhof zurück. Schnell sei klar gewesen: "Das wollen wir wieder machen." Im April vergangenen Jahres nun feierte der zweite Streich Premiere. Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena" mit zehn Spielern mit Behinderung und drei Lindenhof-Darstellern. Am Sonntag, 10. Februar, um 18 Uhr gastiert die Produktion in der Waldorfschule in Kirchheim-Ötlingen. Veranstalter ist der Aktionskreis Behinderte Kirchheim (AKB).

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Für die Melchinger Bühne hatte die Arbeit mit Menschen mit Behinderung einige Begleiterscheinungen. Neues Publikum kam an den Lindenhof, erzählt Hallmayer, der beim Büchner-Projekt die Gesamtleitung innehat. Und man konnte beweisen, dass die Integration von Behinderten nicht nur die Sache einiger einzelner Institutionen sein kann. Abend für Abend leistete man auf den Bühnen integrative Arbeit. Das Thema wurde grundsätzlich diskutiert. Und ganz nebenbei gab es an manchen Abenden sogar Standing Ovations. Das bestätigte Hallmayer & Co. in ihrem Bestreben, ein weiteres integratives Theaterprojekt anzupacken.

Das ganze Jahr 2006 arbeitete man daran. Zuerst gab's Theaterkurse für die Menschen aus dem Mariaberger Heim. Da wirkten schon mehr mit als bei der ersten Produktion, zwölf bis 15 Spieler fanden sich. Aus diesem Pool sollte sich das Ensemble herauskristallisieren. Es galt, Spieler für die Figuren zu finden. Und nicht mehr andersrum. Schließlich wollte man nicht wie bei der ersten Produktion improvisierend eine Collage vorlegen. Diesmal gab es ein anderes Ziel. Hallmayer: "Wir wollten uns an einer Vorlage reiben." Die Theatermacher rechneten mit einem Lustspiel nach Georg Büchner. Mit Betonung auf dem Wort nach. Das sensationelle Ergebnis: Es wurde tatsächlich ein Lustspiel von Georg Büchner. Mit Betonung auf von. Und so ist Leonce und Lena ganz normaler Bestandteil des Spielplans der Melchinger geworden. Für diese und auch für die nächste Spielzeit.

Letztlich konnten nicht alle Workshopteilnehmer am Projekt mitwirken. Januar ging's in die Produktion, die letzten sechs Wochen vor der Premiere wurde täglich mit den Spielern gearbeitet. "Wir mussten ganz individuell mit den Stärken des Einzelnen arbeiten", berichtet Hallmayer. Intensiver als in der sonstigen Theaterarbeit. Es gab viele Einzelproben. Nebenbei musste man nach Sponsoren suchen. Denn schließlich leisten die Menschen in den Mariaberger Heimen produktive Arbeit. Und wenn geprobt wurde, konnte nicht gearbeitet werden. Die Kulturstiftung des Bundes sprang ein, ebenso unter anderem die Landesstiftung Baden-Württemberg und die Robert-Bosch-Stiftung. Und das Heim anerkennt, dass es sich bei der Theaterarbeit tatsächlich um Arbeit handelt. Die Spieler bekommen frei von der Arbeit, auch zum Lernen der Texte. Und der Betreuer schaut schon einmal danach, dass die Hausaufgaben erledigt werden. Hallmayer: "Da hat sich eine richtig gute Zusammenarbeit entwickelt."

Die Suche nach den individuellen Stärken gewinnt also bei der Arbeit mit Behinderten noch größeres Gewicht. Außerdem können natürlich Tagesbefindlichkeiten nicht in dem Maße ausgeblendet werden, wie es sonst in der eher alltäglichen Theaterarbeit passiert. Dabei muss auch hier sehr diszipliniert gearbeitet werden. Es müsse Raum für Gespräche und Exkurse geben. Es muss aber klar sein, dass es doch immer noch um eine Theaterprobe geht, stellt Hallmayer klar. Alle arbeiten da auf ein Ziel hin. Hallmayer: "Sonst kann man ausweichen, hier geht's nicht."

Mit einer Behinderung gehe zudem oft einher, dass die Menschen glauben, sie können sowieso nichts schaffen. Mangelndes Selbstbewusstsein als Folge der Behinderung: "Da wirkt die Theaterarbeit natürlich auch therapeutisch", sagt Hallmayer. Wenn dann der Schlussapplaus erklingt, realisieren die Spieler durchaus, dass sie etwas ganz Besonderes tun. Etwas, das auch für Menschen ohne Behinderung alles andere als selbstverständlich wäre. Die Spieler, berichtet Hallmayer zufrieden, seien dann regelrecht euphorisiert.

Die Euphorie der Mariaberger ist durchaus berechtigt, schenkt man dem erfahrenen Theatermann von der Alb Glauben. Spieler, die sonst zum Beispiel Schwierigkeiten in der Schule haben, leisteten Unglaubliches. Hallmayer denkt an die beiden Hauptdarsteller, Leonce und Lena. Beides Menschen mit Behinderung: "Wie die das machen, das ist ein kleines Wunder." Dabei sei für alle Beteiligten ein künstlerischer Mehrwert entstanden. Die Melchinger reflektierten dabei ihre tägliche Arbeit. Mussten sich hinterfragen. Sie mussten sich in ihren Ansichten bewegen, die Spieler wie Schachfiguren zu bewegen gehe nicht. Eine große Herausforderung für den jungen Regisseur Oliver Moumouris. Eine Herausforderung, die er laut Hallmayer glänzend bestand. Das begeisterte Echo bei den bisherigen Aufführungen bestätigt ihn.

Bleibt die Frage, warum es ausgerechnet Büchner sein musste. Der, so Hallmayer, habe sich mit seinem ganzen Werk voller Hass gegen die gewandt, die von oben her auf andere hinabschauen. Zum Beispiel mit dem Woyzeck. Und: "Büchner stellt sich immer auf die Seite der Verlierer." Seine Maxime sei, dass nicht die Intelligenz, sondern der Mensch an sich die Krone der Schöpfung sei.

Und warum gerade "Leonce und Lena"? Die einfache Grundgeschichte zog die Theatermacher an. Eine einfache Parabel. Junge Menschen, die sich gegen das Vorgegebene wenden, die rebellieren, davonlaufen und letztlich den Zwängen und Fängen nicht entkommen können. Da musste zwar im Stück gestrichen werden, doch zur Realisierung dieser Geschichte mussten keine Szenen in eine andere Sprache übersetzt werden. Hallmayer wird nicht müde, diese Leistung aller Spieler hervorzuheben: "Wir blieben eng an der Vorlage." Eine Leistung, die sicherlich ein großes Publikum verdient hat.

nz

INFOKarten für die Aufführung am 10. Februar um 18 Uhr in der Kirchheimer Waldorfschule sind in der Kirchheimer Bücherstube, Flachsstraße 5, Telefon 0 70 21 / 4 26 69, und beim Aktionskreis Behinderte erhältlich.