Lokales

"Auf der großen politischen Ebene herrscht Eiszeit"

WENDLINGEN Im Mittelpunkt der Festsitzung des Patenschaftsrates und des Heimatausschusses im Rahmen des Vinzenzifestes stand in diesem Jahr die Festrede des Münchner CSU-Bundestagsabgeordneten Matthias Sehling, der zugleich Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen ist. Seine harsche Kritik an der Politik der tschechischen Republik, seine Forderung nach einer Regelung der Vermögensfrage und seine "Aneinanderreihung bekannter Dinge" wurde von den Besuchern der Festsitzung keineswegs unisono gut geheißen. Ihnen fehlte ein versöhnlicher, in die Zukunft gewendeter Aspekt. Beifall erntete Chebs Bürgermeister Václav Jakl, der den Menschen, die ihre Heimat verloren haben, seine Achtung aussprach.

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Wendlingens Bürgermeister Frank Ziegler hatte zur Festsitzung am Samstag zahlreiche Gäste willkommen geheißen unter ihnen die Abgeordneten Carla Bregenzer und Markus Grübel. "Dialog führen, Europa gestalten", dieses Motto des Tages der Heimat 2004 stellte der Bundestagsabgeordnete und Festredner Matthias Sehling über seine Ansprache. Ein freies und geeintes Europa der Völker und Volksgruppen unter Achtung des Rechts sei seit jeher eines der wichtigsten Ziele. "Wir Heimatvertriebene begrüßen es, dass mit dem Beitritt von Polen, Tschechen, den baltischen Staaten, Ungarn, Slowenien und der Slowakei die Ost-West-Spaltung überwunden worden ist."


Das nationalsozialistische Regime, der Zweite Weltkrieg und die Stalindiktatur habe vielen Menschen unendliches Leid und jahrzehntelange Unfreiheit gebracht. Es sei gut, dass diese Völker, die geografisch, kulturell und wirtschaftlich immer zu Europa gehört hätten, jetzt ihren Platz in der erweiterten Europäischen Union fänden.


Sehling erinnerte an die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die 1950 in Stuttgart unterzeichnet worden war. Darin heiße es wörtlich: "Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können". Seit der Wende im Jahr 1989 habe es im deutsch-tschechischen Verhältnis große Chancen gegeben, einige Erfolge, aber auch große Enttäuschungen. Für die Politik beider Staaten, für die Menschen und für die vertriebenen Sudetendeutschen blieben auch künftig große Aufgaben. Sehling lobte die Partnerschaften auf kommunaler Ebene zwischen West und Ost. Diese Volks-Diplomatie laufe erfreulich positiv. Auf großer politischer Ebene herrsche dagegen eine unerfreuliche Eiszeit.


Matthias Sehling erinnerte "an eine Kette unfreundlicher Akte seitens der tschechischen Republik", nannte hier die Nichtaufhebung der Benesch-Dekrete beim Beitritt in die Europäische Union. "Dies wäre eine Chance gewesen, sich von dem unwürdigsten Teil der eigenen Nachkriegsgeschichte zu trennen."


Jede Vertreibung sei Unrecht und Menschenrechtsverletzung. Die Vertreibung der Deutschen sei Unrecht, das wieder gut gemacht werden müsse. Von einer "Geschmacklosigkeit" sprach er im Zusammenhang mit dem tschechischen Gesetz zur Ehrung von Edvard Benesch. Trotz allem bleibe es Aufgabe der Zukunft, "gerade für uns Heimatvertriebene, die deutsch-tschechischen Beziehungen zu verbessern". Jeder könne dazu beitragen, "mit Besuchen drüben, mit Einladungen nach hier, mit Jugendaustausch und mit offenem Dialog mit den tschechischen Nachbarn".


Kritik übte der CSU-Bundestagsabgeordnete an Bundeskanzler Schröder und dessen Auftreten in Warschau. "Der Bundeskanzler hat das Gedenken an den heroischen Aufstand der Polen dazu benutzt, die Vermögensansprüche der deutschen Heimatvertriebenen als illegitim darzustellen." Ein solches Verhalten sei unredlich. Die Vermögensfragen seien noch regelungsbedürftig. Das sei nichts Unmoralisches, sonder deutsche und internationale Rechtslage. Der Verband der Landsmannschaften fordere, den Weg frei zu machen für eine politische Lösung, die den seit Jahrzehnten nachhaltig gestörten Rechtsfrieden wieder herstelle.


"Die Pflege des Kulturgutes darf nicht Sache der Vertriebenen allein sein, sie darf nicht nur ins Museum gesteckt werden", forderte Festredner Matthias Sehling und kritisierte die Kürzung der Finanzmittel in diesem Bereich. Der Bund der Vertriebenen fordere eine sachliche und angemessene Darstellung jahrhundertelanger deutscher Aufbau- und Zivilisationsarbeit in Ostdeutschland, in den böhmischen Ländern und in ganz Osteuropa. Solche Kulturarbeit brauche eine angemessene staatliche Förderung.


Wendlingens Alt-Bürgermeister Hans Köhler erinnerte an die vielen kleinen Schritte freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien. Wichtig sei, die Kulturarbeit weiterhin sicher zu stellen, nicht am falschen Platz Gelder zu streichen. Das Wissen um die Geschichte sei für nachfolgende Generationen wichtig. Den jungen Tschechen müsse Gelegenheit gegeben werden, Geschichte ganz neu zu lernen, das brauche Zeit. Die Vermögensfrage der Heimatvertriebenen interessiere junge Leute dagegen überhaupt nicht.


Chebs Bürgermeister Václav Jakl dankte für die Gastfreundschaft und sprach davon, alle zu achten, die aus der Heimat vertrieben und in der neuen Heimat die Tradition des Egerlandes pflegten. Er habe Achtung vor allen Menschen, die aus der Heimat vertrieben wurden und trotzdem nicht verbittert seien.


Václav Jakl, zugleich Präsident des "Euregio Egrensis", einem Regionalen Verband der Städte und Gemeinden in Europa, erinnerte an die Prob-lematik der grenznahen Länder, an deren niederes Lebensniveau. Wer eine Verbesserung wolle, brauche grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Dann zählte der Bürgermeister der tschechischen Stadt Cheb eine ganze Reihe von bereits laufenden grenzüberschreitenden Programmen auf. Dazu gehört die Stiftung "historisches Eger".