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"Auf Hass kann man keine Zukunft bauen"

"Deutsche und Ruander haben eines gemeinsam einen Völkermord in ihrer Geschichte": Eine erschreckende Parallele war es, auf die die Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dr. Uschi Eid, bei einem Empfang im Nürtinger Rathaus aufmerksam machte.

JÜRGEN GERRMANN

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NÜRTINGEN Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich hieß bei dem Empfang mit Eugene-Richard Gasana nicht nur den Botschafter der Republik Ruanda in der Bundesrepublik Deutschland in der Stadt willkommen, sondern auch einen beeindruckenden Menschen, der sein Leben offenkundig in den Dienst der Versöhnung gestellt hat.

Als Vertriebenenkind war der Botschafter vor 43 Jahren in Burundi geboren worden, als Flüchtling kam er nach Deutschland, wo er in Köln Betriebswirtstaft studierte, bevor er eine Ausbildung bei der Commerzbank absolvierte und nach verschiedenen Stationen seit rund eineinhalb sein Land in Deutschland vertritt.

Der Oberbürgermeister wies darauf hin, dass das Pro-Kopf-Einkommen in Ruanda bei gerade mal 220 US-Doller pro Jahr liege: "Wenn wir in Deutschland über schwierige Verhältnisse klagen, sollte man sich das immer mal wieder bewusst machen."

Der Gast verblüffte in bestem Deutsch viele im Publikum, das er mit "liebe Freunde" anredete. Zum Beispiel, indem er seine kurze Rede mit einem Zitat des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe begann: "Begegnungen von Menschen sind wie Einatmen und Ausatmen."

Durch die Einladung an den Neckar sei er sehr geehrt. Es freue ihn, die Heimat seiner langjährigen Freundin Uschi Eid einmal kennen zu lernen, die so viel für Afrika getan habe. Sicher nicht ohne Grund habe sie der Kanzler zu seiner Beauftragten für den G 8-Gipfel zum Thema Afrika ernannt: "Sie hat sich sehr stark für Afrika und unser Land engagiert. Ruanda ist immer wieder weitergekommen durch Ihre Menschlichkeit. Sie sollten stolz sein, so jemand zu haben wie Dr. Uschi Eid", riet er.

Uschi Eid war ob dieses Lobes zutiefst gerührt. Sie erzählte von ihrer ersten Reise in dieses Land vor zehn Jahren, als kurz zuvor binnen dreier Monate eine Million Menschen umgebracht worden seien. Seit dieser Zeit fühle sie sich Ruanda und der Versöhnungsarbeit dort aufs Tiefste verbunden. Das und nicht die kurze Zeit, in der das Land deutsche Kolonie war sei ohnehin die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen Deutschland und Ruanda: nach der Versöhnung zwischen Tätern und Opfern zu trachten. Wobei immer nur der die Hand zu echter Versöhnung ausstrecken könne, der Opfer gewesen sei. In Ruanda sei das deswegen schwierig, weil Nachbarn Nachbarn und Klassenkameraden Klassenkameraden niedergemetzelt hätten.

Oft fehle jedoch das Unrechtsbewusstsein völlig. Bei einem Besuch mit dem damaligen Außenminister Klaus Kinkel hätten Menschen den deutschen Gästen erzählt, sie wüssten gar nicht, warum sie im Gefängnis säßen: "Wir haben doch nur 13 oder 40 Leute umgebracht und nur das getan, was unser Bürgermeister sagte." Bei einer Reise mit Joschka Fischer habe im Gespräch mit Opfern viele Frauen wurden in dem Bürgerkrieg vergewaltigt und dadurch zudem mit Aids infiziert habe eine Ruanderin gesagt: "Ich frage mich, was habe ich vorher getan, um das zu verhindern? Und das werden mich meine Kinder eines Tages auch fragen." Da sei es ihr eiskalt den Rücken hinunter gelaufen, bekannte die Politikerin: "Diese Fragen kennen wir doch nur zu gut aus unserer eigenen Geschichte."

"Jetzt ist Ruanda ein friedliches Land", versicherte Eugene-Richard Gasana. Im Auftrag der Afrikanischen Union seien Polizisten und Soldaten aus dieser Republik sogar in der sudanesischen Krisenprovinz Darfur, um dort quasi als Blauhelme Frieden zu stiften. Frieden nach innen zu stiften, das stuft der Botschafter selbst offenkundig als Generationenaufgabe ein. Wissenschaftlich gesehen gebe es die unterschiedlichen Stämme der Hutu und Tutsi schlichtweg nicht, die in der Geschichte Ruandas immer wieder übereinander hergefallen seien. "Die Unterschiede gab es nur in den Ausweisen und diesen Eintrag haben wir abgeschafft. Zwischen Schwaben und Bayern gibt es sicher viel größere Unterschiede als zwischen Tutsi und Hutu", so der Botschafter. Diese fatale "ethnische Ideologie" sei nur von den damaligen Machthabern geschürt worden, um das Land besser im Griff halten zu können.

Gasanas Frau Agnes hat in diesen Schreckensmonaten Eltern und Geschwister und viele andere Angehörige verloren. Dennoch rufen die beiden nicht nach Vergeltung. Ganz im Gegenteil: "Wer auf Hass baut, baut seine Zukunft auf Sand. Wenn wir an die nächste Generation denken, dann müssen wir unsere Gefühle für die Zukunft opfern. Der Hass bringt uns die Eltern auch nicht zurück." Versöhnen müsse man sich, vergessen dürfe man nicht: "Es ist unsere moralische Pflicht, alles dafür zu tun, damit sich so etwas nie wiederholt. Da müssen wir ganz klein anfangen und schon unsere Kinder ganz anders erziehen", so die afrikanischen Gäste.

Wer mehr über Ruanda wissen möchte, kann Informationen auch im Internet finden unter www.rwanda-botschaft.de.