Lokales

Auf Mitbewohner eingestochen

Wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung und gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung sitzen seit gestern zwei aus Kasachstan stammende arbeitslose 27- und 28-jährige Männer aus Kirchheim auf der Anklagebank einer Strafkammer am Stuttgarter Landgericht.

BERND S. WINCKLER

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STUTTGART Die Vorwürfe gegen die beiden Russlanddeutschen vor der 16. Großen Strafkammer sind schwer: Am späten Abend des 10. Januar dieses Jahres war laut Anklage ein 20 bis 25 Zentimeter langes Brotmesser im Spiel, mit dem man einen Bewohner der Aussiedler-Unterkunft in der Nürtinger Straße in Kirchheim malträtiert haben soll. Warum die beiden Angeklagten mit dem Opfer in Streit geraten sind, erfuhren die Stuttgarter Richter am ersten Prozesstag noch nicht beide Angeklagten machen eine Gedächtnislücke geltend.

Doch der Mann soll nach der Auseinandersetzung mit tiefen Stichwunden am linken Arm ins nächste Krankenhaus eingeliefert worden sein. Die Ärzte stellten eine komplette Muskeldurchtrennung fest und mussten den Verletzten sofort operieren. Der Fall war bereits beim Kirchheimer Schöffengericht angeklagt, wobei der dortige vorsitzende Richter eine mögliche versuchte Tötung nicht ausschloss und die Sache daher an das Stuttgarter Landgericht verwies.

Drei Wochen nach dieser Attacke soll der 27-jährige Hauptbeschuldigte von einem Mitbewohner der Unterkunft plötzlich unter Drohung 200 Euro verlangt haben. Als dieser kein Geld heraus rückte, habe er seine Fäuste gegen ihn eingesetzt und ihm mehrere Fußtritte verpasst. Schließlich habe er feststellen müssen, dass das Opfer kein Geld hatte und ließ von ihm ab. Allerdings soll er kurze Zeit später zusammen mit seinem mitangeklagten Landsmann wieder im Zimmer des Opfers erschienen sein. Diesmal hatten die Angeklagten laut Anklage einen drei Meter langen und drei bis vier Zentimeter starken Holzstock dabei, mit dem nun der Mann niedergeschlagen wurde.

Dabei erlitt das Opfer mehrere Rippenbrüche und Hämatome am ganzen Körper. Am rechten Arm stellten die Ärzte des Kirchheimer Krankenhauses später doppelte Brüche fest, die durch eine sofortige Operation behandelt werden mussten. Auch eine offene Kopfplatzwunde war die Folge dieser Auseinandersetzung.

Der 27-jährige Angeklagte konnte erst drei Wochen nach dem Vorfall ermittelt und in Nürtingen festgenommen werden. Sein neben ihm sitzender Landsmann befindet sich auf freiem Fuß. Ihm wird nur "Beihilfe" zur Körperverletzung und zum versuchten Raub vorgeworfen.

Allerdings bestreitet der Hauptangeklagte den ihm vorgeworfenen Messerstich. Er könne sich zwar an die Sache überhaupt nicht mehr erinnern, weil er damals mehrere Flaschen Wodka intus hatte, doch dass er den anderen Mann nicht gestochen habe, das wisse er genau. Auch was die Sache mit dem Holzstock betrifft, macht er vor den Richtern der 16. Strafkammer eine vollkommene Gedächtnislücke geltend. Auch hier habe der übermäßig genossene Wodka seine Sinne zu sehr benebelt, sagt er aus. Dazuhin habe er noch Heroin konsumiert.

Auch sein Kollege kann sich an die Vorgänge in der Kirchheimer Unterkunft jetzt nicht mehr erinnern. Auch er will zum fraglichen Tatzeitpunkt einen Wodkarausch gehabt haben. Mit Hilfe eines Gutachters wollen die Richter nun im Nachhinein feststellen, ob die angegebenen Wodkamengen tatsächlich konsumiert wurden, oder ob es sich hier um eine Schutzbehauptung handelt. Die Verhandlung wird am Montag, 21. November fortgesetzt.