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Auf Tuchfühlung mit Profi-Kickern sollen Siebtklässler stark werden

"Mit Spaß und Spiel gegen Drogen und Gewalt" heißt ein Präventionsprojekt des VfB Stuttgart und der Polizeidirektion Esslingen. Mit einem Fußballturnier auf dem Sportgelände des VfL Kirchheim fiel dafür gestern der Startschuss.

NATALIE PFAU

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KIRCHHEIM Wo sonst die Oberliga-Kicker des VfL Kirchheim dem Ball nachjagen, tummelten sich gestern viele jugendliche Fußballer und Schulklassen. Der ehemalige VfB-Fanbeauftragte Günther Schäfer rief im Jahr 2000 gemeinsam mit der Landespolizeidirektion Stuttgart das Präventionsprojekt, das jetzt von seinem Nachfolger Peter Reichert und der Polizeidirektion Esslingen betreut wird, ins Leben. "Die Kriminalitätsrate der Jugendlichen stieg im ersten Halbjahr 2007 um 10 Prozent an. Es gab 700 Sachbeschädigungen", sagte der Polizeidirektor Hans-Dieter Wagner. Auch die Drogenproblematik der Jugendlichen beschäftige die Polizei sehr, da Flatratepartys und Komasaufen ernst zu nehmende Probleme geworden seien.

Da Sportler, insbesondere Fußballprofis, eine starke Vorbildfunktion für Jugendliche haben, nutzt der VfB diese Rolle, um das Denken und Handeln von Kindern und Jugendlichen positiv zu beeinflussen.

Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker betonte: "Durch Sport kann man an Jugendliche herankommen, da er Aggressionen abbaut, man durch ihn Freunde findet und seine Persönlichkeit bilden kann." Auch Peter Reichert sieht im sportlichen Miteinander die Möglichkeit, Niederlagen und Siege zu verarbeiten. "Beispielsweise lernen Einzelkinder, mit anderen Kindern eine Mannschaft zu bilden und gemeinsam stark zu sein" , so der ehemalige Profifußballer.

Der Teamgedanke stand bei dem Fußballturnier gestern denn auch ganz obenan: Jede Mannschaft bestand aus fünf Feldspielern und einem Torwart. Darunter war mindestens eine Schülerin, damit die Gleichberechtigung nicht zu kurz kam. Die AOK Kirchheim und die Jugendsachbearbeiter der Polizeidirektion Esslingen sowie des Vereins Kelly Insel informierten die Teilnehmer und Besucher des Turniers währenddessen an Infoständen zum Thema Alkohol.

"Die Jugendlichen fanden es total klasse, dass sie auf einem echten Fußballplatz im Stadion spielen durften", so die Beobachtung von Polizeidirektor Hans-Dieter Wagner. "Die Kinder spielten ganz ohne Schiedsrichter und entschieden selbst, ob der Ball aus war oder nicht. Es wurde so gespielt, wie man früher kickte manchmal sogar ohne Tor", sagte Klaus Holzmann von der Polizeidirektion Esslingen.

In den kommenden Monaten wird Peter Reichert im Rahmen des Projekts zusammen mit Polizeibeamten aus verschiedenen Fachdezernaten 20 ausgewählte Klassen von verschiedenen Schulen im Landkreis Esslingen besuchen. Die Klassen konnten sich nicht bewerben, sondern es wurden die Schulen ausgewählt, die sich in den vergangenen Jahren in der Kriminalprävention engagiert hatten. Als Austragungsort des Turniers bieten sich Schulen mit ansprechenden Sportanlagen an. Unter den Teilnehmern im Landkreis sind beispielsweise die Kirchheimer Alleenschule, die Teck-Realschule und die Eduard-Mörike-Schule. "Die siebten Klassen sind unser potenzielles Klientel, bei denen wir aufklären wollen", erläutert der Polizeidirektor Hans-Dieter Wagner. "Die Zahl sieben spielt sowieso eine große Rolle, denn das Projekt findet zum siebten Mal statt und wir haben sieben Ziele", so der Polizeidirektor Konrad Jelden: "Dazu gehört, die Jugendlichen für Drogen und Gewalt zu sensibilisieren, über Rauschgift aufzuklären, mögliche Konsequenzen aufzuzeigen und das Unrechtsbewusstsein zu stärken."

Im drei Schulstunden umfassenden Theorieunterricht bringen Jugendsachbearbeiter der Polizei und Peter Reichert thematische Inhalte näher. Bei der Themenfestlegung sind die Schulen mitbeteiligt. Unter anderem erläutern die Verantwortlichen, dass durch Betätigung in einem Verein soziale Kompetenzen erlernt werden und die Persönlichkeitsbildung gefördert wird. Neben der Darstellung des sozialen Engagements des VfB Stuttgart zeigen Beispiele und Rollenspiele verschiedene Formen von Gewalt und den Umgang mit Konfliktsituationen. Die Schüler lernen Drogen und ihre strafrechtlichen und gesundheitlichen Auswirkungen kennen.

"Wichtig ist, dass das Projekt nicht den moralischen Zeigefinger erhebt", sagt Angelika Matt-Heidecker. "Aufklären soll das A und O des Projekts sein." Damit trotz der ernsten Themen der Spaß nicht zu kurz kommt, hat Peter Reichert bei jedem Schulbesuch seine Torwand im Gepäck. Die Ergebnisse werden in einer Ranglistentabelle festgehalten. Der Sieger des Torwandschießens und der Sieger des Fußballturniers tragen zum Abschluss des Projektes auf den städtischen Sportplätzen gegenüber des Daimler-Stadions ein Fußballspiel aus. "Außerdem werden die beiden Gewinner-Klassen im Daimler-Stadion vor 30- oder 40 000 Zuschauern öffentlich geehrt ", kündigte der VFBler Peter Reichert an, denn nach Abschluss des Projekts, der voraussichtlich im Frühjahr 2008 sein wird, dürfen die teilnehmenden Klassen auf Einladung des VfB Stuttgart ein Bundesliga-Heimspiel besuchen.

"Wenn durch solch ein Projekt ein paar Jugendliche weniger in unseren Statistiken auftauchen, dann haben wir unser Ziel erreicht", so Polizeidirektor Hans-Dieter Wagner.

Und Peter Reichert ist sich sicher: "Ein Projekt wie dieses bleibt noch lange in den Köpfen der Kinder. Davon zehren sie mindestens ein, zwei Jahre."

InfoWeitere Informationen zum Projekt gibt es unter www.vfb.de