Lokales

Auferstehung der Kirchheimer Biermarken

Michael Attinger ist fest entschlossen, ein wichtiges Kulturgut für Kirchheim zu retten das heimische Bier. Die Stiftsscheuer neben dem Vogthaus erscheint ihm als die ideale Immobilie, um eine Brauereigaststätte einzurichten. Schon in der Weihnachtszeit 2005 soll der Kirchheimer Gerstensaft reichlich fließen.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Die enge Verbindung zwischen Bier und deutscher Kultur belegt kein geringerer als Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. "Vor dem Tor" spricht ein Schüler beim Osterspaziergang in der Tragödie erstem Teil die denkwürdigen Worte: "Ein starkes Bier, ein beizender Toback / Und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack." Zumindest für den ersten Teil dieser Wunschliste garantiert Michael Attinger Bewohnern und Besuchern Kirchheims in absehbarer Zeit die Erfüllung. Vor dem Tor, das zum Vogthaus führt, möchte der EDV-Fachmann künftig in seiner Gasthausbrauerei permanent zwei selbst gebraute Biersorten ausschenken ein naturtrübes Pils und ein Hefeweizen. Zusätzlich plant er saisonale Angebote wie Weihnachtsbock oder auch ein komplett alkoholfreies Bier. Speziell für die Biergartensaison denkt Michael Attinger an etwas Leichtes, Süffiges: "Bier ist ein guter Durstlöscher, und da ist es im Sommer besonders nett, wenn man von der leichten Sorte auch mal ein Häfele mehr trinken kann."

Während Attinger bei der Stärke des Biers also zu leichten Abstrichen bereit ist, zeigt er sich beim Umgang mit dem "beizenden Toback" rigoros: In seiner Brauereigaststätte darf allenfalls die Maische dampfen, wenn sie zusammen mit dem Hopfen kocht. Im Übrigen will er eine rauchfreie Schankwirtschaft betreiben. Da dürfte es an der einen oder anderen "Magd im Putz" schon bald nicht mehr fehlen, die einen Einkehrschwung ohne Tabakqualm zu schätzen weiß.

Mit der Kirchheimer Bierkultur nimmt es Michael Attinger aber auch ohne klassische Literatur sehr ernst. "Kirchheim hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts fünf Brauereien. Diese Kultur ist leider vollkommen verschwunden", schreibt er in einer Informationsbroschüre, die auch im Internet unter www.stiftsscheuer.de abzurufen ist. Die alte Kultur möchte Attinger wiederbeleben. "Ich bin überzeugt, dass es da noch einiges gibt von früher", sagt er und fordert damit alle Kirchheimer auf, Erinnerungsstücke an die ehemaligen Brauereien der Teckstadt nicht wegzuwerfen, sondern lieber bei ihm abzugeben. Seine Gaststätte würde er gerne museal einrichten und versuchen, eine dauerhafte Bierausstellung darin einzurichten. Unter alten Kirchheimer Biermarken versteht er indessen nicht nur Namen und Produkte der früheren Brauereien, sondern auch richtig handfeste Marken, aus Blech gestanzt, die einst den Gegenwert für einen Krug Bier bildeten. Auch diese Marken möchte er wiederbeleben und sie nach Möglichkeit zu einer festen und krisensicheren Währung in Kirchheim ausbauen. Multifunktional sollen sie sowohl auf alle Biertrinker übertragbar sein als auch die Pfandmarke für einen Einkaufswagen ersetzen können.

Außerdem ist geplant, dass die neuen Kirchheimer Biermarken vierteljährlich im Voraus an alle Anteilseigner ausgeschüttet werden, die das Immobilienprojekt zur Rettung der Stiftsscheuer durch den Kauf von Anteilscheinen in Höhe von jeweils 1 000 Euro unterstützen. Gedacht ist an eine GmbH + Co KG, die die Immobilie hält und die Gaststätte an Michael Attinger verpachtet. "Die strikte Trennung zwischen Immobilie und Betreiber ist notwendig als Sicherheit für die Investoren", gibt der künftige Betreiber Auskunft über die Details des "geschlossenen Immobilienfonds", der als Eigentümer des Erdgeschosses fungieren soll.

In den oberen Stockwerken der Stiftsscheuer entstehen zwei Eigentumswohnungen. Sanierer Karl-Hermann Voggel von der Ötlinger Firma "Bausan", die bereits die Notzinger Kelter zu neuem Leben erweckt hat, beschreibt, wie er sich die Erneuerung des Gebäudes neben dem Vogthaus vorstellt: "Das äußere Bild und der Charakter bleiben einigermaßen erhalten auch nach der Totalsanierung mit Neufundamentierung, Erneuerung der defekten Hölzer und der Errichtung filigraner Dachgauben."

Die steuerlichen Vorteile, die anreizen sollen, in einem Sanierungsgebiet etwas zu tun, will Voggel, zumindest was die Brauereigaststätte im Erdgeschoss angeht, gerne an etliche Teilhaber weitergeben: "Den Leuten, die sonst immer sagen, man könne als einzelner nicht viel ausrichten, bieten wir ein regionales Projekt an, das zu einem Aushängeschild für Kirchheim werden kann." Neben den steuerlichen Abschreibungen, so rechnet Sanierer Voggel vor, kommen die Teilhaber am Jahresende auch in den Genuss von Zinsen sowie von Attingers Braukünsten das ganze Jahr über, bei einer Biermarke pro Monat.

Handwerklich wird es in der Stiftsscheuer auf jeden Fall zugehen. Das gilt für die Sanierung ebenso wie für die Brauerei, die jährlich 25 000 bis 30 000 Liter Bier ausstoßen soll. Gelernter Bierbrauer ist Michael Attinger zwar nicht, aber das Brauen ist schon seit längerer Zeit sein Hobby. Eine Gesetzesänderung, die zum 1. Januar 2004 in Kraft getreten ist, ermöglicht ihm die Erfüllung seines Traums. "Ich habe eine Aussage der Handwerkskammer Stuttgart, dass ich das auch ohne Meister machen darf." Schließlich ist der nicht zünftig organisierte Brauer mit dem zünftigen Äußeren auch kein gelernter Koch. Trotzdem möchte er seine Gäste binnen Jahresfrist mit Speisen verwöhnen, "die zum Bier passen". Der Begriff "Schwäbische Küche" ist ihm jedoch ein wenig zu inflationär, weswegen er sein festes Nahrungsangebot folgendermaßen umschreibt: "Ich werde kochen, wie meine Mutter kocht."

Eine kleine Kostprobe des künftigen flüssigen Angebots ist an einem der kommenden Samstage möglich. Der genaue Termin für die Bierverköstigung in der Stiftsscheuer wird noch bekanntgeben.