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Aufgeregte "Fußgänger" und coole Cracks

Kirchheim wird einmal mehr seinem Ruf als Fliegerstadt gerecht. Von heute an kämpfen 20 internationale Top-Piloten beim Gliding Grand Prix auf der Hahnweide acht Tage lang um den Sieg. Doch Gewinner gibt es bereits jetzt: Vier junge Leute dürfen sich parallel zum Wettbewerb in der Aktion "Von 0 auf 100" kostenlos zum Segelflugpiloten ausbilden lassen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Eigentlich träumte Franziska Baur, 22, davon, einmal große Jets zu steuern. Doch aus der Berufspilotenkarriere wurde nichts. Der Arzt machte ihr damals einen Strich durch die Rechnung. Dennoch blieb der Traum vom Fliegen lebendig. "Ich fand fliegen immer toll," gesteht die 22-jährige Studentin. Fasziniert ist sie vor allem von den Starts und Landungen der Düsenclipper. "Das so'n riesen Ding wirklich fliegt," wundert sie noch heute.

Die junge Frau ist eine der vier Glücklichen, die von der Fliegergruppe Wolf Hirth unter 30 Bewerbern ausgewählt wurden, bei der Aktion "Von 0 auf 100" mitzumachen. Wie Simon Blum, 17, Nicolas Zuber, 17, und Christian Nothdurft, 17, wird Franziska Baur in einem Kompaktkurs in der nächsten Woche das Segelfliegen erlernen. Zum ersten Mal in ihrem Leben werden sie heute mit Fluglehrer und Ausbildungsleiter Michael Weingart von der FG Wolf Hirth in einem zweisitzigen Segelflugzeug vom Typ Twin Astir sitzen und sich in den Himmel über der Teck schleppen lassen.

"Wenn das Wetter mitmacht, kann ein Flugschüler in der Regel nach 40 bis 70 Starts alleine fliegen," erklärt Michael Weingart. Sollten es die vier Neulinge aufgrund des Wetters nächste Woche nicht schaffen, so ist das kein Beinbruch. In der Woche darauf, während des Fluglagers der Wolf-Hirth-Jugend, kann weitergeschult werden. Theorie büffeln und das Funksprechzeugnis ablegen ist im Winter angesagt.

Mit der Aktion "Von 0 auf 100", die gut in das Grand-Prix-Konzept "Segelfliegen zum Anfassen" passt, verfolgt die Fliegergruppe Wolf Hirth mehrere Ziele. "Wir wollen unseren Sport, das Segelfliegen, für interessierte Leute transparenter machen und zeigen, dass mehr oder weniger ein jeder, der gesund ist, fliegen lernen kann," sagt Hans Puskeiler, der Erste Vorsitzende der FG Wolf Hirth. Zudem will die Fliegergruppe einmal mehr das Vorurteil widerlegen, dass fliegen nur etwas für gut Betuchte ist. "Eine Woche Skifahren ist teurer als ein Jahr Segelfliegen," sagt Grand-Prix-Mitorganisator Thilo Holighaus. Vor allem die Arbeit im Verein verbilligt die Flugstunden: "Ab 120 Arbeitsstunden in der Werkstatt oder bei Veranstaltungen wie dem Oldtimer-Fliegertreffen fliegt man ab zwei Euro pro Flugstunde, vorausgesetzt, man bringt die notwendige Einsatzbereitschaft mit", ergänzt Hans Puskeiler, dem auch die pädagogische Komponente wichtig ist: "Wo sonst kann ein junger Mensch die Verantwortung für ein 100 000-Euro-Fluggerät übernehmen?" An die vier neuen Flugschüler hat er nur einen Wunsch: "Wenn der Sport Spaß macht, bitte, dabeibleiben."

Der Gliding Grand Prix geht in Deutschland das erste Mal über die Bühne und findet weltweit das vierte Mal statt. Die 20 Top-Piloten aus Belgien, Holland, Österreich, den USA und Deutschland werden sich über der Schwäbischen Alb und dem Schwarzwald heiße Rennen liefern, die das Publikum auf der Hahnweide dank moderner Übertragungstechnik, dem sogenannten Online-Tracking-System, auf der 16 Quadratmeter großen Videoleinwand verfolgen kann. Dazu wird Segelflugweltmeister Holger Karrow auf der Sprecherbühne das Rennen kommentieren. Spannung pur ist angesagt, wenn die Wettbewerbsteilnehmer mit ihren "Rennklasseflugzeugen" über dem Auchtert in Ochsenwang die Hahnweide anvisieren und mit annähernd 300 Stundenkilometern auf die Ziellinie zuschießen. Wie beim Formel-1 Autorennen gilt: Wer die Nase vorn hat, ist Tagessieger, wer dagegen irgendwo auf dem Feld niedergehen muss, ist für die Tageswertung aus dem Rennen, erklärt Thilo Holighaus, der es sehr bedauert, auf der Hahnweide nicht selbst mitfliegen zu können. "Das Wertungssystem verspricht jedenfalls einen spannenden Wettbewerb."

Die Tagesaufgaben sollen mit zwei bis drei Flugstunden eher kürzer als bei bislang üblichen Wettbewerben sein. Das Rennen selbst konzentriert sich auf die thermisch beste Tageszeit. "Wenn es besondere Wetterlagen erforderlich machen, kann es auch sein, dass zwei Rennen an einem Tag stattfinden," sagt Thilo Holighaus, "das gab's noch nie bei einem Grand Prix."

Das Segelflug-Luftrennen auf der Kirchheimer Hahnweide gehört zu den über den Globus verteilten neun Grand Prix, die von der Federation Aeronautique International FAI mit Sitz in Genf im Jahr 2005 ausgeschrieben wurden. Jeweils die beiden Bestplatzierten werden im Januar 2007 in Omarama, Neuseeland, beim World Grand Prix gegeneinander antreten.

Während Franziska Baur, Simon Blum, Nicolas Zuber und Christian Nothdurft heute Morgen auf der Hahnweide in die Geheimnisse des Segelflugs eingeweiht werden, starten die Grand Prix-Cracks zum offiziellen Wettbewerbstraining. Für 18.30 Uhr ist die feierliche Eröffnung des Segelflug-Wettbewerbs in Kirchheim vor dem Rathaus anberaumt. Zuvor spielen im Rahmenprorgamm ab 17.30 Uhr Calo Rapallo & Lucky Leucht auf dem Kirchheimer Marktplatz.

Das Luftrennen selbst beginnt morgen. Parallel dazu stehen Flugvorführungen mit Oldtimern, Kunstflüge, Fallschirmsprünge, die Eichhorn T-6-Formation und Rundflüge, den ganzen Tag über, auf dem Programm. Ab etwa 17 Uhr werden Calo Rapallo & Band das flugbegeisterte Publikum und die Piloten unterhalten.

INFOGrand Prix-Rahmenprogramm:Montag, 2. Wertungstag: Rundflüge, Oldtimer. Ab 20 Uhr Grillfest.Dienstag, 3. Wertungstag: Rundflüge, Oldtimer. Ab 20 Uhr "Faszination Segelfliegen", Vorträge in der Halle der Fliegergruppe Wolf Hirth auf der Hahnweide. Eintritt frei.Mittwoch, 4. Wertungstag: Rundflüge, Oldtimer. Ab 19 Uhr "Bergfest" mit italienischem Buffet. Saalflugschau mit Rainer Mugrauer. Verleihung des Bettina Irlbeck Cups. Italienische Livemusik. Eintritt frei.Donnerstag, 5. Wertungstag: Rundflüge, Oldtimer. Ab 18.30 Uhr Einlass zu "Heini Öxle Der Inländer", schwäbisches Kabarett und Magie. Beginn 20.30 Uhr.Eintritt.Freitag, 6. Wertungstag: Oldtimer. Rundflüge mit dem größten Doppeldecker der Welt, der Antonov AN-2. Ab 21 Uhr Schlauchfest Revival Party. Piloten Eintritt frei.Samstag, 7. Wertungstag: Rundflüge, Flugvorführungen mit Oldtimern, Kunstflüge, Fallschirmsprünge. Ab 20 Uhr Spanferkelessen, Saalflugschau mit Rainer Mugrauer. Es spielt die Jazzmo Dixie Gang.Sonntag, 8. Wertungstag: Ab 11 Uhr Frühschoppen mit Weißwurst und der Götz-Hirschmann Combo. Diverse Flugvorführungen, Rundflüge, Oldtimer. Siegerehrung direkt nach dem Rennen.