Lokales

"Aufregende Welt des Wachstums wieder entdecken"

In Zeiten nicht enden wollenden Jammerns ausgerechnet die "Happy Voices" im musikalischen Teil zu Wort kommen zu lassen, war ein geschickt gesetztes erstes positives Signal. Im Kreis sich intensiv in das "Unternehmen Stadt" einbringender Menschen konnte erneutes Engagement nicht publikumswirksamer eingefordert werden als mit der an jeden einzelnen Besucher gerichteten Botschaft "Du bist Kirchheim".

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Zum inzwischen schon 18. Mal hatten am Freitagabend Bürger Kirchheims Gelegenheit, gemeinsam mit Vertretern der Vereine, Organisationen, Institutionen und der Wirtschaft, der Schulen, Kirchen und Gewerkschaften und Mandatsträgern aus der Region, dem Kreistag, dem Stadtrat und den Ortschaftsräten gemeinsam den Blick zurück und vor allem auch nach vorne zu rücken. Dass dabei nicht alles schlecht war, was sich in einem von Hurrikans, Erdbeben, Überschwemmungen, Schneestürmen und Waldbränden geprägten Jahr ereignete, machte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker an einer ans Prinzip Hoffnung appellierenden und im Jahr 2005 tatsächlich so geschriebenen Erfolgsstory deutlich.

Das Oberhaupt der Stadt mit dem wie sie betonte "wirtschaftsfreundlichsten Gewerbesteuerhebesatz der großen Kreisstädte im Landkreis Esslingen erinnerte an das Unternehmen Siemens, dessen Betrieb am Standort Kirchheim im Jahr 2004 "eigentlich schon geschlossen" war. Durch Lohnverzicht, Restrukturisierungsmaßnahmen aber auch Entlassungen sei es gelungen, den Bestand zu sichern. Nach zehn Jahren großer Verluste würden wieder schwarze Zahlen geschrieben und die Leitung "glaubt wieder an die Zukunft" zitierte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und lieferte die Gründe gleich mit: Auftragseingänge seien in großem Maß erfolgt und die Produktion konnte gesteigert werden. Ein zunächst geplanter Umsatz von 45 Millionen konnte korrigiert werden und belaufe sich nun tatsächlich auf 60 Millionen Euro.

Die in Kirchheim produzierten Hochleistungstrafos kommen unter anderem auch im weltweit boomenden Bereich Windkraftanlagen zum Einsatz. Angelika Matt-Heidecker konnte stolz darauf verweisen, dass inzwischen schon 40 Prozent aller in Windkrafträdern eingesetzten Trafos aus Kirchheim kommen. Mit der Stabsstelle Wirtschaftsförderung und der Überlegung zur Einrichtung eines Gründerzentrums solle daher konsequent der Nährboden für weitere Investitionen und Ansiedlungen geschaffen werden.

Neben den Wirbelstürmen über dem Atlantik, deren Zahl so groß war, dass die von Meteorologen vorgesehenen 21 Namen gar nicht ausreichten, wäre im zurückliegenden Jahr auch in der Bundesrepublik "vieles durcheinandergerüttelt" worden, bilanzierte die Kirchheimer Oberbürgermeisterin. Nach Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, einer "dürftig begründeten Vertrauensfrage" und "einer vorgezogenen Bundestagswahl mit zwei Verlierern" habe das Wählervotum vom 18. September das alte Koalitionsbild neu aufgemischt.

Nach schnell wieder verworfenen Debatten um "Schwampel" und "Jamaika-Koalition" gelte es nun, mit Kopfpauschale contra Bürgerversicherung, Kombilohn statt Mindestlohn, möglichen Bundeswehreinsätzen bei der Fußball-Weltmeisterschaft oder auch den Forderungen zum Ausstieg aus dem Atomausstieg längst ganz neue Hürden zu überwinden.

Im Jahr 2006, das von den Vereinten Nationen zum "Jahr der Wüsten und Wüstenbildungen" erklärt wurde, käme dem Energiesparen ganz besonders große Bedeutung zu, dem sich auch die Verwaltung verpflichtet fühle. Mit der Kampagne "SolarLokal" solle die Bürgerschaft zu einer vermehrten Nutzung von Sonnenenergie angeleitet werden, da das den privaten Geldbeutel schone und zugleich der Umwelt und der Wirtschaft nutze.

"2006 wird das Jahr, in dem Deutschland die aufregende Welt des Wachstums entdecken wird, nachdem es im laufenden Jahrzehnt nur Stillstand erlebte", davon zeigte sich Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker überzeugt und forderte die Besucher auf, sich trotz der unvermeidlich damit verbundenen Behinderungen "über jeden Baukran und über jede Straßenbaumaßnahme zu freuen".

Umbaumaßnahmen für die Ganztagesbetreuung an der Konrad-Widerholt- und der Alleenschule nannte die Oberbürgermeisterin dabei genauso wie den Bau der Rauner-Sporthalle, den Neubau des Klassentraktes für die Freihof-Realschule oder die Sanierung des Spitals, des Vogthauses und des daran sich anschließenden Wehrganges.

Dass dem Gemeinderat noch in der ersten Hälfte des kommenden Jahres "Überlegungen zu einem Kreisverkehr am Gaiserplatz" aufgezeigt werden sollen, stellte Angelika Matt-Heidecker genauso in den Raum wie ein unter Einbeziehung der Wirtschaft zu erarbeitendes Gewerbeflächenentwicklungskonzept, einen Sportentwicklungsplan, neue Wohnformen für ältere Menschen oder auch Bemühungen um eine stärkere Beteiligung der Jugendlichen am "Unternehmen Stadt".

Dass die Haushaltskonsolidierung im Ranking der Aufgaben wieder "ganz weit oben stehen wird", verschwieg sie nicht und schloss sich einem Wunsch an, den Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal formuliert hatte: "Es wäre ein Segen für alle, wenn die in den Feldern der Politik und der Wirtschaft Handelnden schrittweise mehr ihrer abwägenden Vernunft folgen würden und wenn sie dafür ihren Egoismus, ihre Macht- und Profitgier und ihr Geltungsstreben schrittweise zurückdrängen könnten".

Den Auftakt des Dämmerschoppens in der Kirchheimer Stadthalle hatten die "Happy Voices" des "Gesangvereins Eintracht Kirchheim 1868" gestaltet und dabei gelungen Werbung in eigener Sache gemacht. Umgeben von Repräsentanten aller Teile der Kirchheimer Bevölkerung präsentierten sie unter der Leitung von Robert Kast Ausschnitte aus ihrem in Eigenregie erarbeiteten Musical "Sibylle von der Teck", das am Samstag, 25. und am Sonntag, 26. März, noch einmal in der Kirchheimer Stadthalle aufgeführt wird.