Lokales

Aufruf: "Die Betriebe müssen mithelfen"

Für viele Jugendliche ist der 1. September ein ganz besonderes Datum: Es ist Ausbildungsbeginn. Junge Menschen, die eine Behinderung haben, benötigen aufgrund ihrer persönlichen Lebenssituation oftmals besondere Hilfen, um ihnen eine Teilnahme am Arbeitsleben zu ermöglichen. Diese Hilfe, aber auch Wiedereingliederungshilfe für Personen, die schon im Berufsleben standen, leistet die Bundesagentur für Arbeit.

RUDOLF STÄBLER

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GÖPPINGEN In einer Pressekonferenz bei der Agentur für Arbeit Göppingen wurden die vielfältigen Hilfen der Agentur vorgestellt und auch zugleich die Chance genutzt, an Betriebe zu appellieren, die Einstellung von Behinderten zu forcieren. Für die Arbeitsagentur ist es enttäuschend, dass sehr viele Arbeitgeber lieber jährlich hohe Summen für die Ausgleichsabgabe hinblättern, anstatt Behinderte einzustellen und dazu noch einen Zuschuss der Arbeitsagentur von bis zu 50 Prozent der Lohnkosten einzusacken. Sollten zum Beispiel bei der Einstellung eines Rollfstuhlfahrers bauliche Maßnahmen notwendig werden, so werden die Kosten hierfür ebenfalls von der Arbeitsagentur übernommen.

"Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben" werden laut Bettina Münz, Mitglied der Geschäftsführung der Göppinger Arbeitsagentur immer wichtiger. Festgestellt wurde von den Fachleuten vor allem eine starke Zunahme bei psychischen Behinderungen. So ließ sich die Agentur das Gesamtpaket der Reha-Maßnahmen im Jahr 2005 rund 20,1 Millionen Euro kosten. Davon gingen rund 75 Prozent an die Ersteingliederung und 25 Prozent an die Wiedereingliederung in das Berufsleben. In diesem Jahr verfügt man in Göppingen sogar über 21,5 Millionen Euro. "Reha ist für die Agentur für Arbeit ein sozialpolitischer Auftrag" macht Münz klar. Bemüht sei man deshalb das Geld so zu investieren, dass ein möglichst gutes Ergebnis erzielt werden kann.

Bereichsleiter Karlheinz Beck berichtete, dass für die notwendigen Maßnahmen ein Team von 15,5 Mitarbeitern zusammengestellt worden sei. Dabei werden Beratung und Vermittlung flächendeckend angeboten, das heißt, dass auch in den Geschäftsstellen Geislingen, Esslingen, Kirchheim, Leinfelden-Echterdingen und Nürtingen bei Bedarf beraten oder geholfen werden kann. Aber auch Beck nahm die Betriebe in Verantwortung: "Auch die haben eine soziale Verantwortung und sollen mithelfen, den Menschen mit Behinderungen eine Chance für ein normales Arbeitsleben zu geben".

Rainer Lippmann, Teamleiter der Reha, gab zunächst eine Definition der behinderten Menschen, die berechtigt sind die Unterstützung der Agentur zu erhalten. Dazu zählen nach dem Sozialgesetzbuch Menschen, die körperlich, geistig oder seelisch beeinträchtigt sind oder denen eine solche Behinderung droht und deren Aussichten, am Arbeitsleben teilzuhaben oder weiter teilzuhaben, wegen Art oder Schwere ihrer Behinderung wesentlich gemindert sind. In vier Gruppen sind die Phasen der Rehabilitation und der Teilhabe aufgegliedert. Die medizinische sorgt für Ausheilung von Unfallfolgen und die Wiederherstellung der Gesundheit. Das berufliche Ziel ist, dass die behinderten Menschen möglichst auf Dauer in Arbeit und Beruf eingegliedert werden, auch durch eine nachgehende Betreuung. Der soziale Aspekt verlangt, dass den behinderten Menschen ein angemessener Platz in der Gesellschaft gewährleistet wird. Das vierte Ziel ist es, die üblicherweise erreichbare Bildung auch behinderten Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen.

Die Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit beziehen sich auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben sowie unterhaltssichernde und ergänzende Leistungen. Hierbei wird unterschieden zwischen Maßnahmen zur beruflichen Ersteingliederung Übergang von Schule in Ausbildung und danach in den Beruf und den Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung. Hier setzt die Hilfe ein, wenn ein erlernter Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann. Die medizinische Rehabilitation finanzieren die Krankenkassen, Unfallversicherungen, Rentenversicherung und die Träger der öffentlichen Jugend- oder Sozialhilfe.

Bei der Agentur für Arbeit freut man sich natürlich über erzielte Erfolge. So konnten bei der betrieblichen Ausbildung im vergangenen Jahr 22 behinderte Jugendliche einen betrieblichen Ausbildungsplatz durch Förderung mittels Ausbildungszuschuss erlangen. Für das laufenden Jahr rechnet man mit 25 Förderfällen. Überbetriebliche Ausbildungsplätze, zum Beispiel in Berufsbildungswerken oder sonstigen Reha-Einrichtungen, gab es im Jahr 2005 für 167 Jugendliche, dieses Jahr sollen es 172 sein. 54 Menschen konnten im Vorjahr Maßnahmen zur Eingliederung in Werkstätten für behinderte Menschen erhalten.

Für Erst- und Wiedereingliederung sieht das Budget der Arbeitsagentur auch Leistungen an die Arbeitgeber vor. So gibt es Eingliederungszuschüsse, Einstellungszuschüsse bei betrieblichen Neugründungen, Zuschüsse zur Ausbildungsvergütung und befristeten Probebeschäftigung. Damit ein Arbeitsplatz erprobt werden kann, übernimmt die Agentur für Arbeit die Kosten bis zu drei Monaten Dauer. Insgesamt verzeichnete man in Göppingen im Vorjahr 327 Zugänge bei der Ersteingliederung und 175 Zugänge bei der Wiedereingliederung. Nach den Worten von Rainer Lippmann geht man in diesem Jahr ungefähr von derselben Zahl aus.

Wie geholfen werden kann, zeigte Lippmann am Ende seiner Ausführungen auf. Durch einen privaten Unfall saß eine Frau mit einer Querschnittslähmung im Rollstuhl. Nach einer geförderten Ausbildung zur Bürokauffrau im Berufs-Bildungswerk wurde sie dann auch in diesem Beruf beschäftigt, bis sie durch Insolvenz der Firma arbeitslos wurde. Und wieder konnte geholfen werden. Heute arbeitet die Betroffene bei einer anderen Firma als kaufmännische Angestellte. Der Firma bewilligte die Agentur 5000 Euro für eine Rampe an der Eingangstür und nochmals rund 2000 Euro für notwendige Büroeinrichtungen wie Telefonschwenkarm, Ordnerdrehsäule, ein Tischsystem und einen Elektrohefter.

INFO Das Team für Rehabilitation ist zu erreichen unter Telefon: 0 71 61/97 70-394, E-Mail: goeppingen.reha@arbeitsagentur.deArbeitgeberservice bei Einstellung eines behinderten Mitarbeiters, Geschäftsstelle Kirchheim, Telefon 0 70 21/92 36-55, E-Mail kirchheim.stellen@arbeitsagentur. de