Lokales

Augen auf bei sexueller Gewalt im Verein

Sexuelle Gewalt im Verein, sexueller Missbrauch durch Ehrenamtliche: Das gibt es, und wenn davor die Augen verschlossen werden, wächst das Risiko. Der Kreisjugendring Esslingen hat das heikle Thema aufgegriffen und zur jüngsten Mitgliederversammlung in Neuhausen die Fachfrau und Professorin Constance Engelfried eingeladen auf ausdrücklichen Wunsch von Mitgliedsvereinen.

KARIN AIT ATMANAE

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KREIS ESSLINGEN Das Thema ist im Zusammenhang mit Jugendarbeit, mit Vereinen und Ehrenamtlichen noch immer ein Tabu. Schließlich werden engagierte Menschen überall gesucht; ohne sie liefe nichts. Tatsache ist aber auch: Pädophile, oder besser "pädosexuelle" Täter, suchen sich ein Betätigungsfeld, in dem sie relativ einfach Zugang zu Kindern haben. Das ist nachgewiesen.

Es gehe bei sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern "nicht um einmalige Handlungen, die plötzlich passieren", sondern um wohlüberlegte Taten, unterstreicht Constance Engelfried, frühere KJR-Mitarbeiterin und jetzt Professorin für Sozialwissenschaft an der FH München. Sie hat sich intensiv mit sexuellen Übergriffen in der Jugendarbeit beschäftigt und speziell den Sport unter die Lupe genommen. Denn dieser Bereich weist schon allein durch die "hohe Körperlichkeit" besondere Bedingungen auf.

Während sexuelle Übergriffe im Leistungssport immer wieder in den Medien thematisiert wurden, sperren sich Vereine meist gegen eine Auseinandersetzung mit diesem Problem. "Da gibt es ein unglaubliches Bollwerk, vielleicht vergleichbar mit der Kirche als Institution, wo es auch schwer ist, das Thema zu platzieren", sagt Engelfried.

Ein Sport-Vertreter unter den KJR-Mitgliedern konnte sich das gut vorstellen: Selbst Suchtprävention werde von vielen Vereinen mit der Behauptung, "bei uns gibt es solche Probleme nicht", einfach abgetan. Sich auf diesen Standpunkt zurückzuziehen, ist gerade im Zusammenhang mit sexueller Gewalt fatal. Denn die beste Vorbeugung, egal ob im Sport oder in anderen Bereichen der Jugendarbeit, ist die offensive Auseinandersetzung. Vereine oder Organisationen, die auch nach außen signalisieren, dass sie wachsam sind und sexuelle Übergriffe nicht dulden, sind für potenzielle Täter weniger interessant als andere.

Erwiesen sei auch, dass in "Organisationen, die hierarchisch strukturiert sind, Missbrauch häufiger vorkommt", berichtet Engelfried. Es gelte also, ein "Klima des Miteinander" und eine Vereinskultur zu schaffen, die sich klar gegen sexuelle Übergriffe stellt. Konkrete Schritte in diesem Sinn sind, das Thema anzusprechen, Bewusstsein zu wecken, Mitarbeiter zu schulen, Leitlinien und Verhaltenskodizes auszuarbeiten.

Dabei muss kein Verein bei Null anfangen, denn es wurde schon viel Vorarbeit geleistet. Orientierungshandbücher und konkrete Hilfe bieten lokale wie auch überregionale Beratungsstellen.

"Was tue ich, wenn ich einen konkreten Verdacht habe?" Diese Frage stellte ein Aktiver aus der Jugendarbeit in der Mitgliederversammlung. Wer einmal des sexuellen Missbrauchs verdächtigt worden sei, habe eine "Brandmarke", sagten andere auch wenn sich der Verdacht später als unbegründet erweise. "Es ist wichtig, dass wir nicht aus dem Bauch heraus emotional reagieren", unterstrich Engelfried. Sie empfahl dringend, sich im Verdachtsfall zunächst an professionelle Berater zu wenden. Diese böten eine Checkliste mit Orientierungspunkten, aber auch konkrete Hilfe, wie vorgegangen werden kann. Auf keinen Fall solle man in dieser Situation betroffene Kinder unter Druck setzen.

INFOBeratungsstellen, die bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch helfen: Kompass, Kirchheim, Telefon 0 70 21/61 32 und Wildwasser Esslingen, Telefon 07 11/35 55 89 sowie die Psychologischen Beratungsstellen des Landkreises: www.zartbitter.de.