Lokales

Aus den Schmuddelkindern wurden Musterschüler

NÜRTINGEN Es war ein schöner Spätsommertag am vergangenen Donnerstag in Berlin. Der Publizist Warnfried Dettling machte sich mit einem katholischen Bischof auf ins



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TOBIAS DORFER

Feindesland. Die katholische Bischofskonferenz hatte ein Grundsatzpapier, Thema: Umgestaltung des Sozialstaats, beschlossen und diese Thesen sollten nun mit den Bundestagsfraktionen beschlossen werden. Auch mit der Grünen-Fraktion. Nach besagtem Gespräch gingen Dettling und der Bischof noch ein Bierchen trinken. Da sagte der Bischof: "Mit denen kann man ja richtig gut reden." Die Grünen seien an Inhalten interessiert und wollten den Gegner nicht bekämpfen. Erstaunlich, aber wahr. Inzwischen zeigen sich selbst konservative Katholiken gerne mit progressiven Grünen-Politikern. Was im Bund inzwischen salonfähig wird, ist auch im Kreis Esslingen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Grüne diskutieren nicht nur vehement mit unionsnahen Politikern, sondern man feiert auch zusammen.



Wie bei der 25-Jahr-Feier am Sonntagabend im Nürtinger Schlachthof und die war ein wahrhaft buntes Farbenspiel. Bei selbst gebrautem Bier, Maultaschensuppe, Salaten der Saison (selbstredend aus ökologischem Anbau), Schweinefilet (vom Schwäbisch Haller Landschwein) und Honig-Waldbeerenparfait vergnügten sich neben Ostfilderns Stadtchef Herbert Rösch auch die SPD-Oberbürgermeister Jürgen Zieger, Ottmar Heirich sowie Landrat Heinz Eininger (CDU) und Regionaldirektor Dr. Bernd Steinacher auch letzterer ist politisch eher schwarz gefärbt.



Die versammelte Kreisprominenz bei einer Grünen-Feier das hätte es vor zehn Jahren wohl noch nicht gegeben. Die Schmuddelkinder der politischen Parteien haben sich innerhalb eines Vierteljahrhunderts zum Musterschüler entwickelt. "1990 flogen wir aus dem Bundestag", erinnert sich die Bundestagsabgeordnete Uschi Eid. "1994 zogen wir wieder ein und vier Jahre später kamen wir an die Regierung. Das muss uns erst einmal einer nachmachen." In der Tat: Die Grünen erzielen inzwischen zweistellige Umfragewerte und der Kreisverband Esslingen hat sich inzwischen zu einem der bedeutendsten Verbände in der Region gemausert. Bei der Bundestagswahl 2002 zog neben Uschi Eid (Wahlkreis Nürtingen) auch noch die Esslinger Kandidatin Antje Vogel-Sperl ins Parlament ein. Und Winfried Kretschmann führt seit zwei Jahren die Grünen-Fraktion im baden-württembergischen Landtag durchaus mit Erfolg.



Das Geheimnis des grünen Wandels lüftet Uschi Eid gerne: Die Grünen hätten immer eine Reformfähigkeit an den Tag gelegt, auch innerhalb der eigenen Partei. Zudem sei sie selbst auch auf kommunaler Ebene sehr präsent auch mit unangenehmen Themen, wie etwa ihrer Kritik am Bau der Fildermesse. Trendsetter seien die Grünen, sagt Matthias Weigert aus dem vierköpfigen Kreisvorstand. "Denn wir haben wichtige Themen früh aufgegriffen." Der Publizist Warnfried Dettling (auch CDU-nah) sieht gute Perspektiven für die Grünen. "Die Grünen sind eine Partei, die ihr Wachstum an Bedeutung noch vor sich hat", sagte er.



Ein starkes Wachstum an Bedeutung, das wünscht sich auch Falko Thieß aus dem Kreisvorstand. Im Superwahljahr 2006 will er ein zweites Landtagsmandat gewinnen und zudem "mal sehen, wie sich der Winfried Kretschmann so auf der Regierungsbank macht".



Keine Frage, die Ökopartei ist selbstbewusst geworden und hat zudem ihr miefiges Image, das aus den Gründerjahren kommt, abgelegt. Strickpulli und Birkenstocksandalen das war einmal. Bei ihrer Jubelfeier schmissen sich die Ökos natürlich in Schale. "Designer ist doch ein schöner Job", meinte Uschi Eid. Sie selbst trage aber keine Designermode. Und Falko Thieß wurde ein bisschen einsilbig, als die Rede auf sein schwarzes Sakko kam. "Metzingen ist nicht weit", meinte der Kreisvorstand mit einem Augenzwinkern und widmete sich dann lieber den edlen Öko-Köstlichkeiten auf der Festtafel.

Der Kreisverband der Grünen feierte am Sonntag im Nürtinger Schlachthof sein 25-jähriges Bestehen mit prominenten Gästen: Regionaldirektor Bernd Steinacher, Esslingens OB Zieger, Winfried Kretschmann, Antje Vogel-Sperl, Uschi Eid und Landrat Heinz Eininger (v.l.n.r.).