Lokales

Aus der Traum von Kalifornien

Kirchheimer Schöffengericht verurteilt den Crawford-Erpresser Edis K. zu zwei Jahren Freiheitsstrafe

Wegen versuchter Erpressung ist der 26-jährige Edis K. gestern vom Kirchheimer Schöffengericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt worden. Er hatte von der Familie des einstigen amerikanischen Supermodels Cindy Crawford 100 000 Euro verlangt. Als Gegenleistung hätte er darauf verzichtet, ein „zweideutiges Foto“ der siebenjährigen Tochter an die Boulevardpresse weiterzugeben.

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Andreas Volz

Kirchheim. Als „eine sehr von sich selbst überzeugte Persönlichkeit“ hat Staatsanwalt Biehl den Angeklagten in seinem Plädoyer bezeichnet, und als solche hat sich Edis K. auch den ganzen Vormittag über dargestellt. Er bezeichnete sich selbst als „free spirit“, was er entsprechend frei als „freie Seele“ übersetzte. Vor allem aber stellte er gleich zu Beginn der Verhandlung fest: „Ich bin ein Mensch, der Abwechslung mag.“ Zur Abwechslung sei er nach dem Ende der 8. Klasse zum Vater gezogen, der inzwischen eine neue Familie gegründet hatte. Nach Haupt- und Werkrealschulabschluss versuchte er sich zur Abwechslung an einem Technischen Gymnasium. Nach drei Monaten gab er auf. Er selbst sagt, er sei an mangelnder Intelligenz gescheitert. Gebüffelt habe er in dieser Zeit dreimal so viel wie andere.

Die nächste große Abwechslung kommt im Alter von 17 Jahren: Er verwirklicht seinen großen Traum und geht als Surfer nach Hawaii. Finanziert haben will er diesen Auswanderungsversuch mit einem frühzeitig aufgelösten Bausparvertrag. Nach einem Monat ist der große Traum bereits vorbei. Edis K. hat das größte Problem eines dauerhaften Lebens auf Hawaii glasklar erkannt: Dort gibt es vor allem Touristen, und wenn man etwas mit Frauen anfangen will, dann reisen sie viel zu schnell wieder ab. Also reist er hinterher und verbringt zum ersten Mal in seinem Leben drei Monate in Kalifornien.

Zumindest dort scheint er sich immer wohlgefühlt zu haben. In Deutschland ist es ihm nämlich zu kalt. Das Wetter hier mache ihn „depressiv“. Trotzdem muss er immer wieder nach Deutschland zurück. In den USA fehlt es ihm eben an einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung. Als er einmal für längere Zeit zurück nach Deutschland kommt, beginnt Edis K. zur Abwechslung eine Ausbildung – als Erzieher. Er absolviert immerhin ein ganzes Jahr lang das notwendige Vorpraktikum, bevor er anschließend nach kurzer Zeit die Fachschule für Sozialpädagogik ohne Abschluss verlässt.

Ansonsten hat der 26-Jährige schon allerhand Erfahrung in der Arbeitswelt gesammelt: Er hat verschiedene Gelegenheitsjobs gehabt, er hat gemodelt, als Masseur gearbeitet, und in Kalifornien war er zuletzt als „Immobilienmakler“ tätig. Außerdem hat er für einen Catering-Service gekellnert und dabei unter anderem auf einer Party von Elton John bedient. Psychologe wollte Edis K. auch einmal werden. Aber eigentlich fühlt er sich zum Politiker berufen. Er möchte in England, Frankreich, Deutschland und in der Türkei jeweils dieselbe demokratische Partei gründen, deren Ziel darin besteht, Lobbyisten keine Chance zu geben und „Gutes für die Menschen dieser Welt zu tun“. Und natürlich hätte Edis K. auch Filmstar werden können. Er hatte einiges an Filmangeboten, erzählt er. Letztlich aber habe er die Rollen abgelehnt, weil er darin zu viel vor der Kamera hätte küssen müssen. Und auch die Bettszenen hätten ihm nicht zugesagt.

Privat hat er gegen das Küssen allerdings nichts einzuwenden: Sieben Monate lang hat er in den USA mit seiner Ehefrau zusammengelebt. Nicht, dass es bei der Eheschließung um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis gegangen wäre, nein, es war die große Liebe. „Aber sie hat die Ehe nicht so ernst genommen wie ich. Manche Mädchen wollen das einfach mal ausprobieren.“

Eine flüchtige Begegnung sollte dann schicksalhaft werden: Audrey war damals Kindermädchen bei Cindy Crawford. In ihrem Schlafzimmer hatte sie ein Foto, auf dem die siebenjährige Crawford-Tochter abgebildet ist, wie sie gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl sitzt. Das Foto sei bei einem „Räuber und Gendarm“-Spiel entstanden. Edis K. hat auf der Stelle Mitleid mit dem Kind. Dass Audrey ein solches Foto niemals hätte machen dürfen, weiß er sofort. Das Foto schadet der Kinderseele. Edis K. kennt sich da aus, schließlich wäre er beinahe Erzieher geworden.

Er nimmt das Foto mit und schreibt sich auch gleich die Telefonnummern von Cindy Crawford ab, die er in Audreys Handyspeicher findet. Nach einigen Wochen nimmt er Kontakt zu Cindy Crawford auf, weil er sie vor dem Kindermädchen warnen will. Er will der Familie auch raten, künftig den „Background“ von solchen Angestellten zu „checken“. Er trifft sich daraufhin mit Cindy Crawfords Ehemann Rande Gerber und zeigt ihm das Foto. Als er ihm einige Tage später den Papierabzug des Fotos überbringt, erhält er von Rande Gerber 1 000 Dollar, als „Aufwandsentschädigung“. Er selbst hätte das Geld nie gefordert, sagt er. Aber er hat es schließlich genommen.

Das war im Juli 2009. Im September wird sein Auto abgeschleppt, auf das Edis K. als „Immobilienmakler“ dringend angewiesen ist. Er braucht ein neues Auto und bittet Rande Gerber, den er jetzt als einen Freund betrachtet, ihm 5 000 Dollar zu leihen. Der geht darauf allerdings nicht ein. Kurze Zeit später wird Edis K. verhaftet und im Oktober wegen Verstoßes gegen die Einwanderungsbestimmungen nach Deutschland abgeschoben. Schuld daran ist seiner Meinung nach einzig und allein Rande Gerber. Dieser hat dadurch seinen amerikanischen Traum zerstört und außerdem auch die Beziehung zu seiner damaligen Freundin – einer weiteren großen Liebe seines Lebens.

Deshalb ist es für Edis K. nur recht und billig, wenn Rande Gerber ihm 100 000 Dollar – später verlangt er sogar 100 000 Euro – dafür überweist, dass sich Edis K. in Deutschland mit seiner amerikanischen Freundin ein neues Leben aufbauen kann. In drei Telefonaten regelt Edis K. diesen „fairen“ Handel. Das Geld kriegt er natürlich nicht. Stattdessen wird die Polizei eingeschaltet, die Edis K. international sucht. In der Türkei, wo er gerade ein Konto für das erpresste Geld eröffnen will, erfährt er von der Fahndung. Er kehrt nach Deutschland zurück und stellt sich dort den Behörden.

Gestern nun stand er wegen dieser versuchten Erpressung vor Gericht. Eine Abwechslung war das allerdings nicht, denn Richter Joachim Spieth berichtet von sechs Vorstrafen, unter anderem wegen Diebstahls, Nötigung, Fahrens ohne Fahrerlaubnis oder auch wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln. Zweimal gab es bereits eine Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt war. Auch wegen dieses Vorstrafenregisters reicht es dieses Mal nicht mehr für eine Bewährung. Das Gefängnisleben geht also nach vier Monaten Untersuchungshaft weiter. Sehr viel Abwechslung dürfte für die „freie Seele“ in Stammheim nicht geboten sein.