Lokales

"Aus eigener Kraft finden viele keinen Ausweg"

Eigentlich hätten die Teilnehmer von TRAM allen Grund zur Freude. Denn den Treffpunkt für allein erziehende Menschen gibt es seit genau fünf Jahren. Doch zum Feiern ist den Müttern und Vätern nicht zumute. Die Institution steht vor dem Aus, weil das Geld fehlt.

ANKE KIRSAMMER

Anzeige

KIRCHHEIM "Wenn jemand nach einer Trennung zu mir kommt, ist das meist eine riesige Baustelle", sagt Sozialarbeiterin Susanne Kurz. "Ich erschrecke oft zu Tode, wenn ich sehe, was die Leute hinter sich haben und was da alles nicht aufgearbeitet ist". Suchtkranke Partner, Gewalterfahrungen, sexueller Missbrauch häufig hat es die Fachfrau mit einem Konglomerat an Problemen zu tun. "Dann fangen wir erstmal an zu sortieren und arbeiten eins nach dem anderen ab. Mit eigener Kraft finden die meisten nicht den Ausweg aus der Spirale." Eine Trennung sei wie ein Befreiungsschlag, der jedoch mit einer noch größeren Krise einhergehe. Psychosomatische Störungen und Depressionen träten nach Trennungen häufig zutage. "In der Gruppe können die Ansätze dazu früh erkannt und manches aufgefangen werden", betont Susanne Kurz. Innerhalb von zwei Jahren haben sich insgesamt 100 Leute an TRAM gewandt; im gleichen Zeitraum suchten rund 80 Menschen in den wöchentlichen Treffen donnerstagnachmittags von 16 bis 19 Uhr in den Räumen der Familienbildungsstätte im Kirchheimer Vogthaus Rat. Mitunter werden Referenten eingeladen. Neben der theoretischen Seite legt Susanne Kurz auch viel Wert auf Praxis. Themen werden körperlich, geistig und kreativ angegangen.

Doch jetzt gehen die Projektgelder, in die auch Mittel der Teckboten-Weihnachtsaktion 2001 geflossen sind, zur Neige. Alle Hoffnungen setzen die Teilnehmer nun in die Stadt Kirchheim. Für das laufende Jahr bräuchte TRAM, zu dem was die Institution selbst erwirtschaftet, fürs Überleben 3 500 Euro, für die Folgejahre jeweils 9 000 Euro. "Wir haben alles versucht, an genügend Spenden zu kommen; die Räume und die Infrastruktur sind vorhanden", betont Susanne Kurz. Sieben Stunden in der Woche ist sie für TRAM aktiv. Büroarbeiten gehören ebenso dazu wie die Beratung übers Telefon donnerstags zwischen 14 und 16 Uhr und die Leitung des anschließenden Treffs. Danach gilt es "Hausaufgaben" zu erledigen für Probleme der Teilnehmer einen Lösungsweg zu suchen. Zu tun hat Susanne Kurz dabei unter anderem mit sozialem Dienst, Diakonie, Arbeitsagentur und Stadt. Die Sozialarbeiterin ist sich sicher: "Das Auslaufen des Mutter-Kind-Programms wird das Problem verschärfen."

Die Besucher von TRAM haben im Laufe der Jahre eine Art Netzwerk geknüpft. Die Frauen geben sich gegenseitig Hilfestellung. "Wichtig ist auch für die Kinder, dass sie sehen, ich bin mit meinen Problemen nicht allein und es gibt einen Ausweg, sagt Doreen Schneider, die den wöchentlichen Treff unumstößlich im Terminkalender vermerkt hat.

Immer wieder geraten die allein Erziehenden an Grenzen. Ganz aktuell beispielsweise mit den Bescheiden als Empfänger von Arbeitslosengeld II. "Die sind hochkompliziert", bestätigt Susanne Kurz. Anfangs war unter anderem nicht klar, ob die Kindergartenbeiträge übernommen werden. "Jetzt wissen wir, als ALG II-Empfänger bekommen sie wirtschaftliche Jugendhilfe", hat die Sozialarbeiterin herausgefunden. Mit der Umsetzung von Hartz IV ist die Luft für allein Erziehende noch dünner geworden. Bei manch einem droht in einem halben Jahr der Wohnungswechsel. Die Frauen wissen oft nicht, wie sie über die Runden kommen sollen, die Kinder in die Musikschule oder in den Sportverein zu schicken, ist meist nicht drin. Eine Betreuung für ihre vier- beziehungsweise sechsjährigen Sprösslinge zu finanzieren, ist für Doreen Schneider beispielsweise nicht möglich. "Somit bekomme ich allerdings auch keine Arbeit", sagt die Mutter. Kein Einzelfall, wie Susanne Kurz bestätigt. "Ich sehe viel Trauer, viel Perspektivlosigkeit. Die wirtschaftliche Basis ist eben das A und O."

Viele Menschen, zum Großteil sind es Frauen, die sich an Susanne Kurz wenden, wissen schlicht nicht, wohin sie sich mit ihren Fragen wenden sollen. "Wenn man nicht schon weiß, was einem zusteht, rückt keiner mit Infos raus. Das deckt einfach niemand ab", sagt eine Frau, die nach der Trennung von ihrem Mann regelmäßig zu den Treffen kommt. Der Vorteil von TRAM liegt auf der Hand: "Ich habe Schweigepflicht und ich verfüge nicht über Geldtöpfe", betont Susanne Kurz. Sie hat den Eindruck, dass die Problemtik allein Erziehender häufig verkannt wird. Oft stehe der Vorwurf im Raum, die Betroffenen seien selber schuld. Doch die Sozialarbeiterin macht klar: "Nicht alle leben von Beginn an mit dem Kind allein. Viele haben sich erst nach einigen Ehejahren getrennt oder sie haben ihren Partner durch Tod verloren." Trennungen gebe es quer durch alle Gesellschaftsschichten. "20 Prozent aller Kinder leben in Kirchheim bei einem allein erziehenden Elternteil Tendenz steigend", sagt Susanne Kurz. "Will man Kirchheim zu einer familienfreundlichen Stadt machen, darf man diese Gruppe nicht außer Acht lassen."