Lokales

"Aus Versehen" auf genialen Orgelbauer gestoßen

In neuem Glanz erstrahlt die alte, denkmalgeschützte Gruol-Orgel in Schopfloch. Die Kirchenmitglieder des kleinen Albdorfes haben die Finanzierung ebenso mutig geschultert wie ihre Vorfahren vor knapp 200 Jahren den Kauf des wertvollen Instruments.

IRIS HÄFNER

Anzeige

LENNINGEN Ist die Dorfkirche von Schopfloch schon selbst ein kleines Juwel, so verbirgt sich in ihrem Innern ein weiterer Schatz: eine im Jahr 1809 von Johann Viktor Gruol aus Bissingen gebaute Orgel, die bereits seit 1949 unter Denkmalschutz steht. Somit ist die Schopflocher Gruol-Orgel, die schon 1807 bestellt wurde und 900 Gulden gekostet hat, älter als das Instrument in Bissingen. Sie dürfte außerdem die älteste, erhaltene Gruol-Orgel sein.

Der Zahn der Zeit hat auch an ihr genagt und so stand schon seit Jahren fest, dass sie wie die Kirche selbst generalüberholt werden muss. "Das Geld hat allerdings nicht für beide Maßnahmen gleichzeitig gereicht", sagt Schopflochs Pfarrer Braun. Als 1996 die Innenrenovierung des Gotteshauses abgeschlossen war, wandte sich die kleine Kirchengemeinde gleich dem Projekt Orgel zu. Der Kirchengemeinderat beschloss, für die Orgelrenovierung zu sparen, denn der erste Kostenvoranschlag lag bei 40 000 Mark. Schon Mitte 1999 waren 20 000 Mark auf der hohen Kante. Zusammengekommen ist dieser Betrag aus Opfergeldern, Patchworkausstellungen, Brotbackaktionen, Maultaschenessen und anderem.

Mit dem Landesdenkmalamt, das 5000 Euro zuschießt, wurde die Renovierung der Orgel besprochen. "Zunächst wollten alle die große Lösung, doch die Frage war, wie wir 50 000 Euro finanzieren können", erinnert sich Pfarrer Braun. Zwischenzeitlich sind jedoch alle Beteiligten froh, dass nur die kleine Lösung in Angriff genommen wurde, die brutto mit 30 000 Euro zu Buche schlägt.

Restaurator William Jurgenson aus Lauffen am Neckar gilt als Gruol-Spezialist. Er wurde schließlich beauftragt, das Schmuckstück in der Schopflocher Kirche zu renovieren. Seit dem 22. Mai widmet er sich ausschließlich diesem Instrument und auch am Wochenende arbeitet er in der heimischen Werkstatt weiter an der Gruolschen Orgel. Der gebürtige US-Amerikaner aus dem Staate Michigan ist Instrumentenbauer und -restaurator mit Leib und Seele. "Bei dieser Orgel ist noch sehr viel alte Substanz erhalten", freut er sich und kommt regelrecht ins Schwärmen über die nahezu perfekte Arbeit des Orgelbauers Johann Viktor Gruol. Mit viel Liebe zum Detail und Sinn für Ästhetik hat dieser vor fast 200 Jahren ein Instrument von außergewöhnlicher Güte erschaffen. "Die Kanten an den Holzpfeifen sind gebrochen. Das sieht hinter dem Gehäuse niemand und trotzdem hat er es gemacht", beschreibt William Jurgenson die Arbeit seines Vorgängers. Gruol sei ein sehr guter Handwerker gewesen, der in höchstem Maße fachtheoretisches Wissen gehabt habe. "Er hat nur gutes Material verarbeitet und in der richtigen Richtung verschafft. Handwerklich ist alles gut gearbeitet", so das Urteil von William Jurgenson. Zudem habe der Bissinger Orgelbauer ein großes ästhetisches Gespür gehabt und sein Werk sauber bis ins kleinste Detail zu Ende gebracht.

Die wertvolle Schopflocher Orgel scheint bei William Jurgenson in guten Händen zu sein, denn er war es, der Johann Viktor Gruol als genialen Orgelbauer entdeckt hat. "Das ist ein bisschen aus Versehen passiert", sagt er bescheiden. Im Jahr 1969 hat der Lauffener die große Restaurierung der Bissinger Orgel komplett alleine gemacht. "Da habe ich Gruol genau kennen gelernt und daraufhin begonnen, alles über und von ihm aufzufinden", erzählt William Jurgenson. Dank den Nachforschungen fand er heraus, dass der Bissinger in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der wichtigste Orgelbauer Württembergs war. "Er war nicht nur ein guter Handwerker, sondern hatte auch gute Klangvorstellungen das hört man", sagt William Jurgenson.

Dies bestätigt auch Professor Volker Lutz, Orgelsachverständiger der Evangelischen Landeskirche. "Die Orgel hat immer noch einen frischen und lebendigen Klang. Das können wir nach wie vor im Gottesdienst gebrauchen", sagt der Kirchenmusiker. "Als die Orgel gebaut wurde, gab es den Russlandfeldzug von Napoleon und eine Auswanderungswelle aus Württemberg", erinnert Pfarrer Braun an die zeitlichen Zusammenhänge. Er zollt den Schopflochern großen Respekt, die trotz schwerer Zeiten in ein Kircheninstrument investiert haben.

Volker Lutz sitzt derweil auf der Orgelbank und überprüft die Arbeit des Restaurators. Unterschiedliche Choräle ertönen, sämtliche Register werden gezogen und mit kritischem Ohr wird nach Dissonanzen geforscht. Volker Lutz hat nur Kleinigkeiten zu beanstanden. Der Umgangston zwischen ihm und William Jurgenson ist kollegial-kameradschaftlich und endet nicht selten in einem Fachgespräch über Klangfarbe, Pfeifen, Windlade, Register oder Blasebalg. "Wir kennen uns schon seit rund 40 Jahren", meint Volker Lutz lächelnd, der bestens mit der direkten Art des gebürtigen Amerikaners klar kommt.

William Jurgenson hat sich leidenschaftlich seinem Handwerk verschrieben, auch wenn an erster Stelle einer Orgelrenovierung das große Putzen angesagt ist. Staub in den Pfeifen verändert Klangfarbe und Tonhöhe, weshalb sämtliche Innereien ausgesaugt werden müssen. Nicht nur mit Holz muss er umzugehen verstehen, auch Kenntnisse über Metall und dessen Zusammensetzung sind in seinem Beruf wichtig. Das weiche Metall der Pfeifen will mit Verstand behandelt werden, sonst franzt es am Ende aus. "Auf die Metallpfeifen ist hier des öfteren zu arg draufgehauen worden", schwäbelt der Amerikaner. Die Stimmhörner, die er allesamt selbst angefertigt hat, wollen mit viel Gefühl geführt werden.

Die Schopflocher Gruol-Orgel kann mit einer weiteren Besonderheit aufwarten: Sie hat einen Zimbelstern. Dabei handelt es sich um einen goldenen Stern, der oben in der Mitte der Orgel angebracht ist. Zieht der Organist das Register mit der Aufschrift "Zimbelstern", beginnt der Stern sich zu drehen und drei unterschiedliche, helle Glasglocken erschallen allerdings nur zu der Melodie von "O du fröhliche" und lediglich an vier Tagen im Jahr: Heiligabend, erster und zweiter Weihnachtsfeiertag sowie am darauffolgenden Sonntag. "Das ist immer der schönste Augenblick für die Kinder", erzählt Pfarrer Braun. Die Freude des Organisten dürfte sich jedoch in Grenzen halten, denn der Zimbelstern gibt sowohl den Takt als auch die Tonart an.