Lokales

Ausklang mit Echo und Nachhall

Frieder Kögel sorgte bei der Finissage von „Entfaltungen“ für den richtigen Ton

Kirchheim. Dank eines experimentellen Konzerterlebnisses zur Finissage rundete sich die Ausstellung „Entfaltungen“ des Kirchheimer Künstlers Bertl Zagst in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu einem

Florian stegmaier

kleinen Gesamtkunstwerk. Der Violinist Frieder Kögel aus Esslingen war zum Ende der Werkschau um deutlich mehr bemüht, als nur darum, einen bloßen akustischen Schlusspunkt zu setzen.

Frieder Kögel begab sich vielmehr auf die Suche nach einer klanglichen Entsprechung zu den Exponaten. Nicht nur in der bildenden Kunst, gerade auch für die Musik gilt schließlich: Je raffinierter und wandlungsfähiger und je größer die Bandbreite des Variierten sein soll, desto grundlegender und unprätentiöser muss der Quellpunkt sein, von dem aus sich die künstlerische Fantasie entzündet.

Fündig wurde der Violinist Frieder Kögel bei dem – wie er es nannte – „Ur-Ei unserer Tonkunst“, dem sogenannten „authentischen Kadenzschritt“, der als ein polares Verhältnis von harmonischer „Spannung“ und anschließender „Auflösung“ erlebbar ist. Aus diesem denkbar elementaren Keim heraus „entfaltete“ der Musiker – darin konsequent dem Ausstellungstitel folgend – seine Klanggirlanden auf der E-Violine.

Als improvisatorische Dreh- und Angelpunkte dienten ihm die Solokadenzen der Violinkonzerte KV 216, 217 und 219 von Wolfgang Amadeus Mozart – virtuose, zur Tradition geronnene Einschübe, in denen der Solist glänzen kann und mit seinem Können die aufgestaute harmonische Spannung weiter intensiviert, aber auch „abarbeitet“, bevor das Werk in der Grundtonart „ankommt“ und in Erfüllung der Hörerwartung zu Ende geht.

In spielerischer Freiheit, mit expressiver Geste und verschmitzter Dezenz gleichermaßen vertraut, entrollte Frieder Kögel musikalische Linien und Flächen. Aus dem gegebenen „motivisch-thematischen Material“ Mozarts entstanden Klangräume und Raumklänge. Erklingen und Verklingen durchdrangen einander.

Originell hebelte Frieder Kögel die tonale Gravitationskraft der Kadenzen aus und wirkte ihr mit gezielt platzierter Popularisierung entgegen. Ein Blues-Schema in Boogie-Woogie-Manier wurde eingestreut, im kalkulierten Übergang vom musikalischen Ton zum schieren Geräusch gelang gar die völlige Aufhebung.

Der Reichtum einer elektronischen Effektpalette erweiterte das Spektrum. Nicht ohne ironische Brechung, aber stets mit respektvollem Seitenblick auf den Wiener Meister, versuchte die mit Reverb und Delay unterstützte E-Geige eine spezifisch akustische Räumlichkeit zu erzeugen. Ein Anachronismus, der aufging. Frieder Kögel gelang es, den Objekten von Bertl Zagst ein individuelles Pendant zu schaffen, ihrem schwebenden, patinierten Charme einen hörbaren Ausdruck, einen Ausklang mit Echo und Nachhall zu verleihen.

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