Lokales

„Ausklinken und abhängen is‘ nicht“

Claudia Gotthardt unterstützt als Pädagogische Assistentin Lehrer in der Bissinger Hauptschule

25 Pädagogische Assistenten und Assistentinnen sind seit dem 18. Februar an den Hauptschulen im Kreis Esslingen tätig. Eine von ihnen ist Claudia Gotthardt (46). Die ausgebildete Grundschullehrerin unterstützt Kollegen im Unterricht der Klassen 5, 6 und 7 der Bissinger Grund- und Hauptschule.

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richard umstadt

Bissingen. Wenngleich nationale und internationale Pädagogikexperten die bundesdeutsche Hauptschule als Auslaufmodell untergehen sehen, propagiert das Kultusministerium in Stuttgart seit Jahren vehement deren Stärkung. Eine Maßnahme, die dazu beitragen soll, die „Restschule“ aufzuwerten, sind die Pädagogischen Assistenten. 550 Stellen schrieb das Ministerium im vergangenen Jahr landesweit aus. 1 780 Kandidatinnen und Kandidaten – von der Erzieherin bis hin zum Handwerksmeister und Juristen – bewarben sich darum. Alle mussten eines mitbringen: „Den Nachweis der pädagogischen Eignung“, sagt Claudia Gotthardt. Die ausgebildete Grundschullehrerin und Mutter dreier Kinder (12, 15 und 17) studierte in Wuppertal Mathe, Deutsch und Bildhaftes Gestalten. Als ihr Mann in Süddeutschland einen Job annahm, ging die Familie mit und landete nach mehreren Umzügen im schwäbischen Notzingen.

„Dann kam im Herbst 2007 die Stellenausschreibung und ich habe relativ spät davon erfahren“, erinnert sich Claudia Gotthardt, die durch einen langen Erziehungsurlaub den Anschluss an die Schule ein wenig verloren hatte. Innerhalb eines Tages suchte sie ihre Unterlagen zusammen und überlegte: „Wo kann ich mich bewerben?“ Dabei fiel ihr sofort Bissingen ein. Eine Bekannte hatte ihr begeistert vom guten Arbeitsklima in der Schule am Berg vorgeschwärmt. „Das Vorstellungsgespräch lief gut“, sagt Claudia Gotthardt. Allerdings hatte sich die Schule zunächst für eine andere Bewerberin entschieden. Als diese dann absagte, konnte die 46-Jährige am 18. Februar ihre Assistentinnenstelle antreten.

Acht Männer und Frauen aus sehr unterschiedlichen Berufen hatten sich auf die Stelle beworben – von der ehemaligen Lehrerin in der DDR über den Sozialarbeiter bis hin zum Rechtsanwalt. Die ausgebildete Grundschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen kam in die engere Wahl. Grundsätzlich sieht Rektor Wolfgang Rose, Schulleiter der Bissinger Grund- und Hauptschule, die Tätigkeit der Pädagogischen Assistenten positiv. „Man kann das gar nicht hoch genug einschätzen. Die Kinder erhalten dadurch die bestmögliche Förderung, die‘s gibt“, ist er überzeugt.

Rund 24 Stunden wöchentlich unterstützt Claudia Gotthardt die Klassenlehrer der Stufen fünf, sechs und sieben im Unterricht und betreut die Buben und Mädchen dienstags eine Stunde vor und eine Stunde nach dem gemeinsamen Mittagessen in der Schule. Außerdem ist die Pädagogische Assistentin auch für islamische Schüler da, die nicht in den Religionsunterricht gehen, und begleitet die Klassen ins Dettinger Hallenbad.

In Absprache mit den Klassen- beziehungsweise Fachlehrern fördert sie während des Unterrichts in Mathe, Deutsch und Englisch die schwächeren Schüler – einzeln oder in Kleingruppen. Dies setzt eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Kollegen voraus, hat aber den Vorteil, dass zum Beispiel im Englischunterricht differenziert mit den Schülern gearbeitet werden kann. Claudia Gotthardt nimmt dann drei oder vier Kinder beiseite und übt mit ihnen intensiv Vokabeln oder Konversation. „Es gibt schwächere Schüler, die klinken sich normalerweise aus. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Denen biete ich Hilfestellung“, berichtet die Pädagogische Assistentin. Auch in anderen Fächern wie Mathematik kann sie schauen, wo‘s hapert und die Kinder gezielt fördern.

Obwohl sie jetzt durch Claudia Gotthardt mehr gefordert werden, „nehmen das die Schüler ganz gut

Mit Nachhilfe lässt sich mehr verdienen

auf“, so die Erfahrung der Pädagogischen Assistentin. Die Mädchen und Jungen merken, dass sie sonst in einer Klasse mit rund 25 Schülern im Unterricht nicht mitkommen würden. „Die Schüler reagieren auf Frau Gotthardt offen und unkompliziert“, hat auch Wolfgang Rose beobachtet.

Was sie nach der Zeit in der Bissinger Grund- und Hauptschule unternimmt, weiß die gebürtige Nordrhein-Westfälin, die seit rund 17 Jahren im Schwabenland lebt, noch nicht. Das Arbeitsverhältnis aller Pädagogischen Assistenten wurde von vornherein auf zwei Jahre befristet. Einen Anschlussvertrag gibt es nicht. Doch Claudia Gotthardt war es wichtig, im pädagogischen Bereich und im Team zu arbeiten. „Das macht mir Spaß.“ Freilich lässt die Bezahlung durch das Land zu Wünschen übrig. Rund 900 Euro erhält die Pä­dagogische Assistentin im Monat. „Als Nachhilfelehrerin würde ich mehr verdienen“, sagt sie.

„Wir hatten 15, 16 Bewerber. Davon sind acht abgesprungen, als sie erfahren haben, was sie bezahlt bekommen“, berichtet Gerhard Klinger, Rektor der Raunerschule in Kirchheim. Ähnliche Erfahrungen machte auch sein Kollege in der Ötlinger Eduard-Mörike-Schule, Rektor Friedemann Korn. „Die haben zum Teil abgesagt, weil sie zu wenig bezahlt bekommen.“ Die Arbeitsverträge mit dem Regierungspräsidium sehen eine Bezahlung in Stufe 6 des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst TVÖD vor. Für das Land, die billige Variante der Hauptschulstärkung, denn hätte das Kultusministerium den Schulen mehr Lehrerstunden zugesagt, hätte es wesentlich tiefer in die Tasche greifen müssen – ein Pädagogischer Assistent kostet nur etwa ein Drittel soviel wie ein Hauptschullehrer.

Die Klassen jedoch profitieren von den Pädagogischen Assistenten. Das jedenfalls konnte der Leiter des Amtes für Schule und Bildung, Günter Klein, sporadischen Rückmeldungen aus Hauptschulen entnehmen. „Sie entspannen die Unterrichtssituation und erfahren eine hohe Akzeptanz.“ Die Schüler nehmen die Pädagogische Assistenten eher als unterstützend und fördernd wahr – Klein: „Die Zuwendungsdichte ist höher“ – und nicht als Lehrkräfte, die Zensuren erteilen. Auch Bedenken einiger Lehrer im Vorfeld des Einsatzes, die gemeinsame Unterrichtsvorbereitung könnte problematisch werden, hätten sich zerschlagen, erfuhr der Schulamtsleiter. Im Juni will sein Amt systematisch die 25 Hauptschulen im Kreis nach ihren Erfahrungen befragen.