Lokales

„Austausch wichtig, um Vergangenheit aufzuarbeiten“

Jakob Tauber war der Übersetzer der deutsch-israelischen Partnerschaft zwischen Landkreis und Givatayim

Köngen. Jakob Tauber, 75, ein Urgestein der deutsch-israelischen Partnerschaft zwischen dem Landkreis Esslingen und Givatayim, war über eine lange Zeit deren Begleiter und Dolmetscher. In diesen Tagen weilt er einmal mehr bei seinen schwäbischen Freunden am Neckar. Anlass

richard umstadt

dazu bot der Festakt zum 60-jährigen Bestehen des Kreisjugendrings (KJR) Esslingen, dem Geburtshelfer der einzigartigen Verbindung.

Die Mutter aus Spanien, der Vater aus Russland, erblickte Jakob Tauber selbst in Istanbul das Licht der Welt und kam mit 16 Jahren nach Israel. So erlebte und gestaltete er nicht nur den Aufbau des jungen Staates im Vorderen Orient mit, sondern später auch die Beziehung zu den deutschen Partnern.

Als die ersten zarten Bande zwischen dem Kreisjugendring Esslingen und Israel in 1966 geknüpft wurden, klopfte vier Jahre später die Stadtverwaltung von Givatayim bei ihrem Wassertechniker Tauber an, weil sie wusste: „Der Mann spricht deutsch“. Bis zu seinem Ruhestand 1999 begleitete er zweisprachig israelische Delegationen nach Esslingen und übersetzte, wenn Gruppen aus Givatayim ins Schwabenländle kamen – „insgesamt gut 40 bis 50 Mal.“

Gerne erinnert er sich an diese Zeit zurück, als im April 1983 von Givatayims damaligem Oberbürgermeister Izhak Yaron und Landrat Dr. Hans Peter Braun die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet wurde, an die Empfänge im Landkreis Esslingen und die Einweihung des Hauses „Landkreis Esslingen“ in Givatayim 1996. Seither ist viel Wasser den Jordan hinuntergeflossen. Die Partnerschaft besteht immer noch, alte Freundschaftsbande überdauern auch Krisen. Doch der Austausch wird auf anderen Schultern getragen, wie KJR-Geschäftsführer Kurt Spätling bestätigt, nicht weniger konstant, nicht weniger herzlich. Es sind Schülerinnen und Schüler der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule Kirchheim und der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule Nürtingen, die sich regelmäßig mit jungen Israelis treffen. Parallel dazu lässt Landrat Eininger den Kontakt zu Givatayim und seiner Verwaltungsspitze nicht abreißen.

Man kann diese Beschränkung der internationalen Verbindungen auf Schulen und Verwaltung bedauern, wie dies Helmut Thienwiebel, einer der Vorgänger Spätlings, tut. Thienwiebel trat 1983 als KJR-Vorsitzender die Nachfolge von Wolfgang Drexler an und erlebte den Beginn der Partnerschaft mit Givatayim. In dieser Zeit gab es eine starke Auseinandersetzung der Verbände im KJR über offene Jugendarbeit. Einig waren sie sich allerdings beim Thema internationale Begegnung. Die Jugend sagte deutlich „Ja“ zu Verständigung und Aussöhnung, erinnert sich Helmut Thienwiebel.

Diese eindeutige Haltung ist heute in der jungen Generation nicht mehr verbreitet. Kurt Spätling spricht von der „Zäsur“ einer Generationenablösung. „Der Sühnegedanken, mit dem in früheren Zeiten Jugendliche nach Israel geflogen sind, wird heute nicht mehr so empfunden.“ Zumindest ist Israel aus diesem Denken heraus keine Reise mehr Wert. Noch größer ist die Distanz deutscher Jugendlicher Kurt Spätling zu Folge zu Polen. Bekanntlich unterhält der KJR und der Landkreis auch mit der polnischen Stadt Pruszkow eine Partnerschaft, die einzuschlafen droht. Das will der Kreisjugendring verhindern. „Wir werden uns etwas Neues einfallen lassen.“

Jakob Tauber, talentierten Kunstschaffender von Gemälden, Radierungen und Keramik, verfolgt auch im Ruhestand aufmerksam die Beziehungen zwischen dem Landkreis und Givatayim aufmerksam. „Ich finde diese Partnerschaft sehr wichtig, weil wir die Vergangenheit aufarbeiten müssen.“ Denn dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte, diese „historische Belastung“, spielt natürlich auch in der dritten Generation der Juden eine Rolle. „Es ist aber eine kleine Minderheit, die nichts mit Deutschen zu tun haben will.“ Deutschland interessiere die israelische Jugend sehr wohl. Tauber weiß das, sein Enkel Yodan hat ihn begleitet.

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