Lokales

„Automobile von morgen“

Für Sigmar Gabriel gehen Umweltschutz und Innovation miteinander einher

Umweltpolitik und Automobilindustrie haben vieles gemeinsam, auch wenn sie häufig von unterschiedlichen Zielsetzungen ausgehen. Gestern gab es deshalb Gespräche auf höchster Ebene – zwischen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Daimler-Chef Dieter Zetsche. Den Aufenthalt in Baden-Württemberg nutzte der SPD-Politiker auch zu einem Abstecher nach Nabern, um sich dort über den neuesten Stand der Brennstoffzellentechnik zu informieren.

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Andreas Volz

Kirchheim. Wahljahre sind oft schon Anlass genug für hochrangige Politiker, sich in der gesamten Republik immer wieder vor Ort zu präsentieren. Nabern als Entwicklungsstandort von Brennstoffzellensystemen ist aber selbst unabhängig von anstehenden Wahlen ein beliebtes Ziel für Bundespolitiker. Insofern hatte Sigmar Gabriel gestern also gleich zwei gute Gründe für seine Stippvisite am Fuß der Teck.

Trotz Kälte und Absperrungen suchte der Bundesumweltminister zwischen Betriebsrundgang und Probefahrt die Nähe zur versammelten Journalistenschar und diktierte beim Kurzinterview in deren Blöcke, dass er Nabern für „eines der interessantesten Zentren für die Entwicklung der Brennstoffzelle“ hält.

Diese Technik sei eine der zentralen Möglichkeiten, einerseits die Mobilität zu erhalten und andererseits eine „Zero-Emission“ von CO2 zu erreichen – zumindest annähernd. Die Technik sei außerdem für einen Umweltminister der Beweis dafür, „dass Umweltschutz und Innovation miteinander einhergehen“. Die Politik habe die Rahmendaten zur CO2-Regulierung in Europa zu setzen. Daran müssten sich Hersteller und Zulieferer dann orientieren. Um den Herstellern Sicherheit zu geben, seien langfristige und mittelfristige Zielsetzungen zu formulieren: „Darauf müssen sich die Hersteller verlassen können.“ Batterie- und wasserstoffbetriebene Fahrzeuge gehören für Sigmar Gabriel beide zur Elektromobilität und damit zu den zukunftsfähigen Antriebsarten.

Um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, sei es außerdem sinnvoll, „in die Automobile von morgen zu investieren“, sagte der Bundesumweltminister gestern Nachmittag. Im Konjunkturpaket II der Bundesregierung seien deshalb auch 500 Millionen Euro für die Wasserstofftechnologie vorgesehen. Für die Zeit nach der Krise seien jetzt während der Krise zusätzliche Finanzmittel nötig, um später wettbewerbsfähigere und umweltfreundlichere Fahrzeuge auf dem Markt zu haben.

Was wiederum die Marktreife der Brennstoffzellenfahrzeuge betrifft, so nannte Matthias Brock, der als Pressesprecher der Daimler AG für die Antriebsarten der Zukunft zuständig ist, das Jahr 2015 als Ziel. Umweltminister Gabriel drehte zu diesem Zeitpunkt gerade seine Runde mit der neuen brennstoffzellenbetriebenen B-Klasse. Von diesem Modell werde noch im laufenden Jahr eine Kleinserie in Produktion gehen, kündigte Pressesprecher Brock an. Es gehe dabei um Stückzahlen im dreistelligen Bereich. Diese Fahrzeuge kämen weltweit in den Fuhrparks verschiedener Unternehmen zum Einsatz.

Gegenüber der alten A-Klasse habe die neue Wasserstoff-Generation eine wesentlich höhere Reichweite – unter anderem deshalb, weil der Druck des gasförmigen Wasserstoffs auf 700 bar verdoppelt wurde. Zur Marktreife gehöre aber außer der Fahrzeugtechnik auch noch die entsprechende Infrastruktur: „Damit steht und fällt der Erfolg des gesamten Projekts.“ Konkret bedeutet das, dass bis zur Marktreife des Wasserstofffahrzeugs ein Netz von Tankstellen bestehen muss, die den neuen Treibstoff anbieten.

Die jetzige Generation habe eine Reichweite von 400 Kilometern, während ein reines Elektrofahrzeug gerade einmal auf die halbe Reichweite komme. Ein weiterer Vorteil der Brennstoffzelle bestehe darin, dass sich das Fahrzeug in zwei bis drei Minuten wieder auftanken lasse, während das Elektroauto eine Ladezeit von acht Stunden benötige.

Als „Abgas“ produziere die Brennstoffzelle nur Wasserdampf. Im Idealfall werde der Wasserstoff sogar unter Ausnutzung regenerativer Energiequellen gewonnen. Dann sei tatsächlich eine CO2-freie Mobilität erreicht. Einen weiteren Vorteil der Technologie sieht Matthias Brock darin, dass sich auch überschüssige Energie aus Windkraftanlagen zwischenspeichern lasse.

Die Brennstoffzelle habe für Daimler nach wie vor eine wichtige Bedeutung für die Zukunft: „Unsere gesamte Forschung läuft hier in Nabern.“ Die „Stacks“ – also „die Kisten, wo die Brennstoffzellen drin sind“ – kämen aus Vancouver, vom Ballard-Nachfolger. Ansonsten aber werde das gesamte Brennstoffzellensystem, das „Kraftwerk an Bord“, von NuCellSys in Nabern geliefert, einem Joint Venture von Daimler und Ford.

Am Rande nannte Matthias Brock noch eine weitere Einsatzmöglichkeit für den Wasserstoffantrieb: „Die Brennstoffzelle hat eine Zukunft im Busverkehr.“ In Hamburg seien noch Brennstoffzellenbusse im Einsatz, in Stuttgart dagegen nicht mehr. Letzteres liege allerdings weder an der Technologie noch an den entwickelnden Unternehmen, sondern einzig und allein an der Stadt Stuttgart, die beschlossen habe, aus dem Modellversuch wieder auszusteigen.

Vielleicht kann ja auch in diesem Fall die Begegnung von Politik und Wirtschaft dazu beitragen, dass wieder Bewegung in die Sache kommt.