Lokales

Bärlauch in der Nase, Scilla im Blick

Kreuz und quer durchs Hohe Reisach – Ein Lauf mit Eva Frohnmeyer-Carey von der Frauenliste (16)

Kirchheim. Treffpunkt für den Lauf mit Eva Frohnmeyer-Carey ist das Waldheim. „Wir laufen direkt in den Wald hinein“, schlägt sie vor, und los geht’s mit federnden Schritten auf weichem Boden. Auf dem höchsten

Irene Strifler

Punkt halten wir uns links und laufen nach Westen, der untergehenden Sonne entgegen. „Es ist einfach schön, eine vertraute Gegend im Wechsel der Jahreszeiten zu erleben“, sagt die Kirchheimerin und atmet tief die Luft ein, die würzig nach Bärlauch duftet. Die jungen Blätter an den Bäumen leuchten in intensivem Grün, der Boden strotzt nur so vor Lebenskraft, denn kurz zuvor ging ein kurzer Regenguss nieder.

Eva Frohnmeyer-Carey durchkreuzt das Hohe Reisach regelmäßig auf ganz beliebigen Wegen. „Ich mag die Abwechslung“, erklärt sie, warum sie sich keine Standardrunde zugelegt hat. Was sie besonders mag, sind ungeteerte Wege, und die gibt es im Hohen Reisach reichlich. Dass immer Runden möglich sind, weiß sie zu schätzen. Sie hat nämlich eine Zeit lang bei Bad Segeberg gelebt. Die Gegend war ländlich, dennoch machte das Laufen einfach keinen Spaß: „Alle Feldwege endeten einfach blind“, erklärt sie.

Obwohl es Feierabend-Zeit ist, begegnen wir auf unserer Runde nur wenigen Läufern. Wir biegen nach rechts ab und erreichen auf einem schmalen Trampelpfad den Waldrand. Notzingen taucht auf. „Hier gab es früher immer große Scilla-Felder“, meint Eva Frohnmeyer-Carey mit leisem Bedauern und weist auf unscheinbares Blattwerk hin. Heute dominiert ganz klar der Bärlauch im Hohen Reisach. Unser Weg führt direkt am Waldrand weiter. Zwischen saftigen Wiesen und üppigem Grün geht es in östlicher Richtung weiter.

Für Eva Frohnmeyer-Carey gehört das Laufen seit 23 Jahren zum Leben. „Angefangen habe ich in Berlin, als ich auf meine Prüfungen lernen musste“, berichtet die Krankengymnastin. Um der Kälte der Wohnung zu entgehen und dem Körper neben der ewigen Sitzerei auch mal Entspannung zu gönnen, begann sie mit ihrer Freundin durch die legendären Berliner Schrebergärten zu rennen. Auch heute nutzt sie das Joggen gern zum Stressabbau. „Nach einem verregneten Wochenende zieht’s mich einfach noch mal raus zum Austoben“, berichtet sie. Zweimal die Woche laufen ist mindestens drin. Dazu verabredet sich die Repräsentantin der Kirchheimer Frauenliste gern mit Freundinnen. „Da findet man nicht so leicht eine Ausrede, doch lieber zu Hause etwas zu erledigen“, beichtet sie, dass auch sie den inneren Schweinehund überwinden muss. Ihr bester Trick: Daran denken, dass man sich nach dem Laufen immer toll fühlt. Das gibt sie auch ihren Patienten im Krankenhaus mit auf den Weg, wenn diese vor Bewegung zurückschrecken. Dabei geht es allerdings selten ums Thema Joggen, denn viele haben einen frischen Schlaganfall hinter sich und müssen erst einmal lernen, sich überhaupt im Alltag wieder zu bewegen. Manchmal geht es auch einfach darum, Lebensfreude zurückzugewinnen. Da nutzt der Krankengymnastin ihre positive Ausstrahlung, die sie nach eigenem Vermuten nicht zuletzt ihrem optimistischen amerikanischen Mann verdankt. „Ich lobe meine Patienten auch viel – für manchen ist das richtig ungewohnt“, berichtet sie.

Ganz kurz müssen wir den Feldweg verlassen, um die Landesstraße, die Notzingen mit Kirchheim verbindet, zu überqueren. Dann geht es auf der anderen Seite weiter am Wald entlang, Wellingen links im Blick. Schließlich tauchen wir wieder in den Wald ein. Es fängt ganz leicht an zu nieseln, doch das stört unter dem dichten Blätterdach kein bisschen.

Eva Frohnmeyer-Carey gehört zu den Leuten, die keine Wettkämpfe brauchen, um bei der Stange zu bleiben. Im Gegenteil: Ein einziges Mal hat sie bei einem Lauf in der Umgebung mitgemacht. „Das entspricht mir einfach nicht“, winkt sie ab. Ihr eigenes Tempo zu laufen und sich dabei wohlzufühlen, ist ihr Ziel. Sport in geschlossenen Räumen ist ihr ein Gräuel, und auch das Fahrrad betrachtet sie eher als Verkehrsmittel, denn als Sportgerät. Wenn alle so gestrickt wären, wie die Frauenliste-Vertreterin, dann bräuchte Kirchheim eigentlich keine Sportentwicklungsplanung. Doch hinter dieser Planung steht sie: „Wir müssen allen Menschen etwas bieten“, spricht aus ihr die Krankengymnastin, die den gesundheitlichen Wert der Bewegung zu schätzen weiß. Auch für sie ist das ein Ausgleich zu langen Sitzungen. Diese häufen sich, seit Eva Frohnmeyer-Carey nach der jüngsten Kommunalwahl in den Gemeinderat aufgenommen wurde. „Ich bereue die Entscheidung nicht“, meint sie rückblickend. Spannend sei vieles an der Politik, nicht zuletzt unvorhergesehene Abstimmungsentwicklungen. Aber auch die Alltagsarbeit in der Fraktion macht ihr Spaß. In der Frauenliste sind viele aktiv, die Aspekte aus ganz anderen Ecken dieser Republik in die Arbeit mit einbringen. „Was alle verbindet, ist die Tatsache, dass sie gern hier in Kirchheim leben“, sagt Frohnmeyer-Carey. Das gilt auch für sie selbst, die nach Jahren in anderen Regionen zu ihren Wurzeln ins Schwabenland zurückgekehrt ist.

Plötzlich sind wir wieder auf dem Hauptweg, passieren den Waldfriedhof und überqueren auf der Brücke die Straße beim Wasserturm. Noch ein paar Meter geradeaus, dann führt uns ein Weg links ab wieder direkt zum Waldheim. Hier machen wir nicht etwa Schluss. Ein kleiner Abstecher zur Aussichtsplattform Würstlesberg muss drin sein. „Hier stehe ich gerne noch einen Moment und freue mich an der Aussicht“, sagt Frohnmeyer-Carey. Vor uns liegt überschaubar Kirchheim, im Hintergrund thronen Teck und Neuffen. Unter uns ist das Grün um die Lindach auszumachen, die einzelnen Häuser der Innenstadt sind gut zu erkennen. „Das ist ein toller Anblick“, sagt die Läuferin. – Und ein grandioser Schlussakkord für einen schönen Lauf.

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