Lokales

Bärlauchinvasion statt blauem Blütenteppich

„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ – dieser Satz von Heraklit bewahrheitet sich auch bei der Dauerflächenbeobachtung im Kirchheimer Hohen Reisach: Der Bärlauch verdrängt dort die Blausterne.

Iris Häfner

Kirchheim. „Die Blausterne im Hohen Reisach sind weit über Kirchheim hinaus bekannt und berühmt“, sagt Dr. Niels Böhling. Der Geograf und Biologe aus Kirchheim führt die Dauerflächenbeobachtung im „buchenreichen Eichen-Hainbuchwald“ fort, die Gertrud Buck-Feucht im Jahr 1978 begonnen hat. Das Hauptaugenmerk ist dabei auf die Waldbodenvegetation gerichtet. Es handelt sich um eine zehn Mal zehn Meter große Fläche, deren Flora im Abstand weniger Jahre detailliert kartiert wird. Aus diesen Karten ist die Konstanz oder Veränderung der Populationsdichten aller Pflanzenarten ableitbar und dokumentiert. Im Vordergrund der Studie stand die Frage, welchen Einfluss Baumarten auf den Boden und auf die Vegetation haben.

In dieser Langzeitstudie konnten die Forscher dramatische Veränderungen beobachten. Weit über hundert Pflanzen der Scilla bifolia pro Quadratmeter reckten einst im zeitigen Frühjahr ihre strahlend blauen Blütenköpfchen in den Himmel. Von dieser Pracht ist mittlerweile nur noch ein kläglicher Rest übrig geblieben. Dominiert wird die Fläche zwischenzeitlich von Allium ursinum – besser bekannt als Bärlauch. Seit den 1990er-Jahren geht das Vorkommen der Blausterne zurück, so die Beobachtung der Forscher. Dieser Prozess hat vermutlich mehrere Ursachen. Einer davon könnte im Klimawandel liegen, aber auch die veränderte Waldvegetation spielt nach Ansicht von Niels Böhling eine Rolle. Aus dem lichten Eichenwald ist im Laufe der Zeit ein wesentlich dichterer Buchenwald geworden, in dessen Folge sich der artenreiche Eichen-Hainbuchen-Mittelwald in einen artenarmen, dunklen Buchenwald gewandelt hat. „Im reduzierten Lichtgenuss am Waldboden wird ein Hauptgrund für die Verarmung der Waldbodenflora gesehen“, so Niels Böhling. Da die Buchen die Lücken nach der Fällung einzelner Bäume schnell schließen, rät er zu einer gezielten Reduzierung dieser Baumart, um die Blausterne in ihrem Bestand an diesem Standort retten zu können. Doch nicht nur das fehlende Licht setzt den Blausternen zu, auch der höhere Nährstoffgehalt des Bodens. „Die Laubstreu muss raus“, ist der Geograf überzeugt.

Er spricht gar von einer Invasion des Bärlauchs, der von einer relativ seltenen und damit schutzwürdigen Art innerhalb kürzester Zeit die Blausterne verdrängt hat. Somit verschwindet auch zusehends eine weitere Besonderheit im Hohen Reisach: die hier relativ häufig vorkommenden, sonst jedoch seltenen weißen Scilla.

Die Fachwelt spricht in Bezug auf die Blausterne von einer Zierde des Landes, für das Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung habe, da die Pflanzen hier eines ihrer Hauptverbreitungsgebiete habe. „In Norddeutschland fehlen die Blausterne vollständig, und auch in Frankreich sind sie eine Rarität“, erklärt Niels Böhling. Von ihm ist zu erfahren, dass es sich bei der Scilla um eine Stromtalpflanze handelt, die vorzugsweise im Umfeld von Rhein, Neckar und Donau gedeiht.

Da sich Niels Böhling notgedrungen mit dem Bärlauch auseinandersetzen musste, ließ ihm der etwas ungewöhnliche Name dieses Krauts keine Ruhe. Die vorherrschenden Deutungen überzeugten den Wissenschaftlicher nicht. So soll einer Theorie zufolge die Pflanze für Bären eine erste Nahrungsquelle nach dem Winterschlaf sein. Eine weitere These lautet, dass Kelten und Germanen ihren Bärenbraten beziehungsweise -schinken mit dem Kraut gewürzt haben sollen. Niels Böhling kommt jedoch zu einem anderen Schluss. Für ihn ist der wissenschaftliche Name Allium ursinum ein Wegweiser. Der Bär heißt im Lateinischen Urs, auf Griechisch Arktos – möglicherweise wegen des Sternbilds des Großen Bären. Die „Arktis“ ist demnach das Land im Norden oder das Land unter dem Sternbild des Großen Bären. Für Niels Böhling ist somit der Bärlauch der Lauch aus dem Norden.

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