Lokales

Bätscher, Wein und angeregte Unterhaltung

Zahlreiche Gäste aus Wirtschaft, Politik und Kultur waren der Einladung der Stadt Weilheim gefolgt. Beim traditionellen Zehntweintrunk in der Limburghalle nutzten sie die Gelegenheit zum Gespräch.

ANNA ROSS

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WEILHEIM Vor 25 Jahren hatte der Weilheimer Bürgermeister Hermann Bauer die alte Tradition des Zehntweintrunks wiederbelebt. Bis 1834 bot sie den Winzern der Gegend die Gelegenheit, ein Fässchen vom Zehntteil abzuzweigen und ihn zu verkosten. Die Renaissance dieser Tradition ist jedoch nicht auf einen so kleinen Personenkreis begrenzt. Politiker aus Kommunal- und Landesebene, Mitglieder der Weilheimer Vereine, Vertreter der Wirtschaft und Kultur sowie Bürger, auf die das Buchstabenlos P gefallen war, fanden sich in der Limburghalle ein.

Damit war eines der Hauptziele der Veranstaltung bereits auf dem besten Weg, in die Tat umgesetzt zu werden. Unter dem Credo "nur wer miteinander redet, kann den anderen begreifen und verstehen" sollte der Zehntweintrunk laut Hermann Bauer die "Leute zusammenführen" und als Kommunikationsplattform dienen.

Zuerst jedoch ließ der Weilheimer Verwaltungschef das Jahr Revue passieren. Einleitend verwies er dabei auf den defizitären Bundes- und Landeshaushalt, die weiterhin hohe Arbeitslosenzahl und auf das aktuelle Koalitionskarussell. Vor diesem Hintergrund unterstrich er, dass Leistungsgesetze des Bundes nicht auf Kosten der Kommunen beschlossen werden dürften: "Wer bestellt, bezahlt!"

Auch Weilheim habe sich auf eine in den letzten zehn Jahren stagnierte Steuerkraft einstellen müssen. "Durch nachhaltige und teilweise schmerzhafte Ausgabenbegrenzungen sparen wir jährlich 600 000 Euro ein", Steuererhöhungen der letzten beiden Jahre, so Bauer, "bringen Mehreinnahmen von 280 000 Euro". Er stellte weitere Kürzungen sowie "eine schwarze Null" im Haushalt 2006 in Aussicht. Jedoch machte er deutlich, dass trotz geringen finanziellen Spielraums in den vergangenen Jahren Investitionen getätigt wurden. So zum Beispiel in die neue Turnhalle, einen viergruppigen Kindergarten an der Bahnhofsstraße sowie die neue Stadtbücherei. Gerade Letzteres lobte Ellen Keller-Bitzer, die momentan im Mutterschaftsurlaub befindliche Leiterin der Stadtbücherei. Ohne "die gute Ausstattung und den Rückhalt der Stadt ist derartig effiziente Arbeit kaum möglich".

Bürgermeister Bauer wies darauf hin, "dass wir seit 1983 keine neuen Schulden aufgenommen haben und wir sind mit dem Schuldenstand unter dem Landesdurchschnitt". Daher werde auch der seit langem geplante und vor einem Jahr begonnene Rathausneubau ohne Neuverschuldung oder eigene allgemeine Haushaltsmittel finanziert, sondern durch Zuschüsse vom Land, Erlöse aus dem Verkauf der Neckarwerks-Aktien und aus neuen Wohnbaugebieten.

Anschließend ging er über zum zweiten wichtigen Teil des Abends: der Würdigung ehrenamtlichen Engagements für die Stadt Weilheim. Für ihr Verdienst in diesem Bereich wurden Kurt Bög vom Verein der Weinbergbesitzer sowie Hans Linsenmayer als Vorstand der Hepsisauer Ortsgruppe des Albvereins geehrt. Die goldene Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg zeugte von deren langjährigem Engagement um Natur- und Heimatpflege, sowie um die Fortführung der Weinbautradition.

Nachdem er allen gedankt hatte, die sich "ehrenamtlich oder auch im Hauptamt für das Wohl der Stadt einsetzen", schloss der Weilheimer Bürgermeister seine Rede mit einem Lobpreis des "heimischen und qualitätsvollen" Weins. Ausgeschenkt wurden ein roter Spätburgunder Kabinett halbtrocken, sowie ein weißer Silvaner Kabinett trocken beide Jahrgang 2004 aus der Reblage Hohenneuffen-Teck.

So war der Startschuss gegeben zu einem Abend des gegenseitigen Anstoßens und Gesprächsaustauschs. Das lockere Ständerling-Arrangement erwies sich dabei wie immer als geeignete strategische Maßnahme, um die Fluktuation unter den Gästen anzuregen. So erklangen in der Limburghalle nicht nur die Töne der Bläsergruppe der Weilheimer Musikschule, sondern es gab auch angeregte Gespräche. Dabei war keineswegs nur ein Thema dominant. Wie der evangelische Pfarrer Walter Veil bestätigte, unterhalte man sich im wahrsten Sinne des Wortes "über Gott und die Welt". Wie die meisten Gäste betonte auch er, wie wichtig es sei, "in Kontakt zu bleiben". Im übrigen sei der Wein so gut, dass er ihn auch gerne Gästen der Gemeinde als Geschenk präsentiere.

Die Qualität des ausgeschenkten Rebensaftes führte Wilhelm Braun, offizieller Stadtführer Weilheims, auf "'s richtige Bodag'fährtle" zurück mit anderen Worten auf den fruchtbaren, vulkanischen Boden, auf dem der Weilheimer Wein gedeiht. Während die einen sich also über die Qualität des Weines unterhielten und nostalgische Erinnerungen aufleben ließen, redeten andere eher über Geschäftliches oder Politisches. In jedem Fall aber wurde der Abend von einer locker-aufgeschlossenen Atmosphäre geprägt.

Auch wer auf den Wein verzichten musste oder wollte, blieb nicht ohne Schmankerl, denn alle Gäste konnten sich an Bätschern laben, die in diesem Jahr von der Hepsisauer Pfadfindergruppe gebacken wurden. So kamen am Ende alle zu einem schönen, kulinarisch wie kommunikativ interessanten Abend.