Lokales

Bald 90 Jahre alt und immer noch kein bisschen leise . . .

KIRCHHEIM Wer im stolzen Alter von 90 Jahren noch problemlos in der Lage ist, einem Flügelhorn jederzeit auf Abruf gewünschte Lieder zu entlocken oder nach eigener Wahl

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WOLF-DIETER TRUPPAT

gängige Choräle zu spielen, deren Text er dann im Anschluss auch noch fehlerfrei auswendig rezitieren kann, verdient zweifellos viel Bewunderung gegebenenfalls allerdings auch etwas Nachsicht.

Mit Letzterem haperte es vor einigen Jahren, als der rüstige Rentner unfreiwillig ins Gerede kam und ungewollte Popularität und ungefragte Medienpräsenz erlangte. "Blasverbot für Opa Höger weil es die Nachbarn nervt" titelte die Bild-Zeitung am 30. November 2000, die mit "Jeden Morgen um 9: Tätärätäääää!" ihrer Leserschaft lautmalerisch einen kontrovers diskutierten Konflikt verständlich machen wollte. Nach einem Vor-Ort-Termin mit Ordnungsamtsleiter Ehni und dem damaligen Oberbürgermeister Peter Jakob war zu diesem Zeitpunkt die Kontroverse schon längst diplomatisch, wenn nicht völlig aus der Welt geschaffen, so doch deutlich entschärft.

Nach zwei anonym bei der Stadt eingegangenen Beschwerden musste Hans Höger seinerzeit in einem vom Kirchheimer Ordnungsamt so ordnungsgemäß wie unmissverständlich formulierten Schreiben mitgeteilt werden, dass es sich bei dem nicht nur Freude spendenden frühmorgendlichen Abspielen von Chorälen nach dem Wortlaut der geltenden Polizeiverordnung um den Tatbestand "umweltschädlichen Verhaltens" handle. Vor allem auch im Blick auf den "Schutz öffentlicher Grün- und Erholungsflächen" könne dieser mutwillige Einsatz eines Flügelhorns "auf offenen Balkonen betrieben oder gespielt" so nicht länger geduldet werden. Zur Vollstreckung des angedrohten Bußgeldes kam es aber nie.

Eine Welle von Sympathiekundgebungen stärkte Hans Högers Position. In einer Fülle von Leserbriefen, in einem Ordner abgelegten persönlichen Dankschreiben an den munteren Musikanten und in zahlreichen aufgebrachten Anrufen bei der Stadtverwaltung schlug sich die Begeisterung nieder, mit der eine erdrückende Mehrheit Musikbegeisterter dazu aufrief, neben dem vom "ersten Turmvogt" Hans Höger initiierten Posaunenblasen vom Turm der Martinskirche auch die Tradition des Flügelhornblasens vom Högerschen Balkon zu wahren. Das einst zunächst barsch untersagte Blasen wird seither flächendeckend "toleriert" soweit die Töne tragen. Eine Sondergenehmigung wurde freilich nicht erteilt.

Auch wenn Hans Höger am kommenden Montag seinen 90. Geburtstag feiern kann, ist er immer noch gut bei Puste. Er begrüßt nicht nur täglich am frühen Morgen den Tag von seinem Balkon in der Alten Plochinger Steige, sondern verabschiedet sich normalerweise auch musikalisch, bevor die Sonne untergeht. Regelmäßig spielt der rüstige Rentner nach eigener Aussage auch weiterhin "für die Alten" in den verschiedenen Heimen in Kirchheim und auch immer wieder "bis zum vierten Stock" für die Kranken im Kirchheimer Klinikum.

Am Wochenende werden seine Instrumente aber hauptsächlich in eigener Sache im Einsatz sein. Damit die Musik nicht zu kurz kommt, hat Hans Höger sich schon mit genügend Gesangbüchern ausgestattet, um all diejenigen zu unterstützen, die nicht so textsicher sind wie er. Die erste Geburtstagsrunde trat schon gestern zusammen. Ehemalige Mitarbeiter und vor allem auch einstige Lehrlinge verbrachten mit ihrem Chef gemeinsam einen gemütlichen Abend, an dem wohl viele Anekdoten aus der Blütezeit des Heizungs- und Sanitärbetriebs in Erinnerung gebracht wurden.

Am morgigen Muttertag werden die Gesangbücher dann im Kreis der aus aller Welt angereisten Familienmitglieder verteilt. Aus Kanada, aus Spanien und vom Schafhof kommen Hans Högers Kinder und seine sieben Enkel und hören "zwischen den Chorälen" vielleicht auch manche Anekdote, die er ihnen bislang noch gar nicht erzählt hat. Dass er 90 Jahre alt geworden ist und das bei bester Gesundheit hält auch das Geburtstagkind fast für ein Wunder. Immerhin hat der gottesfürchtige und pferdebegeisterte Flieger schon manchen Absturz aus unterschiedlichsten Höhen gut überstanden . . .