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Bald gibt es keine Socken mehr

Zum Jahresende werden in Schlierbach die Strickmaschinen still stehen: Die Strumpffabrik Auwärter & Hilt hört auf. Damit schließt der älteste Industriebetrieb im Ort, eine 130-jährige Firmengeschichte geht zu Ende. Die Konkurrenz aus den Billiglohnländern war einfach zu groß.

SUSANN SCHÖNFELDER

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KIRCHHEIM Ein bisschen Wehmut schwingt mit, wenn Ulrich Hilt über seine Firma spricht. 130 Jahre lang wurden in Schlierbach Strümpfe produziert, der 63-Jährige übernahm mit Gisela Hilt zusammen in den 70er-Jahren die Geschäftsführung. "Schon damals zeichnete sich ab, dass die Importware aus Billiglohnländern dem Familienbetrieb das Leben schwer machen würde", blickt Ulrich Hilt zurück. Doch die Schlierbacher Firma wehrte sich tapfer gegen die immer größer werdende Konkurrenz, hatte der Betrieb doch in seiner langen Geschichte viele Höhen und Tiefen durchlebt.

Einige Jahre kam die Strumpffabrik noch in Nischen über die Runden nun aber ist endgültig Schluss. Zum Jahresende werden die Strickmaschinen bei Auwärter & Hilt still stehen. "Ich wollte aufhören, wenn ich aufhören will, und nicht, wenn ich aufhören muss", sagt der Geschäftsführer und fügt hinzu. "Und ich weiß als Kaufmann, wann ich aufhören muss." Mit der Firma schließt der letzte Strickereibetrieb im Kreis Göppingen.

Ulrich Hilt blickt dem Ende einer Ära einigermaßen gelassen entgegen. Er selbst geht in den verdienten Ruhestand, "die etwa zehn Mitarbeiter wissen schon länger, dass wir schließen, und werden wohl alle woanders unterkommen", hofft der Unternehmer. Die Auftragslage lasse keine andere Entscheidung zu, "die Textilindustrie wird irgendwann ganz aus Deutschland verschwinden", befürchtet Hilt. Textilien seien einfache Produkte "die können Kinder zu äußerst geringen Preisen herstellen", sagt der 63-Jährige.

Beruf stirbt ausDoch der Kostendruck sei nicht der einzige Grund, warum Auwärter & Hilt schließt: "Auch das Personal spielt eine Rolle", sagt Ulrich Hilt. Der Beruf sterbe aus, deshalb habe er beispielsweise keinen qualifizierten Strickmeister mehr gefunden, nachdem der letzte im vergangenen Jahr einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.

Wenn ein Teil der Schlierbacher Maschinen an einen Strickereibetrieb verkauft und nicht mehr brauchbare Dinge beim Schrotthändler gelandet sind, "wird irgendwann der Bagger kommen", sagt der 63-Jährige, und das Firmengebäude platt machen. Die Anfänge der Fabrik reichen in das Jahr 1876 zurück. Als der damals 28 Jahre alte August Auwärter den ersten Industriebetrieb in einem bis dahin landwirtschaftlich geprägten Dorf gründete. Auwärter & Hilt war somit der erste nennenswerte Arbeitgeber im Ort.

August Auwärter, Ulrich Hilts Urgroßvater, war ein gelernter Stricker und begabter Tüftler. Unter anderem erfand er die damals Aufsehen erregende und unter Musterschutz gestellte Strickmaschine, auf der regulär gestrickte Socken mit verstärkter Sohle und Hochferse hergestellt werden konnten, die seinerzeit sehr geschätzte sogenannte DSHF (Doppelsohle-Hochferse)-Socke.

Die Strickmaschinen klapperten in der Blütezeit des Familienbetriebs um 1900 gar an drei Standorten neben Schlierbach auch in Hattenhofen und in Rutesheim bei Leonberg. 1927 wurde eine weitere Filiale in Roßwälden eröffnet. Während des Ersten Weltkriegs stand der Betrieb allerdings still beide damaligen Inhaber wurden zur Wehrmacht eingezogen. Im Jahr 1928 erreichte die Belegschaft mit 220 Arbeitern und Angestellten ihren höchsten Stand in der Geschichte.

Der schwerste Schlag überhaupt traf die Strumpffabrik am 20. April 1945: Obwohl der Krieg schon zu Ende war, wurde das Firmengebäude von den einmarschierenden Siegermächten in Brand geschossen. Doch auch diesen Rückschlag verkraftete die Familie und nahm die Produktion im September des gleichen Jahres wieder auf.

Seit Anfang der 70er-Jahre schwebte dann das Damoklesschwert Billiglohnländer über den Schlierbachern, das die Firma zur Rationalisierung zwang.