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Bambi für Mitbegründer des AKL

Wenn heute um 20.15 Uhr in der ARD Deutschlands größter Medienpreis, der Bambi des Burda-Verlags, verliehen wird, dann steht für den Bereich Aids-Hilfe neben DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, Popstar Elton John und Südafrikas Ex-Präsident Nelson Mandela ein Mann auf der Bühne, der den Arbeitskreis Leben Nürtingen-Kirchheim (AKL) gründete und lange Zeit leitete: Frieder Alberth wird für seinen Kampf gegen diese Seuche in Osteuropa ausgezeichnet.

JÜRGEN GERRMANN

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KIRCHHEIM Sein Vater arbeitete bei Hirschmann in Neckartenzlingen, er besuchte die damalige Mörike-Mittelschule und das Wirtschaftsgymnasium in Nürtingen, absolvierte Ausbildungen beim Reutlinger Finanzamt und als Sozialpädagoge, bevor er 1983 die Hilfe für Menschen in Lebenskrisen in der Hölderlinstadt ins Leben rief und auch nach seinem Umzug nach Augsburg (1985) dort bis zum Jahr 2000 jede Woche im AKL-Büro in seiner Heimat arbeitete. Im letzten Jahr des 20. Jahrhunderts gründete Alberth auch aus der Augsburger Aidshilfe (deren Geschäftsführer er seit 1986 war) heraus den Verein Connect plus.

Sein Motiv war das erschreckende Ungleichgewicht bei der Bekämpfung von Aids: Was in Deutschland an Kompetenz der Sozialarbeit, der medizinischen Behandlung und der Vorbeugung existiert all das gibt es in Osteuropa nicht. Und Alberth lässt die Alarmglocken schrillen: Eine Epidemie unglaublichen Ausmaßes bahnt sich in unmittelbarer Nachbarschaft an. Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, ist von Stuttgart aus gerade mal eine Flugstunde weiter entfernt als Berlin.

Wie dramatisch die Lage ist, das scheint in der Bundesrepublik nur einem kleinen Zirkel wirklich bewusst. Und daher hat Connect plus auch zwei Ansatzpunkte: Frieder Alberth leistet Lobbyarbeit bei Aidshilfen, Ärzten und Politikern, um sie auf diese Katastrophe aufmerksam zu machen und als Mitstreiter zu gewinnen. Und er reist auch durch die Länder Osteuropas, um Infos zu sammeln und Hilfs-Kontakte zu knüpfen, nachdem er ergründet hat, wie die aktuelle Situation aussieht und welche deutschen Erfahrungen wertvoll sein können, um schnell eingreifen zu können.

Ohne bürokratischen Hürdenlauf geht es dennoch zuweilen nicht. So sagt zum Beispiel das Entwicklungshilfeministerium, in dem die Nürtingerin Uschi Eid Staatssekretärin ist, dass es sich nicht um Osteuropa kümmern könne, weil diese Staaten keine Entwicklungsländer seien, das Gesundheitsministerium wiederum lässt wissen, nur für Deutschland zuständig zu sein. Durch diesen Dschungel muss sich Frieder Alberth immer wieder durchschlagen. Er tut es aus Überzeugung, denn er will der Welle des Todes nicht kampflos das Feld überlassen. Hunderttausendfach markiert Arbeitslosigkeit den Beginn des Weges in die Drogensucht. Und Frieder Alberth erzählt von einem Ritual, das einem die kalten Schauer den Rücken hinunterzujagen vermag: Wenn junge Leute gemeinsam Drogen spritzen, dann muss jeder einen Blutstropfen zu dem Cocktail geben. Wenn wundert es, dass die Seuche sich explosionsartig verbreitet hat von Odessa über die restliche Ukraine bis nach Russland, in dessen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg, aber auch bis ins hinterste Sibirien.

Die medizinischen und sozialen Strukturen sind dieser Welle des Todes indes nicht gewachsen. Connect plus geht es da nicht zuletzt darum, Erfahrung und Wissen weiterzugeben. Aber auch draußen an der Aids-Front warten Schwierigkeiten. Der Kampf gegen das Vorurteil "Jetzt kommen wieder die gescheiten Wessis" kann nicht gerade als Ausnahmeerscheinung eingestuft werden. Dennoch schafft es der designierte Bambi-Preisträger immer wieder, konkrete Schritte mit seinen Partnern zu gehen. Zurzeit läuft zum Beispiel eine Reihenuntersuchung schwangerer Frauen. Viele von ihnen sind mit dem Virus infiziert, aber ein lebensrettendes Instrument besitzt im Osten Europas nur geringen Bekanntheitsgrad: Die Kinder werden erst bei einer normalen Geburt infiziert, nicht schon im Mutterleib. Wenn man einen Kaiserschnitt macht, kann man sie vor der Krankheit bewahren. Und darum wirbt man nun im Osten des Kontinents massiv. Connect plus ist übrigens ein Verein, der rein virtuell existiert und nicht einmal ein eigenes Büro besitzt. Wozu auch? In seiner Rolle als "Feuerwehrmann" kann Frieder Alberth auf einen Riesenpool an Mitstreitern zurückgreifen: Immer wieder kann er die Mitarbeiter der 130 deutschen Aidshilfen, Ärzte aus spezialisierten Kliniken, Sozialpädagogen, Lehrer und Medizinprofessoren für gezielte Projekte begeistern.

Bei seinem jetzigen Engagement kann Frieder Alberth auf die Erfahrungen seiner Nürtinger Zeit zurückgreifen: wie der AKL ist auch Connect plus ein Verein, der nie Geld hat. In anderen Worten: Es gibt keine Dauerförderung, sondern nur eine Dauerbettelei. Der Bambi bringt übrigens keinerlei Preisgeld mit sich. Aber Aufmerksamkeit. Und darauf setzt der Vater von Connect plus große Hoffnungen: Es geht nicht um Millionen. Nicht nur Touristen, die in die immer beliebter werdenden Länder Osteuropas reisen, sind gefährdet, sondern auch die, die hier leben: Es gibt eine Massenauswanderung aus der Ukraine nach Westeuropa. Und eine enorme Durchseuchung der Bevölkerung: Unter jungen Menschen zwei Prozent. Das heißt, jeder kennt einen Aidskranken: Und dennoch reden die Leute viel zu wenig darüber. Und der Staat macht viel zu wenig.

Mit Frieder Alberth wird heute ein Einzelkämpfer ausgezeichnet, der nie aufgegeben hat. Viele Menschen, die ihn kennen, werden daher in seinen Freuden-Satz mit einstimmen: "Es ist einfach schön, dass auch mal ein solches Engagement ausgezeichnet wird." Informationen über Frieder Alberths Verein gibt es im Internet über www.connect-plus.org. Helfen kann man ihm über eine Spende auf das Konto 666 bei der Bank für Sozialwirtschaft (Bankleitzahl 100 205 00).