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Bank-Azubi wechselt für drei Wochen in die Modebranche

Noch nie sind seit der Wiedervereinigung so viele Jugendliche ohne eine Lehrstelle gewesen wie in diesem Herbst. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres stehen bundesweit rund 49 000 Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz da. Für die Volksbank Kirchheim-Nürtingen und das Modehaus Fischer ein Grund mehr, sich im Rahmen der Kirchheimer Initiative für Ausbildungsförderung zu engagieren.

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM Neben der Möglichkeit, durch Ausbildungsverbünde zusätzliche Ausbildungsstellen zu schaffen, initiierten das Kreditinstitut und der Herrenausstatter einen zeitlich befristeten Austausch ihrer Auszubildenden. Damit eröffneten sie ihnen fokussierte Blickpunkte im eigenen Fachbereich, die sie im Rahmen ihrer Ausbildung sonst nicht erhalten würden. Auch angesichts der Zahl von 4 238 000 Arbeitslosen im September diesen Jahres, sind sich Bettina Herzinger vom Volksbank-Personalmanagement und Ralf Gerber, Inhaber des Bekleidungsgeschäfts, sicher, dass junge Berufstätige, die über den "Tellerrand" geschaut haben, sich gegenüber Bewerbern mit gleicher Qualifikation ohne Weiterbildungsmaßnahme durchsetzen können.

"Vernetztes und damit auch erweitertes Denken im eigenen Beruf", sind laut Ausbildungsleiterin Bettina Herzinger, "immer wichtigere Komponenten, die Arbeitskräfte bei der Ausübung ihrer Tätigkeit beherrschen müssen". Insbesondere im Bankwesen. "Auf den ersten Blick haben Bank und Einzelhandel kaum etwas gemein", so Ralf Gerber. Umso mehr erstaunt im ersten Moment der Austausch, bei dem eine angehende Einzelhandelskauffrau drei Wochen lang in die Rolle einer Bankangestellten schlüpft und umgekehrt.

Kommunikationsfähigkeit und in ihrer weiteren Folge qualifizierter Kundenservice sind, auch aufgrund der zunehmenden Technologisierung im Bereich der Kreditinstitute, über die Jahre hinweg zu immer wichtigeren Aspekten des beruflichen Schaffens einer Bankkauffrau geworden. Für die angehende Finanzassistentin Johanna Schütt ist damit die befristete Tätigkeit im Modehaus eine ganz neue Art, mit den Kunden in Kontakt zu treten und im direkten Gespräch auf Wünsche adäquat einzugehen. Darüber hinaus ist sie nach Ansicht Bettina Herzingers durch den Austausch aber auch befähigt, sich in die Lage eines Unternehmers zu versetzen, der einen Kredit zur Finanzierung seines Wareneinkaufs beantragt.

"Ich habe nun gesehen, wie ein Unternehmer beim Wareneinkauf kalkulieren muss, vor welchen Problemen er dabei steht und kann einschätzen, welche Risiken das für die Kreditvergabe birgt", erklärt die 21-jährige Auszubildende, die jedem rät, einen solchen Azubi-Austausch wahrzunehmen, um theoretisches Wissen in einzelnen Bereichen praktisch zu fundieren und ein Verständnis für die Gesamtzusammenhänge zu entwickeln. "Das sind praktische Inhalte, die wir in der Bank nicht vermitteln können", ergänzt die Ausbildungsleiterin, die so einmal mehr den Erfolg dieser Kooperation bestätigt sieht.

Auf der anderen Seite ist es der angehenden Einzelhandelskauffrau Ellen Scholz gelungen, vertiefte Einblicke ins Rechnungswesen, das Homebanking, den Servicebereich und auch die Vermögens- wie Anlagenberatung zu erhalten. "Das alles sind Dinge, die wir auch in der Berufsschule lernen und mit denen wir im Modehaus konfrontiert werden, allerdings nicht in dieser Intensität", erklärt die Auszubildende im dritten Lehrjahr. "Mein Zahlenverständnis hat sich dadurch wesentlich verbessert." Ein Punkt, den Ralf Gerber zufolge, der auch Prüfungen bei der Industrie- und Handelskammer abnimmt, nicht viele Auszubildende am Ende ihrer Lehrjahre erfüllen.

Gleichzeitig lernte Ellen Scholz den Kunden von einer ganz anderen Seite jenseits des Ladentisches kennen. "Während wir den Käufer kurz- bis mittelfristig begleiten, ist er an die Bank mittel- bis langfristig gebunden", fährt Ralf Gerber fort. "Wir sehen nicht was hinter der EC-Karte, mit der wir zwischenzeitlich 80 Prozent all unserer Verkäufe täglich abwickeln, steht. Die Bank dagegen weiß das sehr wohl." Ellen Scholz stimmt, begleitet von einem Kopfnicken, zu: "Man weiß, mit wem man es zu tun hat."

Dass der Azubi-Austausch für Auszubildende im zweiten und dritten Ausbildungsjahr fortgeführt wird, ist für Herzinger wie Gerber beschlossene Sache. "Wer dieses Angebot von unseren derzeit 33 Azubis wahrnehmen möchte, kann dies gerne tun", sagt die Volksbank-Ausbildungsleiterin. "Es ist und bleibt aber eine freiwillige Angelegenheit, denn schließlich kann der Betreffende nur von dem Angebot profitieren, wenn er mit Freude und entsprechendem Einsatz dabei ist."

Wichtig ist den beiden Unternehmensvertretern aber auch, dass ihr Beispiel Nachahmer findet. "Die vom Bund der Selbstständigen initiierte Initiative ist eine hervorragende Einrichtung, die nicht allein Azubis, sondern auch den Betrieben zugute kommt", erklärt Ralf Gerber voller Überzeugung.