Lokales

Bankgeschäfte im Wohnzimmer

Im Zeitalter von Online-Banking und bargeldlosem Zahlungsverkehr kaum noch vorstellbar: Bis in die 1960er-Jahre wurden Bankgeschäfte vielfach noch in Wohnzimmerfilialen der örtlichen Sparkasse abgewickelt.

BEUREN Eine solche Wohnzimmer-Sparkassenfiliale gab es auch einst im alten Rathaus von Walddorfhäslach (Kreis Reutlingen), das heute im Freilichtmuseum des Landkreises Esslingen in Beuren steht. Grund genug für Museumsleiterin Steffi Cornelius und Kreissparkassen-Ausbildungsleiter Joachim Wurster, das Projekt "Wohnzimmer-Sparkassenfiliale" ins Leben zu rufen. Prompt interessierten sich zehn Azubis der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, die Geschichte der Wohnzimmer-Sparkassenfiliale im Rahmen einer Projektarbeit aufzurollen.

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Unter fachkundiger Anleitung von Museumsmitarbeiterin Brigitte Haug trugen sie geschichtliche Grundlagen zusammen und machten sich auf die Suche nach originalgetreuen Ausstellungsstücken. Zum Abschluss ihrer Projektarbeit gelang es ihnen, eine neue, alte "Wohnzimmer-Sparkassenfiliale" in den Räumlichkeiten des alten Rathauses einzurichten. Museumsbesucherinnen und -besucher können sie ab sofort besichtigen. Im Rathaus von Häslach war in den 1960er-Jahren im Arbeitszimmer des Lehrers eine derartige Sparkasse eingerichtet.

Aufgeteilt in drei Gruppen recherchierten die Auszubildenden in Büchern und dem Internet, interviewten Zeitzeugen wie Eberhard Bacher, Marga Bauknecht und das Lehrerehepaar Deile sie arbeiteten damals noch in "Wohnzimmerfilialen". So brachten sie in Erfahrung, dass es seinerzeit hauptsächlich um das Anlegen von Geld ging, Kredite waren da bei der ländlichen Bevölkerung weniger gefragt. Der Zahlungsverkehr und das Spargeschäft hatten eine weitaus größere Bedeutung als in der heutigen Zeit. Ziel einer solchen Wohnzimmerfiliale war die flächendeckende Präsenz der Sparkasse, um auch in kleineren Gemeinden vertreten zu sein und um das Sparverhalten in der Bevölkerung zu stärken. Der Staat unterstützte den Trend zudem mit steuerbegünstigten Angeboten.

"Um den Sparsinn unter der Jugend neu zu wecken" so das Zitat aus einer Werbebroschüre wurde in diesen Jahren das "Schulsparen" forciert. Schüler erhielten für jeden einbezahlten Betrag eine Sparmarke für ihr Schulsparheft. Je mehr Sparmarken, umso größer war das Belohnungsgeschenk am Ende. So lernte bereits der Nachwuchs den richtigen Umgang mit Geld und Zinsen.

In der Wohnzimmerfiliale wurde nicht nur über Geldanlagen gesprochen, sondern auch so manches andere Geschäft angebahnt. Im historischen Archiv der Kreissparkasse wurden die Auszubildenden fündig: Aus dem umfangreichen Bestand des Kreditinstituts wählten sie aus dem entsprechenden Zeitabschnitt alte Sparbücher, Kontobücher, Stempel, Additionsgeräte, Werbebroschüren und Spardosen aus.

"Wir freuen uns, dass die Kreissparkasse uns die zeitgeschichtlichen Gegenstände als Dauerleihgabe überlässt", betonte Steffi Cornelius, Leiterin des Freilichtmuseums. "So können wir mit der bei uns wieder aufgebauten Wohnzimmer-Sparkassenfiliale einen nicht alltäglichen, authentischen Einblick in einen weiteren interessanten Bereich der Alltagsgeschichte geben."

Die letzte Wohnzimmerfiliale im Landkreis Esslingen bestand bis Mitte der 1970er-Jahre. Heute ist die Kreissparkasse an 109 Standorten im gesamten Landkreis mit kundenorientierten, mit moderner Technik ausgestatteten Filialen vertreten.

Für die Auszubildenden der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen war das Projekt eine große Herausforderung mit lehrreichen Erfahrungen. Projekt- und Teamarbeiten sowie Präsentationen sind neben der fachlichen und verkäuferischen Schulung fester Bestandteil der Ausbildung bei der Kreissparkasse.

pm