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Bedeutender Bestandteil der Erinnerungskultur

Den Volkstrauertag bezeichnete gestern Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker auf dem Alten Friedhof als "bedeutenden Bestandteil unserer Erinnerungskultur". Er enthalte den Auftrag an alle Bürger, sich nachhaltig für ein friedliches Zusammenleben einzusetzen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM "Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung". Die Oberbürgermeisterin griff auf diese alte jüdische Weisheit zurück und verwahrte sich dagegen, einen so genannten Schlussstrich zu ziehen. "Ein Ausstieg aus der Geschichte, das Verdrängen des Grauens, das die deutsche und europäische Geschichte geprägt hat, ist unmöglich", sagte Angelika Matt-Heidecker. Der Blick zurück sei notwendig, um unseren Anteil am Geschehenen zu erkennen und Konsequenzen daraus für das tägliche Handeln abzuleiten.

Kirchheims Oberbürgermeisterin war sich sicher: "Wenn persönliche Erfahrung und Betroffenheit mit den Generationen entschwinden, brauchen wir Gedenktage und -orte, die die Gräueltaten und das Leid der Menschen stets vergegenwärtigen." Als Beispiel nannte sie das Mahnmal der ermordeten Juden Europas in Berlin, aber auch den Pannonia-Brunnen in Kirchheim, der die Erinnerung an das Schicksal der Donauschwaben aufrecht erhalte.

Ein Gedenktag wie der Volkstrauertag könne zwar die Welt nicht verändern, "aber er beeinflusst unsere Sicht auf die Vergangenheit und unsere Deutung der Gegenwart. Gedenktage stiften Sinn."

Aus der Erinnerung an das Leid der Kriege und aus dem Gedenken an die Opfer wachse der Auftrag an die Lebenden, sich für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und ein würdiges Leben einzusetzen. "Der Volkstrauertag als ein bedeutender Bestandteil unserer Erinnerungskultur enthält den Auftrag, das Vermächtnis der Opfer zu erfüllen."

Die Erinnerung an das, was an Achtbarem, aber auch an Vermeidbarem oder nicht Vermeidbarem, an Unheilvollem geschehen ist, bereite den Weg zur Versöhnung.

Angelika Matt-Heidecker erinnerte an die zahlreichen Gedenktage in diesem Jahr: den Beginn des ersten Weltkriegs, das Ende der Blockade Leningrads im Januar, den D-Day, die Landung der Allierten in der Normandie, das Attentat auf Hitler, den Aufstand im Warschauer Ghetto, die Schlacht an der Marne und schließlich den Beginn der Ardennen-Offensive im Dezember 1944. "Hinter all diesen Ereignissen steht das unsägliche menschliche Leid der Soldaten, deren hinterbliebenen Familien sowie der Zivilbevölkerung." Die Erinnerung daran sei bei der Erlebnisgeneration unauslöschlich vorhanden und im Ausmaß des Schreckens in einem Menschenleben schwer aufzuarbeiten.

In diesem Zusammenhang stellte die Oberbürgermeisterin die Frage, wie die nachfolgenden Generationen mit dieser Erinnerung umgehen können. Generationen, die erleben, wie das Ende des Ost-West-Gegensatzes im vom Zweiten Weltkrieg zerrissenen Europa aus einstigen Gegnern Verbündete und Freunde werden ließ. "Meine Generation und die meiner Kinder ist im Frieden groß geworden und nimmt diesen Frieden als scheinbare Selbstverständlichkeit unserer Lebensgrundlage an." Dennoch, oder gerade deshalb, erachtete es Angelika Matt-Heidecker als wichtig, bei einer so hoffnungsvollen, über Jahrhunderte in Europa nicht gekannten Perspektive Platz zu schaffen für die Rückbesinnung. "Nicht verschweigen oder verdrängen, sondern erinnern an das Geschehene, das Festhalten im Bewusstsein und im Gedächtnis, bereitet den Weg zur Versöhnung."

Im Hinblick auf die Präsidentenwahl in den USA und die Haltung Washingtons gegenüber Europa im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg, meinte Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker, das "alte Europa" könne stolz darauf sein, angesichts seiner Geschichte und der Lehre, die nach 1945 daraus gezogen worden sei, für eine friedliche Zukunft einzutreten. "Europa hat zu viele Krieger kommen und sterben sehen." Wenn nun die Kriegsmüdigkeit der neue Kern einer europäischen Identität sein sollte, so sei dies kein schlechter Fortschritt in der europäischen Geschichte.

"Wir Europäer dürfen uns aber nicht zurückziehen". Vielmehr seien die EU-Staaten dazu verpflichtet, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten einen neuen Friedensplan für den allzu lange schwelenden Konflikt zwischen Israel und Palästina auf den Tisch zu legen. Und gemeinsam mit Amerika müsse Europa einen "Marshall-Plan" für den Wiederaufbau des Iraks entwickeln.

An jedem Tag aufs Neue könnten Menschen erleben, dass Krieg, Gewaltbereitschaft, Menschenrechtsverletzungen und Allmachtsfantasien keineswegs vom Globus verschwunden seien. "Solange Menschen glauben, politische, wirtschaftliche, ethnische oder religiöse Konflikte mit Waffengewalt lösen zu können, so lange muss die Arbeit für den Frieden weitergehen. So lange müssen wir uns an unsere Vergangenheit erinnern", mahnte Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker bei der Gedenkfeier auf dem Alten Friedhof in Kirchheim, die in würdevoller Weise musikalisch von der Stadtkapelle und dem Liederkranz umrahmt wurde.

Auch in Ötlingen, Lindorf und Jesingen fanden gestern Gedenkfeiern auf den Friedhöfen statt. Die Reden hielten die jeweiligen Ortsvorsteher Hermann Kik, Manfred Haack sowie Harald Eiberger. An den Gedenkfeiern zum Volkstrauertag in Kirchheims Teilorten beteiligten sich der Musikverein Ötlingen, der Gesangverein Frohsinn Ötlingen, der Musikverein Lindorf, Vertreter der Kirchen, der Lindorfer Liederkranz, der Musikverein Jesingen sowie der Gesangverein Eintracht Jesingen. Am Ende der Feier in Ötlingen wurde an der Lindorfer Straße ein Friedensbaum gepflanzt.