Lokales

Befreiter Tanz der Linien und Pinselstriche

Über 100 Arbeiten des Künstlers Konrad Raum sind noch bis Sonntag, 7. September, in der Galerie im Kornhaus zu sehen

Kirchheim. Von Nieselregen ließ sich das kunstinteressierte Publikum nicht abhalten, dem Kirchheimer Künstler Konrad Raum durch den Besuch seiner Ausstellung posthum seine Referenz zu erweisen. Rund 150 Besucher fanden sich ein, um die Landschaftszeichnungen und

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WOLFGANG DICK

Aquarelle zu sehen und die einfühlsamen Würdigungen des Künstlers und seines Werks durch die Leiterin des Geschäftskreises Kultur und Soziales, Bettina Wilhelm, und die Tübinger Kunsthistorikerin Dr. Barbara Lipps-Kant zu hören.

Bettina Wilhelm, die den Künstler erst wenige Monate vor seinem Tod im Juni dieses Jahres kennenlernte, gab mit ihrer sehr persönlichen Schilderung dieser Begegnung der Person Konrad Raums eine beeindruckende Präsenz. Begeistert erzählte sie, mit welcher Schärfe und Prägnanz der 90-Jährige noch seinen Prinzipien Ausdruck verlieh und sich damit selbst zu seinem größten Kritiker machte. Leidenschaft im künstlerischen Wollen und Dynamik in der ausdrucksvollen Umsetzung waren eins, und immer stellte sich der Künstler Konrad Raum offen und kritisch der Auseinandersetzung.

Nicht immer fiel die Vereinbarung der Berufung als Zeichner mit dem Broterwerb für die Familie leicht. Die Schilderung, wie Konrad Raum sich in der Nachkriegszeit ohne Wissen der Familie mühsam das Geld für ein Moped ersparte, um zum Zeichnen an den Niederrhein und an die Nordsee zu fahren und dort die Motive für Lithografien zu finden, zeigt die Schwierigkeiten des bekennenden Künstlers, mit denen er sich letztlich doch um die Versorgung der Familie mühte.

Im Anschluss nahm Dr. Barbara Lipps-Kant die künstlerische Würdigung des Werks vor. Sie wies darauf hin, wie sich in der grafischen Vereinfachung auf die wesentlichen Linien die Landschaft verheißend erschließt. Meditatives und ein zutiefst romantisches Naturverständnis lassen durch den befreiten Tanz der Linien und Pinselstriche die Landschaften Konrad Raums zu Botschaften der Freiheit und des Glücks werden. In grafischen Kürzeln greift der Künstler die Melodie seines Motivs auf und entwickelt sie zum konzentrierten Klang. Selbst wenn sie mit Hafenanlagen und Industriestrukturen durchsetzt sind, spricht aus diesen expressiven Weltdeutungen ein faszinierendes In-sich-Ruhen des Künstlers. Das Gesamte hat Vorrang vor dem Einzelnen und im Ganzen entstehen so Ewigkeitsmetaphern, die einem großen Respekt vor der Schöpfung Ausdruck verleihen – der vielleicht in der unprätentiösen Konzentration der zahlreichen Waldstücke am stärksten zur Geltung kommt.

Thematisch spannt sich der Bogen der Ausstellung von französischen Küstenlandschaften über Städteansichten aus Venedig, Rom und Paris sowie zahlreichen Waldlandschaften bis zu einem umfangreichen Konvolut, das der Alb, Kirchheim und Stuttgart gewidmet ist.

Konrad Raums intensive künstlerische Auseinandersetzung mit seiner Kirchheimer Umgebung war nicht nur ein Ergebnis seiner Verortung hier, sondern eine Liebeserklärung an eine Landschaft, in der er sich offenbar geborgen fühlte. In der Konstanz, mit der er sich der Zeichnung als vorrangiges künstlerisches Medium widmete und sie gerade in der Umsetzung vermeintlich unspektakulärer Landschaftsereignisse in beschwingte Linienstürme ausreizte, erlangt Konrad Raum eine bemerkenswerte Modernität. Insbesondere angesichts der verstärkten Aufmerksamkeit, die der Zeichnung aktuell wieder entgegengebracht wird.

Einen besonderen Glanzpunkt der Ausstellung setzen fünf abstrakte Aquarelle, die in Vitrinen ausgestellt sind. Sie zeigen gleichsam innere Landschaften, befreit von konkreter gegenständlicher Deutung und doch nicht minder klar in ihrer Musikalität und der Sicherheit des Vortrags. Konrad Raum selbst hat sie nur seinen Besuchern im Burgtobelweg gezeigt und doch spricht aus ihrer Anwesenheit im Wohnraum und aus seiner Signatur der Blätter die hohe Wertschätzung, die der Künstler diesen Ausnahmewerken entgegengebracht hat. Sie zeigen nicht zuletzt auch eindringlich, wie wichtig dem Künstler die innere, künstlerische, vom Motiv abstrahierte expressive Qualität seiner Arbeit war.

Überraschend ergriff nach der Laudatio noch Kirchheims ehemaliger Oberbürgermeister Werner Hauser das Wort. Als alter Nachbar ließ er Anekdotisches einfließen und richtete den Fokus abschließend zu Recht auf die Frau des Künstlers. Mit seiner Würdigung der Leistung der Frau im Hintergrund, die mit ihrem engagierten Einsatz für die Existenzsicherung der Familie letztlich auch den Boden für die einzigartige künstlerische Leistung ihres Mannes bereitete, rundete er den Blick auf das Werk Konrad Raums gut ab.

Zu besichtigen sind die über 100 Exponate bis Sonntag, 7. September, im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus. Geöffnet ist die Galerie dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, sowie samstags und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.