Lokales

Befreiung von Eingeklemmten

Bei Autounfällen werden immer wieder Personen in Fahrzeugen eingeklemmt. Um sie zu retten, benötigen die Hilfskräfte von THW und Feuerwehr Feingefühl, Erfahrung und teures Spezialgerät. "Hier hilft der Theorieunterricht nur bedingt", erklärt Ausbilder Martin Ernst. "Das Wichtigste ist das Üben am realen Objekt." Deswegen zerschneiden die Helfer des Technischen Hilfswerks Kirchheim regelmäßig ausgediente Fahrzeuge.

KIRCHHEIM Die moderne Fahrzeugtechnik macht das Befreien eingeklemmter Personen mitunter schwer: Zwar schützen Airbags, Seitenaufprallschutz und Sicherheitselektronik die Insassen bei einem Unfall; doch wie geht man als Retter mit einem nicht ausgelösten Airbag um? Besteht die Gefahr, dass dieser durch die Rettungsarbeiten im Nachhinein ausgelöst wird, explodiert und die Helfer sowie die Insassen sogar verletzt? An welcher Stelle muss man die Spezialschere ansetzen, um die Türen zu öffnen ohne die Zentralverriegelung auszulösen? An welchen Fahrzeugstellen befinden sich Steuergeräte und Gasgeneratoren, die nicht verletzt werden dürfen?

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Um diese Gefahren zu vermeiden, bekamen die Helfer des THW die Möglichkeit, an einem High-End-Automobil zu üben. Sie zerlegten unter fachmännischer Anleitung in Stuttgart einen Mercedes-Benz der neuen S-Klasse, Baureihe 221.

Jeder Einsatz ist einmalig und muss situationsbedingt bewertet und durchgeführt werden. Trotzdem gibt es für das Retten aus Fahrzeugen eine "best practice"-Vorgehensweise: "Nach dem Sichern des Fahrzeugs schaffen wir zunächst über das von den Insassen am weitesten entfernte Fenster einen Zugang," erklärt THW-Helfer Markus Krebs. "Durch diese Öffnung bekommen die Insassen dann eine Erstversorgung und ich schalte die Zündung des Fahrzeugs ab." Außerdem überprüfen die Helfer die Elektronik und bringen bei nicht ausgelöstem Airbag eine kreisförmige, aus Nylon bestehende Sicherung über dem Lenkrad an, die Verletzungen durch das spätere Auslösen des Airbags verhindern soll. Eine große Gefahr stellen die nicht ausgelösten Airbags der Seitenscheiben dar, da die unter Druck stehenden Gasgeneratoren in A- oder B-Säule liegen und wenn sie von der Rettungsschere getroffen werden, die Helfer schwer verletzen können.

In weiteren Schritten werden die Türen und die Dachsäulen herausgetrennt und das Dach abgenommen. Je nach Verkeilung kann auch die Lenksäule so verzogen werden, dass die Beine wieder frei liegen. Dabei stehen den Helfern eine überdimensionierte Schere und ein schwerer Spreizer zur Verfügung. Beide Geräte sind hydraulisch betrieben.

Routiniert und konzentriert arbeiten die Helfer an der S-Klasse. Im Notfall hätten sie in rund 20 Minuten Platz geschaffen und die Verletzten aus ihrer Lage befreit. "Moderne Metalllegierungen, spezielle Kunststoffteile sowie neuartige Hybrid- und Elektromotoren verlangen eine fundierte Ausbildung von den Helfern", prognostiziert ein THW-Kollege, der hauptberuflich in der Autoindustrie arbeitet. Und fügt hinzu: "Deswegen sind solche Übungen für uns so wichtig. Nicht nur um Erfahrungen zu sammeln, sondern auch, um uns ständig über die neuste technische Ausrüstung zu informieren."

pm