Lokales

Begeisterter Flieger, Unternehmer und Interimsbürgermeister von Kirchheim

Auf den Tag genau heute vor 100 Jahren wurde Martin Schempp in Stuttgart geboren. Er war nicht nur mit Leib und Seele Flieger, Segelflugzeugbauer und weitsichtiger Unternehmer. In hohem Maße menschlich integer und anerkannt wurde er am 5. Mai 1945 als Interimsbürgermeister von Kirchheim eingesetzt.

KIRCHHEIM Nach Abschluss seiner kaufmännischen Ausbildung wanderte Martin Schempp 1926 in die USA aus. Ein Vortrag von Charles Lindbergh begeisterte ihn so für die Fliegerei, dass er 1928 nach Deutschland zurückkehrte, um bei Klemm in Böblingen das Fliegen mit Motor zu erlernen. Die dort begonnene Freundschaft mit Wolf Hirth hielt lebenslang und sollte beider Leben entscheidend bestimmen. Wolf Hirth führte ihn in die Freude des motorlosen Fliegens ein. Martin Schempp ging in die USA zurück, um dort deutsche Segelflugzeug-Konstruktionen in Lizenz zu bauen und als Segelfluglehrer auch in der Bowlus-Hirth Soaring School zu wirken. Spektakuläre Segelflüge, darunter auch zwei nicht ganz freiwillige Wasserlandungen brachten ihm landesweite Aufmerksamkeit und warben für den Segelflug. 1932 erhielt er die Silber C Nr. 8. Die Flüge dazu gelangen ihm von Elmira aus, der amerikanischen Wasserkuppe. 1934 kam er nach Deutschland zurück, weil ihm die Arbeitsbedingungen in den USA kein sicheres Auskommen mehr ermöglichten.

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Wolf Hirth, damals Leiter der Segelflugschule auf dem Hornberg, stellte ihn als Segelfluglehrer an. Dort reifte der Plan, selber Segelflugzeuge zu bauen.

Mit der Unterstützung von Wolf Hirth gründete Martin Schempp zum 4. Januar 1935 den Sportflugzeugbau Martin Schempp in Göppingen. Gö 1 "Wolf" und Gö 3 "Minimoa" wurden weltweit bekannte Segler aus Göppingen und kamen ab 1938 aus Kirchheim. Seine Kundenliste umfasste 1939 alle Kontinente außer Australien. Die Minimoa gilt heute noch als das oder zumindest eines der schönsten Segelflugzeuge der Holz-Ära überhaupt. Nach dem Ausscheiden von Wolf Hirth auf dem Hornberg, zeigte die Namensänderung in Sportflugzeugbau Schempp-Hirth 1938 auch nach außen die Zusammenarbeit der beiden. Daran änderte auch Wolf Hirths eigener Betrieb ab 1939 in Nabern nichts. Im Krieg arbeiteten beide Firmen zusammen in Arbeitsteilung, als ob sie keine juristisch getrennten Unternehmungen wären. Sie lieferten neben Segelflugzeugen für die Pilotenausbildung den Doppelsitzer Gö IV eine Konstruktion von Wolfgang Hütter und den Habicht, das Kunstflug-Segelflugzeug, vor allem Baugruppen in Holzbauweise für Messerschmitt, den Me 321/323 "Gigant" und die Me 109.

Das Kriegsende erlebten beide Werke ohne Zerstörung oder Vandalismus, ein Zeichen der menschlichen Behandlung aller Mitarbeiter in Kirchheim und Nabern. Auch unter ungeheuer hohem persönlichem Risiko halfen sie ihrem Personal, wie die wenigen heute noch lebenden Zeitzeugen berichten. So zweigte Martin Schempp 1944 heimlich Flugzeugbespannstoff ab, damit sich die Ostarbeiterinnen und -arbeiter daraus Bettbezüge machen konnten. Oder er "opferte" Anfang 1945 Lackverdünnung für den Firmenwagen, um trotz Benzinsperre nach Hechingen fahren und sich dort um die Freistellung von Mitarbeitern für die Fertigung bemühen zu können.

Für die Amerikaner war Martin Schempp in derart hohem Maße menschlich integer und anerkannt, dass sie ihn trotz der formalen "Belastung" durch seine Aufgabe als Leiter eines für militärische Erzeugnisse tätigen Betriebes bis zur noch 1945 durchgeführten demokratischen Wahl eines Stadtoberhauptes als Interimsbürgermeister von Kirchheim einsetzten. Seine in Amerika gesammelten Erfahrungen und Sprachkenntnisse machten ihn zu einem erfolgreichen Verbindungsmann zwischen Besatzungsmacht und Bevölkerung.

Danach widmete sich Martin Schempp wieder voll dem Betrieb, diesmal um dringend benötigte Möbel und Haushaltsgegenstände aus dem über das Kriegsende hinübergeretteten Flugzeugholz und -sperrholz anzufertigen. Als 1951 in Deutschland der Segelflug wieder erlaubt war, überließ er Wolf Hirth diesen Markt und schützte damit dessen Betrieb. Erst nach Wolf Hirths tragischem Tod durch den Absturz mit seiner Lo 150 am 25. Juli 1959 in Dettingen, widmete sich Schempp-Hirth neben dem Motorflugzeugbau zunehmend der Herstellung von Segelflugzeugen. Martin Schempp erwarb die Lizenz des damals besten Standardklassenseglers Standard Austria und baute ihn in Serie. Er erkannte sehr schnell, dass die Zukunft den Kunststoffsegelflugzeugen gehören wird und sicherte sich die Mitarbeit von Klaus Holighaus. Dessen erste Arbeit für Schempp-Hirth war die Spannweitenvergrößerung der Austria zur SHK mit 17 Meter Flügeln.

In Kirchheim angekommen, setzte Klaus Holighaus seine Ideen in dem Kunststoffsegler für die Offene Klasse, dem Cirrus, um. Martin Schempp ließ ihm hierin vollkommene Freiheit, ein Freiraum, den Klaus Holighaus zu den Welterfolgen von Cirrus, Nimbus, Standard Cirrus und Janus nutzte. Nach der Übergabe der Betriebsleitung im Jahr 1969 und der Geschäftsführung 1972, übertrug Martin Schempp die Firma Schempp-Hirth 1977 ganz in die Hände von Klaus Holighaus und zog sich nach 42 Jahren aktiven Gestaltens und Leitens völlig zurück, das Wachsen und die Erfolge immer noch mit Interesse und Anteilnahme verfolgend.

Nach Kräften betrieb Martin Schempp 1950 die Wiedergründung der Kirchheimer Segelfliegergruppe, heute Fliegergruppe Wolf Hirth. Seiner Initiative verdanken die Kirchheimer Segelflieger die Entstehung des weltweit bekannten Segelfluggeländes Hahnweide, des vorwiegend in Eigenleistung gebauten Vereinsheimes sowie den Beginn einer bis heute andauernden engen Partnerschaft mit dem "Aeroclub Albert Mangeot" in Pont St. Vincent bei Nancy. Von 1961 bis 1966 musste Schempp das Ruder der Fliegergruppe noch einmal in die Hand nehmen, wofür ihm seine Fliegerkameraden mit der Ernennung zum Ehrenvorsitzenden dankten.

Am 9. Juli 1984 starb Martin Schempp nach langer Krankheit. Mit ihm, dem Selfmade-Mann des Segelflugzeugbaus, ging auch eine Ära zu Ende. Er war der letzte Segelflugzeugbauer, der schon vor dem Krieg selbst Segelflugzeuge in Serie hergestellt hatte. Holzflugzeuge besetzten gegen Ende des 20. Jahrhunderts nur noch Nischen, die Zeit und damit die Erfolge gehörten den Segelflugzeugen und Hochleistungs-Motorseglern in Kunststoff-Schalenbauweise. Dies erkannt und gefördert zu haben, zeugt von Weitsicht und Zukunftsorientiertheit. Über all dem aber steht das Bild und Vorbild des Menschen Martin Schempp, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre. Im Firmennamen Schempp-Hirth lebt Martin Schempp weiter.

pfs