Lokales

Begleiter für pflegende Angehörige

Bundesweit gibt es inzwischen rund 1200 Pflegebegleiter. Das sind Ehrenamtliche, die pflegende Angehörige begleiten und sie bei Bedarf an professionelle Hilfe weitervermitteln. Nun gibt es diese Pflegebegleiter auch in Kirchheim, es sind acht Frauen und ein Mann. In 60 Stunden Schulung wurden sie auf ihre neue Aufgabe vorbereitet.

PETER DIETRICH

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KIRCHHEIM Zu verdanken hat Kirchheim das neue Angebot zwei Frauen aus Kohlberg. Sie sind als Projektinitiatorinnen Teil des dortigen Pflegebegleiterprojekts und wollten ihr Wissen an andere weitergeben. Deshalb boten sie Roland Böhringer als Leiter des Kirchheimer Hauses der Sozialen Dienste einen Kurs in seiner Stadt an. Er wurde in der Folge mit insgesamt zwölf Teilnehmern durchgeführt.

Neun davon wollen sich jetzt als Pflegebegleiter engagieren. Ebenfalls im Kurs dabei war Monique Kranz-Janssen, die das Kirchheimer Projekt nun gemeinsam mit Margret Zander, einer der neun Pflegebegleiter, leitet. Kranz-Janssen arbeitet hauptamtlich beim Verein buefet, bei dem das Projekt eine organisatorische Heimat fand. Zander dagegen engagiert sich ehrenamtlich genau solche gemischten "Projekttandems" sieht das bundesweit 2004 gestartete Pflegebegleiter-Programm vor.

Im Juli fand die Zertifizierung der neuen, zwischen 50 und 76 Jahren alten Pflegebegleiter statt. "Pflegebegleiter" so lautet die offizielle Projektbezeichnung, auch wenn diese buefet-Gründungsmitglied Gertraud Sieler angesichts des deutlichen Frauenüberschusses etwas ärgert. Inzwischen sind die Pflegebegleiter unterwegs, um sich bei sozialen Diensten, Pfarrämtern, Ärzten, Apotheken und vielen anderen Orten vorzustellen. "Es beginnt sich herumzusprechen", beobachtet Zander.

Die Pflegebegleiter, versuchen die Initiatorinnen mögliche Missverständnisse von vornherein zu vermeiden, seien keine Konkurrenz zu Pflegediensten. Denn sie pflegen nicht, sondern begleiten die pflegenden Angehörigen. "Alle fragen nach dem Gepflegten, nach dem Pflegenden fragt keiner", bedauert Zander. Deshalb wollen die Pflegebegleiter zuhören, über Möglichkeiten der Entlastung informieren oder mit einem Angehörigen gemeinsam zur Pflegekasse gehen. "Manchmal wollen Pflegende nur reden", berichtet Zander. "Es ist ja nicht nur die körperliche Arbeit, sondern auch die seelische Belastung", ergänzt Sieler.

"Gelegentlich", erzählt Kranz-Janssen von Erfahrungen an anderen Projektorten, "bleibt es bei zwei bis drei Gesprächen. Aber oft entwickeln sich Beziehungen über Jahre hinweg." Damit die Pflegebegleiter für diesen langfristigen Einsatz gerüstet sind, werden sie vom Verein buefet begleitet. Alle vier Wochen gibt es gemeinsame Treffen, zusätzlich bei Bedarf persönliche Fallgespräche. Jeder Pflegebegleiter soll erkennen, wann seine Hilfe zu Ende ist, wann er "nein" sagen muss. Schließlich ist er nur ein Verbindungsglied zu Fachstellen wenn auch, eine Stärke der Ehrenamtlichen, mit weit mehr Zeit zum Gespräch als diesen. buefet sorgt zusätzlich dafür, dass die Pflegebegleiter bei Gesetzesänderungen und anderen neuen Entwicklungen immer auf dem Laufenden bleiben.

Ab Januar oder Februar soll es eine wöchentliche Sprechstunde geben, die sich an pflegende Angehörige richtet, und die von den Pflegebegleitern im Wechsel besetzt wird. Sie haben Verständnis und ein offenes Ohr, haben doch viele von ihnen schon selbst Angehörige gepflegt. "Ich hätte das damals auch gerne gehabt", meinte eine Pflegebegleiterin zum jetzigen Angebot, über das sie damals sehr froh gewesen wäre.

Das Projekt wird bundesweit von den Spitzenverbänden der Pflegekassen gefördert, als Modell für eine Weiterentwicklung der Pflegeversicherung. Für die Abwicklung in Baden-Württemberg ist das Paritätische Bildungswerk in Stuttgart verantwortlich, für die wissenschaftliche Begleitung sorgt die Katholische Fachhochschule Freiburg. Doch wie das Projekten so ist: Auch die Finanzierung der Pflegebegleiter ist befristet. Derzeit hoffen die Kirchheimer Initiatoren, dass das Konzept in das neue Gesetz über die Pflegeversicherung Eingang findet. Die Chancen dafür, so sei aus Berlin zu hören, stünden gut. "Irgendwann muss es die nächste Ausbildung geben", blickt Sieler schon nach vorne in Richtung eines nächsten Kurses.

Pflegende Angehörige, betonen die drei Frauen, gebe es auch bei jüngeren Menschen etwa bei Multiple Sklerose, bei AIDS oder nach einem Unfall. Auch deren Angehörige sollen unterstützt werden. "Es zu akzeptieren, dass man es alleine nicht schafft, ist ein langer Weg", sind sich alle sicher. Deshalb hoffen sie auf Rückmeldungen von anderen sozialen Diensten, die Kontakt zu hilfebedürftigen Pflegenden haben, und wünschen sich sehr eine wachsende Vernetzung.