Lokales

"Bei der Schuldnerberatung stehen wir auf der Warteliste"

Derzeit läuft die "Woche der Überschuldeten". Mit der Veröffentlichung einzelner Schicksale wollen die Schuldnerberaterinnen im Kreis aufmerksam machen auf den Menschen hinter den Schulden. Heute erzählt ein Ehepaar seine Geschichte:

KIRCHHEIM "Unsere Familie lebt in einem Teilort von Kirchheim Wir sind beide Mitte, beziehungsweise Ende 40 und seit über 25 Jahren verheiratet. Unsere beiden Kinder sind 20 und 13 Jahre alt. Der Sohn ist zurzeit arbeitslos. Wir haben uns vor ungefähr 25 Jahren ein altes Haus gekauft und begonnen, es umzubauen und zu renovieren. Im Moment sind noch ungefähr 80 000 Euro Schulden darauf.

Anzeige

Vor etwa zehn Jahren haben wir gemerkt, dass die Schulden für uns zu einem Problem geworden sind. Damals ist mein Mann erkrankt und hat eine berufliche Reha durchlaufen. Im Anschluss daran hat er zwar für einige Zeit eine Anstellung gefunden, diese war aber deutlich geringer entlohnt. Insgesamt war mein Mann seit dieser Zeit öfters arbeitslos. Ich selber konnte nur geringfügig arbeiten, da ich niemanden hatte, der auf die Kinder, vor allem das Kleinste, aufgepasst hätte.

Die Schulden haben sich sehr negativ auf unsere Beziehung als Eheleute ausgewirkt. Heute streiten wir sehr viel. Die Nerven von uns beiden liegen blank. Was auch sehr an einem zehrt ist, dass wir Wünsche, die die Kinder haben, nicht erfüllen können. Gerne würden sie mal mit uns für ein paar Tage wegfahren, so wie sie es bei ihren Freundinnen und Freunden erleben. Aber es geht einfach nicht. Wir müssen immer nein sagen.

Wenn Arbeitskollegen von den Schulden und davon erfahren haben, wie schwer es für uns ist, dann haben wir immer Anteilnahme erfahren. Ich denke, Hausschulden sind im Schwabenland "anerkannt". Die Schulden hat man immer im Kopf. Sie verfolgen einen bis an den Arbeitsplatz. In Gedanken ist man immer bei den Schulden. Man überlegt, wie man etwas ändern könnte. Würden Überstunden helfen oder Schwarzarbeit? Reicht das Geld noch für die Lebensmittel, wenn die Raten beglichen sind? Letztendlich ist es ständig die nackte Angst um die Existenz.

Auch in der Freizeit. Wir sind meist zu Hause und machen eben die Dinge, die dort möglich sind. Mit dazu gehört auch der eigene Garten. Für uns ist er sehr wichtig, da wir unser Obst und Gemüse selbst ziehen. Eben auch um Geld zu sparen. Wenn wir die heutige Situation mit früher vergleichen, dann wird der Unterschied sehr deutlich. Früher sind wir noch ausgegangen, waren unter Freunden. Heute ist da nichts mehr. Womit denn auch?

Unsere Verwandten wissen von den Schulden. Wir haben es ihnen so erklärt, wie es war. Die Reaktionen auf unsere Offenheit waren sehr verschieden. Sie reichen vom Angebot der finanziellen Unterstützung bis hin zu Vorwürfen warum wir denn nicht mit dem Geld umgehen können, was ja gar nicht stimmt.

Ob sich die Schulden auf die Gesundheit auswirken? Ja, klar. Mein Mann hat Magengeschwüre, die Gedanken kreisen um die Zukunft. Müssen wir das Haus verkaufen und stehen dann ohne Haus aber mit einem Berg von Schulden da? Kann das alles sein, was uns nach so vielen Jahren, die wir uns so eingeschränkt haben, bleibt? Und ständig ist die Angst bei uns mit am Tisch. Bis März war mein Mann arbeitslos, musste dann einen Antrag auf Hartz IV stellen.

Dort haben wir unverständliche Auskünfte und Auflagen erhalten. Zuerst sollten wir unsere Lebensversicherung, die wir für das Alter noch haben, auflösen. Nachdem geklärt war, dass die Summe unter die Vermögensschongrenze fällt, wollten sie, dass wir das Haus umbauen und zwei Wohnungen daraus machen. Damit wir eine Wohnung verkaufen könnten und von dem Erlös leben. Aber womit sollen wir das denn bezahlen, wenn eh kein Geld da ist? Kurz und gut: Der Antrag wurde abgelehnt. Wir waren am Boden zerstört. Wir, die nichts haben, haben doch noch zu viel?

In dieser Situation hat mein Mann von einer Stelle in seinem Beruf im Ausland erfahren. Er hat sich beworben und wurde genommen. Aber viel verdient er auch dort nicht und dann kommen noch die Kosten für einen zweiten Haushalt hinzu. Ob das Geld reichen wird wir werden sehen. Das gilt auch dafür, was diese Wochenendehe für unsere Beziehung bedeutet.

Besser als weiterhin ohne Arbeit zu sein, ist es auf jeden Fall. Aber die Sorge, ob wir das Haus halten können oder trotz diesen Schrittes dann vor dem Nichts stehen werden, ist noch nicht ausgestanden. Eine Hilfe wäre es uns schon, wenn wir gemeinsam mit der Schuldnerberatung unsere Situation besprechen könnten. Aber dort stehen wir erst mal auf der Warteliste."

sb