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"Bei der Veranstaltung ist einiges aus dem Ruder gelaufen"

ESSLINGEN Für den Ablauf öffentlicher Skandale gibt es zwei Muster. Weit verbreitet ist Fall 1: Politiker und Manager, die in die Schusslinie geraten, reagieren mit Dementis oder kleinen Teilgeständnissen auf

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HERMANN DORN

Kritik an Fehltritten. Die Wahrheit kommt scheibchenweise ans Licht. Schlimmer als die Vorwürfe wiegt für Akteure, die sich dieser Strategie bedienen, meistens der Verlust an Glaubwürdigkeit. Wer sich korrigieren muss, hat seinen Kredit schnell verspielt. Fall 2 steht für einen offensiven Umgang mit den Vorwürfen. Die Akteure legen sofort alle Fakten auf den Tisch und versuchen, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Ein Beispiel für das erste Muster und damit für ein misslungenes Krisenmanagement liefern derzeit die Junge Union und die CDU in Esslingen. Am Montag traten sie in einer Pressemitteilung dem Vorwurf entgegen, Mitglieder der Jungen Union hätten sich bei einer großen Disko in den Räumen einer Sirnauer Busfirma persönlich bereichert. Die Verfasser räumten in ihrer Reaktion auf einen Bericht bei Spiegel-Online lediglich kleinere Versäumnisse im Umgang mit dem Finanzamt ein und glaubten, die Sache mit dem Hinweis auf die Unerfahrenheit der Schüler und Studenten abhaken zu können. Ein Irrtum, wie sich inzwischen zeigt. Selbst wenn es sich nicht um den großen Skandal handeln dürfte, so hat die Sache doch weit mehr als das berühmte Gschmäckle.

Thaddäus Kunzmann sieht sich in der unangenehmen Lage, seine erste Stellungnahme korrigieren zu müssen. "Bei der Veranstaltung ist einiges aus dem Ruder gelaufen", räumt der Kreisvorsitzende der CDU, der sich in seinen ersten Äußerungen auf mündliche Informationen der Jungen Union gestützt hatte, jetzt ein. Fest steht, dass die Helfer vor vier Jahren deutlich mehr kassiert haben, als es die Partei zunächst glauben machen wollte. Hatte Kunzmann zunächst von 2000 Mark gesprochen, ist nunmehr von 8000 Mark die Rede. Inzwischen liegt eine Liste mit Namen und Zahlen vor, die sogar einen Betrag von 10 000 Euro nennt. Aus ihr geht hervor, das in vielen Einzelfällen zwischen 500 und 700 Mark geflossen sind. Vor einigen Tagen war noch von durchschnittlich 100 Mark die Rede.

Trotz der neuen Fakten wehrt sich Sören Keck gegen den Verdacht, JU-Mitglieder hätten sich bereichert. Für Keck er war 2001 der Vorsitzende des JU-Stadtverbands handelt es sich unverändert um den gerechten Lohn für teilweise harte Arbeit. Großen Wert legt er auf die Feststellung, dass nur sieben der 31 aufgeführten Helfer der JU angehörten. Ansonsten soll es sich um Freunde und Bekannte gehandelt haben, die gebraucht worden seien, um die Veranstaltung mit 2000 Besuchern über die Bühne zu bringen.

Die CDU muss sich nach den neuen Erkenntnissen vorwerfen lassen, sich zu wenig um den geschäftstüchtigen Nachwuchs gekümmert zu haben. Der Umgang mit einer Veranstaltung, bei der 60 000 Mark eingenommen und ein Gewinn von 10 000 Mark erzielt worden ist, erweist sich im Rückblick als grob fahrlässig. Offenkundig lieferte die JU als Veranstalter lediglich das Feigenblatt für eine kommerzielle Veranstaltung. Mehr als problematisch erscheint im Licht der tatsächlichen Zahlen auch die Ignoranz, die gegenüber dem Finanzamt an den Tag gelegt worden ist. Warum die Verantwortlichen keinen Gedanken an die Frage verschwendet haben, ob solche Beträge einfach unter der Hand ausbezahlt und verbucht werden können, bleibt ihr Geheimnis. Pure Vergesslichkeit? Unwissenheit? Oder doch mehr? Die Funktionäre leisteten sich einen mehr als hemdsärmeligen Umgang mit dem Steuerrecht. Klärungsbedarf besteht auch beim politischen Selbstverständnis. Das spurlose Verschwinden brisanter Unterlagen schürt das Misstrauen weiter. Unklar bleibt auch die Rolle eines JU-Mitglieds, das mit fast 3000 Mark am Gewinn beteiligt worden ist. Keck betont zwar, dass es sich um den Partner der Firma Feierland handelte, die für Musik und andere Aufgaben zuständig war. Diese Version mag stimmen. Sehr überzeugend wirkt solches Geschäftsgebaren trotzdem nicht. Obwohl die Vorgänge vier Jahre zurückliegen, beschädigen sie das Ansehen der Jungen Union. Das weiß auch Kunzmann. Er bewertet die Vorgänge kritischer als vor wenigen Tagen: "Diese Disko war mehr als eine Nummer zu groß." Von Veranstaltungen dieses Kalibers rät er künftig ab. Offene Kritik an den JU-Mitgliedern verkneift er sich weiter. Er sagt aber auch: "Einen Preis für ehrenamtliches Engagement haben sie nicht verdient."

In Zeiten des Wahlkampfs kommen der CDU die negativen Schlagzeilen höchst ungelegen. Der Katzenjammer ist ebenso offenkundig wie der Wunsch, zur Tagesordnung überzugehen. Kunzmann verweist darauf, dass sich der Nachwuchs mit dem Finanzamt längst geeinigt hat, wie die Steuerschulden in Höhe von 6000 Euro abgestottert werden. Willkommen ist sicher auch die Auskunft der Staatsanwaltschaft Stuttgart, wonach es keine Anzeichen für ein gerichtliches Nachspiel gibt.