Lokales

Bei mystisch-politischen Texten bis spät in die Nacht gefeiert

KIRCHHEIM "Bei ons lauft was!" über 1500 Zuschauer hätten sich auch in diesem Jahr wieder, wie der Bastions-Vorsitzende Andreas Kenner am frühen Sonntag

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HEINZ BÖHLER

abend verkünden konnte, zum traditionsreichen "Rollschuhplatz-Open-Air-Festival" in Kirchheim eingefunden. Mit der Renée Walker Band aus Mannheim, dem legendären Reggae-Propheten "Jamaica Papa Curvin", den Lokalmatadoren "Moria" und den Gutelaune-Zweitaktern "Ringo-Ska" hatten die Veranstalter auch in diesem Jahr wieder einige bemerkenswerte Highlights der Musikszene an Land gezogen.

Einen grandiosen Achtungserfolg aber feierte am frühen Nachmittag eines recht heißen Sonntags der Akrobat und Jongleur Clown wäre einfach zu wenig gesagt Dino Lampa mit einem zauberhaften Programm, das mehr als 800 Zuschauer auf eine Trudeltour zwischen Lachen und Staunen schickte. Obwohl mit erheblich weniger Publikum gesegnet, feierten bereits am Nachmittag des vorhergehenden Samstags die Nürtinger "Rapid Babies" mit ihrem Boss "Stinky Pete" ihren Auftritt auf dem Kirchheimer Traditionsfestival ausgiebig. "Für uns war die Möglichkeit, auf dieser Bühne spielen zu können, das Allerwichtigste", freute sich Frontman Jan für seine Band-Kollegen gleich mit, deren Farm-'n'-Punk-Rock im Stil der Ramones gleichwohl bei den anwesenden Fans gut ankam.

Auch die folgenden "Doors of Perception" hatten mit dem fast pünktlich zu ihrem geplanten Konzertbeginn einsetzenden Gewitterplatzregen und König Fußball das Confed-Cup-Halbfinale lief zu dieser Zeit im Fernsehen zwei ernstzunehmende Gegner ihrer Show, die das Publikum in die Zeiten der skandalumwitterten Auftritte des legendären Lyrikers Jim Morisson als Sänger der Doors zurückverstzte. Mehr Applaus, als das Berliner Quartett am Samstagabend erhielt, war bei der bis dahin immer noch schwachen Besucherzahl kaum möglich.

"Fraiat eich, dass'r die nächschde Bänd heit fir den Breis heera kennad", sagte Andreas Kenner, der die Zukunft der "Renée Walker Band" sicherlich nicht zu Unrecht bald in den höheren Sphären des Rock-Business sieht. Schade nur, dass die fünf Mannheimer Musikerinnen und Musiker am Samstagabend immer noch vor halbleeren Rängen im Rollschuh-Stadion ihr Programm aus vorwiegend eigenen Stücken, aber auch feinsten Neuversionen altbekannter Songs von Janis Joplin mit "Mercedes Benz", "Kashmir" von Led Zeppelin oder Skunk Anansies Superhit "Hedonism" darbieten mussten. Erst als die Sonne schon fast ganz untergegangen war und sich die Crew der Reggae-Legende "Jamaica Papa Curvin", den viele seit seinem Rollschuhplatz-Auftritt vor zwei Jahren noch in bester Erinnerung hatten, mit dem Umbau zu beschäftigen begonnen hatte, füllte sich das Oval allmählich. Dann allerdings waren die Massen kaum zu halten. Die Sitzbänke auf dem Asphalt wurden abgebaut, um den Tänzerinnen und Tänzern Platz zu machen. Zu den teils recht mystisch, teils aber auch unverblümt politisch gehaltenen Texten des Rastakult-Veteranen und den in die Beine fahrenden Klängen seiner Band feierte die Menge bis spät in die Nacht eine Party.

"The Pelvis" kreiste am Sonntag bereits zum Frühschoppen um die Musik des bis heute unumstrittenen "King of Rock" Elvis Presley. Danach gab es Comedy für die ganze Familie mit dem italienischen Artisten Dino Lampa. Mardi Gras und die Begräbnis-Umzüge haben im alten New Orleans jenen Brass-Sound geprägt, den die "Louisiana Funky Butts" im Kirchheimer Rollschuh-Rund fröhliche Urständ' feiern ließen.

Danach fochten die Lokalmatadoren der seit über 25 Jahren aktiven Folkrocktruppe "Moria" einen äußerst ehrenvollen Kampf gegen Hitze, schwachen Besuch und die untergehende Sonne. Doch selbst eine frisch zugezogene Fußverletzung des Schlagzeugers konnte ihren gewohnt souveränen Auftritt kaum beeinträchtigen. Sowohl die Fans als auch die Musikerkollegen äußerten sich übereinstimmend begeistert von den Darbietungen der Nürtinger Kultband.

Stagediving-Acts und wildes Ausleben des durch den mitreißenden Rhythmus geweckten Bewegungsdrangs begleiteten zum Ausklang des "Rollschuhplatz-Open-Air-Festivals" die Show des Top-Acts des Tages mit dem vielsagenden Namen "Ringo-Ska". Eine Beatlesnummer jagte die andere alle durch die Ska-Scheibe des Offbeat-Wolfes gedreht. Ein Sakrileg? Vielleicht, aber wenn erlaubt ist, was gefällt, bekamen "Ringo-Ska" von einem begeisterten Kirchheimer Publikum eine Genehmigung erster Klasse.