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Beifall für den resoluten Gerd und Mitleid mit dem heiseren Joschka

Gewonnen haben sie alle. Sowohl Rainer Arnold, SPD-Bundestagsabgeordneter, als auch Dr. Uschi Eid, Staatssekretärin und Bundestagsabgeordnete der Grünen, haben ihre Fahrkarte nach Berlin erhalten. Doch wer im Regierungszug sitzen wird, ist nach diesem spannenden Wahltag noch vollkommen offen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Als die erste Hochrechnung über den Bildschirm läuft, bricht Jubel in der Kirchheimer "Hopfenstube" unter den Sozialdemokraten aus. Nicht, weil Bundeskanzler Gerhard Schröder die Mehrheit für seine Partei geholt hätte, sondern vielmehr weil der politische Gegner, die CDU, so schlecht abschnitt.

"Angie wird nicht Kanzlerin", prophezeit ein Genosse bereits um 18.18 Uhr. "Schwarz-Gelb wird dieses Land nicht regieren." Ein anderer erinnert an Willy Brandt selig: "Es gibt eine Mehrheit links der Mitte." Doch was nützt der SPD diese Mehrheit, wenn sie von vornherein eine Koalition mit der neuen Linken ausschließt? Nichts.

Rainer Arnold, erfolgreicher Wahlkämpfer für die SPD im Wahlkreis Nürtingen, klingt am Handy sehr erleichtert. "Vor acht Wochen dachten wir noch, die ganze Partei fliegt uns um die Ohren, und jetzt haben wir ganz schön aufgeholt." Er jedenfalls habe bereits kurz nach 18 Uhr die Gläser klingen lassen. Die "paar Prozente", die den Sozialdemokraten fehlen, lastet Arnold den neuen Linken an. "Es gibt aber keine Mehrheit für einen neoliberalen Kurs", und das freut ihn. Das gute Abschneiden der FDP, so schätzt der Nürtinger SPD-Bundestagsabgeordnete, "hat etwas mit Angela Merkel zu tun." Eine große Koalition? Rainer Arnold spricht lieber über zwei Ampelkonstellationen: Die sogenannte "Jamaika-Ampel" Schwarz, Gelb, Grün oder aber Rot, Gelb, Grün. "Mit den Linken können wir jedenfalls nicht zusammengehen. Da könnte ich nicht mehr in den Spiegel schau'n."

Was seinen Wahlkampf betrifft, so ist sich Rainer Arnold sicher, "die professionelle Art hat sich bewährt. Wir haben doppelt so hart gearbeitet."

Allmählich füllt sich die "Hopfenstube". Der Fernsehapparat muss immer wieder lauter gestellt werden. Inzwischen ist auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker mit Gatte eingetroffen und verfolgt ebenso wie Ortsvereinsvorsitzender Martin Mendler und andere junge und alte Parteigänger gespannt die "Elefantenrunde." Beifall brandet auf, als "der Gerd" sagt, es werde keine große Koalition unter Angela Merkel geben.

Doch wer kann's mit wem? Es sieht ganz so aus, als ob wirklich noch alles offen wäre, weil's die Vorsitzenden nicht miteinander können oder aber über keine Mehrheit verfügen. Jedenfalls erklärt Martin Mendler die Demoskopen als die eigentlichen Wahlverlierer.

Derweil verdauen die Grünen im "Bären" in Kirchheim nicht nur Flammkuchen, Chickenwings und ähnliche Snacks zum Abend, sondern auch, dass sie von den Liberalen überholt wurden. Mit Rainer Bütikofer, der eben auf der Leinwand erscheint, stellen sie sich schon mal auf die Opposition ein. Oder gibt es vielleicht doch eine rot-gelb-grüne Ampel, "weil dr Weschterwelle ganz geil drauf isch, zu regiera"? Wer weiß. Da tritt der Außenminister in Berlin ans Mikrofon, und auch im Kichheimer "Bären" wenden sich die Köpfe dem grünen Vorstreiter zu. Ein heiserer Joschka Fischer will "auf Grund der guten Ergebnisse feiern."

Das sieht die Grünen-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Nürtingen, Dr. Uschi Eid, nicht anders. "Trotz einer sehr schwierigen Ausgangssituation sind wir bundesweit über acht Prozent gekommen." Doch bei einer "Elefantenehe" dürfte für die Grünen kein Platz mehr sein? "Angela Merkel hat gesagt, dass sie mit allen Fraktionen, außer den neuen Linken, Gespräche führen wird", meint Uschi Eid vorsichtig. Riecht das nicht nach Opposition für die Grünen? Die Nürtinger Grüne und Staatssekretärin im Entwicklungshilfeministerium verweist auf die Zeit, in der sie und ihre Partei die Oppositionsbank drücken musste: "Ich habe auch dieses Handwerk gelernt. Natürlich finde ich es schön, die Regierungspolitik mitzugestalten. Ich kleb' aber nicht an meinem Sessel."

Gegen 21 Uhr lichten sich die Reihen der Ökoparteigänger und-freunde im "Bären". Das Rennen scheint vorläufig gelaufen. Eine Schlacht geschlagen. Das Transparent mit der großen gelben Sonnenblume wird abgehängt.

Die Genossen halten länger durch. Gegen 22.30 Uhr trifft der alte und neue SPD-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Nürtingen, Rainer Arnold, in der "Hopfenstube" ein und bedankt sich bei seinen Parteifreunden für die tatkräftige Unterstützung mit einer Runde Sekt. Anders als bei der CDU gibt es bei den Sozialdemokraten am Wahlabend keine zentrale Wahlparty. Das bedeutet für den wiedergewählten Bundestagsabgeordneten einmal mehr in seinem Wahlkreis unterwegs zu sein von Leinfelden-Echterdingen, Bernhausen, über das Nürtinger Roßdorf, bis nach Altenriet und Kirchheim. Diesmal aber nicht mit "Rainers mobilem Mostgarten".