Lokales

"Beim Baumschnitt ist es wie in der Politik. . ."

DETTINGEN "Mein Vater wollt' immer Oberbürgermeister sein, der nebenher Schnittkurse anbietet", gibt Boris Palmer verschmitzt zum Besten. Was Helmut Palmer trotz unzähliger Wahlkämpfe nicht gelang, kultiviert nun der Sohn. 2002 hat Boris Palmer seinen ersten Schnittkurs gegeben, vier Jahre später kam der

Anzeige

ANKE KIRSAMMER

OB-Posten in Tübingen dazu. Demonstrativ schwenkt der prominente Grünen-Politiker die "Säge" wie die rote Rebschere ein Erbstück des vor gut drei Jahren verstorbenen "Remstalrebellen". Auf Einladung des Dettinger Obstbaurings, vor 52 Jahren von Helmut Palmer gegründet, war Boris Palmer am Samstag in die Schlossberggemeinde gekommen. Zugesagt hatte er den Schnittkurs bereits vor zwei Jahren während der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 50. Bestehen des Vereins.

Doch die Unistadt verpflichtet bevor Boris Palmer den ersten Ast kappt, wird's erst mal theoretisch, aber nie trocken. In einem Satz erfahren die rund 120 Teilnehmer das Prinzip des Oeschbergschnitts, den Helmut Palmer in der Schweiz kennengelernt und in Württemberg eingeführt hatte und der heute mitunter noch tiefe Gräben in den Obst- und Gartenbauvereinen reißt: "Beim Baumschneiden ist es wie in der Politik, man muss die Oberen stutzen, damit die Unteren, Kleinen Licht bekommen." Die Lacher hat Boris Palmer mit solchen Sätzen auf seiner Seite. Unverhohlen kokettiert er mit der Rolle des "Rebellensohns", spricht vom "Idiotenknick", mit dem "Baumfrevel" betrieben werde, prangert den "Elefantenrüssel" am Baum auf der Nachbarwiese an und erkundigt sich nach dem "Dackel", der an einem älteren Kirschbaum sämtliche Wasserschosse abgesägt hatte. Der durchwühlte Boden liefert das nächste Stichwort: "Wildsäue! Haben Sie hier welche?" Natürlich belässt es der Experte nicht bei derlei Gags. Beim Baumschnitt müsse man das natürliche Wachstum beachten. Er fordert bei einem Obstbaum eine klar erkennbare Mitte und drei bis fünf Leitäste, die im Winkel von ungefähr 45 Grad vom Stamm abgehen. Damit sei eine bequeme Ernte möglich und, wichtig insbesondere bei Apfel- und Birnbäumen: Die Last der Früchte werde ideal vom Stamm abgeleitet.

"Loiter nastelle", tönt es mehrfach aus dem Publikum, als der Hauptdarsteller des Nachmittags nach einer guten Viertelstunde immer noch doziert. "In der Mitte fangen wir an", sagt's und steigt mit etwas bangem Blick nach unten in die Krone des noch jungen Bitterfelder hinauf. "Was nach innen wächst und zu stark zur Seite, nimmt man raus", erklärt Boris Palmer, während er das dünne Holz um die Fruchtspindel auslichtet und einkürzt und Ästchen für Ästchen hinter sich wirft. Wie mit seinen Sprüchen, landet er auch damit den ein oder anderen Treffer. Mit seinem Plädoyer für Holzleitern ("bei Alu friert's Ihne bei fünf Grad minus alles weg") würde er sich indes in Fachkreisen sicher nicht nur Freunde machen.

Boris Palmer hat für das überwiegend ältere Publikum einfache Merksätze auf Lager: "Was steil ist, wächst, was flach ist, trägt, und was unter die Waagerechte kommt, stirbt ab." Mit seiner Schnittmethode, der Leitastverlängerung, wachse der Baum jedes Jahr ein Stückchen mehr nach außen. Da ist er wieder, der Vergleich des Baumschnitts mit der Politik: "Man muss mindestens in der Lage sein auf drei zu zählen und ein Jahr vorauszudenken." Auch den Hinweis auf das "grüne Cambium", die Wachstumsschicht schlicht das "Beste am Baum" kann er sich nicht verkneifen.

Mit seinen Schnittkursen unterstreicht Boris Palmer seinen jahrelangen Kampf für den Erhalt der Streuobstwiesen in der Kulturlandschaft. Als Neuling im Landtag im Jahr 2001 hatte er in seinem ersten Antrag ein Zertifikat des Landes für Apfelsaft von heimischen Streuobstwiesen gefordert. "Unsere alten Sorten sind nur durch den Streuobstbau zu erhalten." Von rund 1000 Apfelsorten, die es in Württemberg früher gegeben habe, seien lediglich noch 100 vorhanden, und beim Discounter gebe es gerade noch drei zu kaufen. Dass sich der Streuobstbau im eigentlichen Sinne nicht lohne, weiß der Tübinger OB selbst nur zu gut. "Die meisten Kunden ahnen nicht, dass sie im Supermarkt chinesisches Konzentrat kaufen", gibt Palmer zu bedenken. Um den heimischen Streuobstbau zu unterstützen, wäre das Gros sicher bereit, etwas mehr zu bezahlen. Derzeit allerdings stamme 70 Prozent des in Baden-Württemberg abgefüllten Apfelsafts aus China, Polen oder dem Iran. Der Einwurf eines Besuchers folgt prompt: "Deswega hen mir frieher Moscht tronka."

Überhaupt scheint das Publikum "Palmer-erprobt". Ein Zuhörer erinnert sich noch augenzwinkernd daran, wie der Vater ihn als 18-Jährigen "auf d'r Boom naufgeschickt hot". Dass der Pomologe "alle über d'Gosch gfahra isch", weiß auch der Sohn. Er selbst sei ein bisschen zahmer, schließlich wolle er ja nicht, dass die Leute nicht mehr nach Tübingen kommen. Und er sinniert: Ob der Vater, der bevorzugt Staatsdiener zur Zielscheibe hatte und selbst mehr als 200 Mal versuchte, einen Chefsessel in einem Rathaus zu erobern, überhaupt wusste, dass Bürgermeister Beamte sind? "Ich hoff' ich hab's recht g'macht. Und Beamter bin ich ja erst mal nur für acht Jahre."