Lokales

Beim Essen für die Erdbebenopfer gebetet

NÜRTINGEN Den 17. August 1999 werden die Einwohner der türkischen 350 000-Einwohner-Stadt Adapazari nicht vergessen, denn an diesem Tag legte ein Erdbeben große Teile der Stadt in Trümmer. Die Not war groß, besonders als der Winter kam und Heizgeräte für die Behelfsunterkünfte und Zelte fehlten. Der Rotary-Club Nürtingen-Kirchheim hatte damals einen Hilfstransport organisiert und die Nürtingerin Ruhsan Aydogan, deren Eltern in Adapazari leben, hat seinerzeit den Kontakt zu den türkischen Rotariern hergestellt. Derzeit ist Ruhsan Aydogan wieder in Adapazari. Per Fax hat sie ihre Erlebnisse in der ihr jetzt fremden Stadt übermittelt.

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"Heute ist Markt. Mit dem Dolmus fahren meine Mutter, meine Kinder und ich in die Stadt. Der Dolmus fährt den Maltepe-Hügel hinunter auf die Hauptstraße. Ich will meinen Kindern die Stadt zeigen. Schnell merke ich, dass vieles fehlt oder etwas anderes da steht. ,Wo ist das Krankenhaus?' ,Kind, das ist doch abgerissen!' Jetzt fällt es mir ein: Als ich das letzte Mal in Adapazari war, war es eine Ruine. Heute ist das Krankenhaus ein bungalowartiger Bau.



Der Dolmus fährt weiter, an riesigen Einkaufszentren vorbei, neu, modern. Die Zug-Fabrik ist wieder aufgebaut. Das neue Sportzentrum, ein gigantisches Gebäude, steht gegenüber der Stelle, wo das alte war. Dort ist jetzt eine Grünanlage. Der Dolmus biegt ab. Jetzt habe ich die Orientierung verloren. ,Mama, fahren wir falsch?' ,Nein, es ist dieselbe Strecke wie früher. Schau, hier war die PTT-Siedlung.' Ich fühle mich, als ob mein Kopf benebelt wäre und ich nicht klar sehen könnte. Wie in einemTraum. Hier standen zehn bis 15 Wohnblocks. Ich erinnere mich, wie es nach dem Beben hier aussah. ,Wo sind die Menschen hin?' Mama antwortet: ,Du warst doch viele Leben nicht mehr hier, und die anderen sind in die neuen Siedlungen an der Stadtgrenze gezogen.'



Der Dolmus fährt die Yeni cani entlang, eine riesige Hauptstraße ohne auch nur ein einziges Haus. Hier war einst eines der beliebtesten Wohnviertel.



Nach dem Erdbeben war ich drei Mal mit Hilfsgütern hier in Adapazari, so viele schreckliche Bilder habe ich gesehen und fotografiert, so viele grausame Geschichten habe ich gehört. Aber heute wird mir erst bewusst, wie schrecklich, grausam und unfassbar das alles war. Mit Gänsehaut steige ich in Gümrük önü aus. Köche stehen an Riesentöpfen und kochen. Hunderte von Menschen stehen Schlange und warten. Ich erkundige mich. Es gibt Reis mit Kichererbsen und Hähnchengeschnetzeltes und zum Nachtisch Kemalpasa und Ayran zu trinken ein Almosenessen. Ich denke mir nichts da-bei und wir gehen zum Markt. Auch der Markt hat heute einen neuen Standort. Beim Einkauf ein bekanntes Gesicht. Er umarmt mich und sagt: ,Schön, dich zu sehen, Tochter.' Es ist unser Metzger. Wir unterhalten uns. ,Was machst du hier?', frage ich. ,Ich arbeite hier bei diesem Metzger. Seit damals habe ich keinen Laden mehr.' Damals ja, den 17. August 1999 meint er. Ich verspreche, dass ich vor der Abreise nochmal vorbeischaue. Die Einkäufe sind erledigt, wir nehmen uns ein Taxi.



Auch im Taxi unterhalten wir uns über den 17. August. Der Fahrer erzählt mir seine Geschichte. ,Als es angefangen hat zu beben, ist der Strom ausgefallen. Im Dunkeln habe ich nach meinen Autoschlüsseln und meinem Feuerzeug gesucht. Als ich aus dem Haus kam, hörte ich Schreie, Hilferufe.' Seine Stimme zittert: ,Ich wollte zu meinem Taxi, um die Lichter anzumachen, damit wir sehen konnten, was überhaupt passiert ist. Mein Haus hat es überstanden. In diesem Moment sah ich, dass das fünfstöckige Haus, vor dem mein Auto geparkt war, auf meinem Taxi lag.' Er streicht über das Lenkrad und über das Armaturenbrett und sagt: ,Mein täglich Brot, mein Ein und Alles. Allah hat mein Dach über dem Kopf geschont, aber mein täglich Brot?' ,Du sprichst nicht von diesem Auto, oder?', frage ich ihn. ,Doch', sagt er, ,wir haben ihn repariert und wie eine Braut wieder zurechtgemacht. Seitdem fahren wir jeden Tag unsere Tour.'



Meine Mutter erzählt von unserer Hilfsorganisation. Erzählt, dass die Rotarier und die Stadt Nürtingen jede Unterstützung gegeben haben. Der Fahrer sagt zu mir: ,Tochter, wenn du zurückgehst, nimm viele, viele Grüße in deine deutsche Heimat mit und sage unseren deutschen Brüdern und Schwestern Dank. Unser Wiederaufbau und unser Überleben wäre ohne deren Hilfe kaum möglich gewesen. Sie haben in unserer Not Größe gezeigt, sind zu uns gestanden.' Hiermit tue ich das!



Zu Hause angekommen, erzählen wir Vater von unserem Einkauf, als es an der Haustüre klingelt. Ich mache auf und ein junger Mann steht da mit einem Tablett voller Essen. Reis mit Kichererbsen, Hähnchengeschnetzeltes, Kemalpasa und Ayran. Er begrüßt mich herzlich und sagt: ,Ich bin der Sohn von Necmiye und bringe Essen von der Moschee. Die Eltern kommen dazu. Ich frage: ,Was ist denn heute Besonderes, in der Stadt gab es auch Almosenessen.' Der Junge sieht mich an und antwortet: ,Schwester, heute ist der 17. August, fünf Jahre danach, das Essen ist zum Gedenken an die Opfer. Überall in der Stadt ist heute Essensausgabe.' Tatsächlich ist heute der Jahrestag des Erdbebens. Was für ein Zufall, und ich mittendrin!



Der 17. August 1999 hat den Menschen und der Stadt hier vieles genommen und vieles verändert. Aber eines konnte er nicht nehmen: Unsere schönen Traditionen und Bräuche sind geblieben. Beim Essen haben wir für die Erdbebenopfer gebetet. Im Frieden sollen sie ruhen. Und Allah segne jeden der Helfer und Spender.

Im Dezember vor fünf Jahren half Rushan Aydogan, den Hilfstransport der Nürtinger Rotarier zu koordinieren.