Lokales

Beim Topfschlagen klingelt das Handy . . .

Kirchheim/Stuttgart. Im Stuttgarter Landtag geht es zu wie im Taubenschlag. Auf den Gängen herrscht Kommen und Gehen, telefonisch treffen Interviewanfragen ein und der SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende Claus Schmiedel ist gerade auf dem Sprung zu einem Vor-Ort-Termin am Flughafen. Über allem liegt das Dröhnen des Presslufthammers, denn das Landtagsgebäude wird derzeit auf Vordermann gebracht.

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Irene strifler

Mitten im Trubel sitzt Tonja Brinks, als hätte sie nie woanders gesessen. Mit gleichbleibender Freundlichkeit und tiefer Stimme fertigt sie so manche Anfrage ab und geht dazwischen mit Schmiedel noch ein paar Termine durch. Im Landtagsgebäude fühlt sich die Kirchheimerin schon seit vielen Jahren zu Hause, doch in diesem Zimmer hat sie gerade eine Handvoll Arbeitstage verbracht: Die stellvertretende Vorsitzende der Kirchheimer SPD ist frischgebackene persönliche Referentin von Claus Schmiedel.

Auch die Geschäftsführung der Regionalfraktion der SPD untersteht ihr derzeit noch. Zwei Tage in der Woche zwackt sie für diese Tätigkeit ab, ehe ein Nachfolger bestimmt ist. Ist denn die Referentinnen-Tätigkeit kein 100-Prozent-Job? Brinks schüttelt die lange Mähne und lacht: „Nein, keineswegs – das ist eher ein 150-Prozent-Job“, meint sie leichthin. „Aber ich arbeite einfach gerne, auch nachts.“

Die Nacht hinzunehmen muss die alleinerziehende Mutter zweifellos. „Wenn hier landunter ist, kann die persönliche Referentin schlecht heimgehen, um ihr Kind abzuholen“, gab sie spontan zu bedenken, als die neue Jobanfage kam. Doch der frischgebackene Fraktionsführer wischte ihre Sorgen weg. Gelebt werden soll das, was auch Programm ist: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Jetzt ist es so, dass Brinks zwar pünktlich heimgeht, wenn die Tagesstätte dichtmacht. Doch damit ist ihr Dienst noch lange nicht vorbei. Unabdingbar auf allen Seiten ist natürlich die Bereitschaft, unkonventionelle Arbeitszeiten zu tolerieren. Das Handy von Tonja Brinks ist immer auf Empfang. Auch die dreijährige Tochter wundert sich nicht, wenn das Topfschlagen auf der Geburtstagsparty plötzlich durch den Anruf des Fraktionsführers unterbrochen wird. – „Multi-Tasking“ ist eben im Berufsleben gefragt.

Der Trend zum mobilen Büro und die technischen Möglichkeiten, ein solches einzurichten, kommt dem Gespann Brinks und Schmiedel entgegen. Auch unterwegs bleibt so keine Arbeit liegen, denn die Kirchheimerin hat ihr Laptop immer dabei.

Anlässe zum Reisen gibt es viele. Schmiedel setzt auf den direkten Kontakt mit den Wählern vor Ort. So soll sich die SPD neues Vertrauen erarbeiten, mit Eltern, Handwerkern, Agenda-Mitarbeitern, eben Bürgern als Partnern. Bis zur Landtagswahl 2011 bedeutet dies jede Menge Ortstermine. Der Zeitpunkt, in der Wählergunst zu punkten, scheint den Sozialdemokraten denkbar günstig: „In der Regierung geht‘s drunter und drüber“, poltert Schmiedel und nennt als wichtige Themen beispielsweise die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Schulpolitik.

Das Spektrum ist breit, ebenso breit muss die Zuarbeit ausfallen. „Das ist für mich nicht neu“, sagt Tonja Brinks. Sie begann ihren politisch-beruflichen Weg nach dem Studium der Politikwissenschaft an der Seite von Carla Bregenzer. Das war in einer Zeit, in der das Thema Sekten in der Landespolitik ebenso wichtig war wie heute die Schulpolitik.

In jüngster Vergangenheit hat Brinks für mehrere Abgeordnete gearbeitet. Und dazwischen lag sogar noch ein Ausflug auf ganz fachfremdes Terrain, nämlich in die Gastronomie in ihrer Wahlheimat Kirchheim. „Da hat man das Ohr direkt am Wähler“, möchte sie die Jahre hinterm Tresen nicht missen. Mag sein, dass die Nähe zum Bürger nicht nur politisches Ziel der SPD, ist sondern persönliches politisches Kapital von Brinks. Auf die Frage nach weiteren politischen Ambitionen zuckt sie derzeit noch gelassen mit den Schultern und meint: „Mal sehen.“

Was die Zukunft bringt, ist offen. In greifbare Nähe gerückt ist allerdings schon ein großes Fest, auf das sich Brinks nach eigenem Bekunden riesig freut: ihr 40. Geburtstag. Kann gut sein, dass da mitten im Sektempfang das Handy klingelt und die „große Politik“ anruft.