Lokales

Bekenntnis zur Energiewende

Gemeinderat will keine Bedenken zum Windkraft-Standort Schafhof anmelden

Windkraft auf dem Schafhof – dagegen hatte Holzmaden eigentlich nichts einzuwenden gehabt. Dass fragliches Gebiet nun aber größer werden soll und mehr Windrädern Platz bieten könnte, stört den Bürgermeister und einige Mitglieder des Gemeinderats. Eine Mehrheit jedoch brach eine Lanze für die Windkraft vor Ort

Optische Beeinträchtigung oder einfach Geschmackssache? Die Meinungen zum Thema Windkraftanlagen gingen auch im Holzmadener Geme
Optische Beeinträchtigung oder einfach Geschmackssache? Die Meinungen zum Thema Windkraftanlagen gingen auch im Holzmadener Gemeinderat auseinander. Eine Mehrheit jedoch bekannte sich zur Energiewende vor Ort mit allen ihren Auswirkungen.Foto: Jean-Luc Jacques

Holzmaden. „Die Windkraft ist eine gute und schöne Sache“, findet Holzmadens Bürgermeister Jürgen Riehle. Mit den Entwicklungen für den Windkraft-Standort auf dem Kirchheimer Schafhof ist er aber gar nicht glücklich. „Die Fläche hat sich vergrößert und Richtung Osten verschoben“, sagte der Schultes in jüngster Gemeinderatssitzung. Damit würden die potenziellen Windräder seinen Erkenntnissen nach 500 Meter näher an Holzmaden he­ranrücken. Weil die ausgewiesene Fläche auf dem Schafhof nun nicht mehr 13 Hektar, sondern 29 Hektar beträgt, fürchtet Riehle auch, dass „statt zwei oder drei vielleicht sechs oder gar neun Windkraftanlagen kommen“. „Das scheint mir sehr nachteilig für uns zu sein“, sagte der Rathauschef und verwies auf Optik, Lärm und Schattenwurf.

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Mit den veränderten Rahmenbedingungen hat sich auch die Position des Holzmadener Bürgermeisters gewandelt. Ebenso wie eine große Gemeinderatsmehrheit – und auch die Verwaltungsgemeinschaft Weilheim – hatte er vor knapp einem Jahr noch dafür plädiert, keine Bedenken zum Windkraft-Standort auf dem Schafhof anzumelden. Genau dies wollte er aber jetzt tun. Hauptanliegen in einer Stellungnahme an die Region wäre für ihn, dass nicht mehr als drei Windräder auf dem Schafhof gebaut werden sollen. „Drei Anlagen sind okay, ein Windpark direkt vor unserer Nase aber nicht“, so Riehle. Insbesondere verwies er auf die Bewohner von Silcher- und Schillerstraße, die von der Anhöhe im Nordwesten Holzmadens aus den direkten Blick auf die Windräder hätten.

Mit seinem Anliegen war der Holzmadener Schultes bereits im Verwaltungsraum auf taube Ohren gestoßen: „Nach Auffassung der Stadt Weilheim ist eine erneute Stellungnahme im Gemeinsamen Ausschuss nicht notwendig“, hat er feststellen müssen. Auch im Holzmadener Gemeinderat blieb nun die Schützenhilfe größtenteils aus. Stattdessen gab es ein beispielhaftes Plädoyer einer Gemeinderatsmehrheit für die Windkraft – und zwar mit all ihren Auswirkungen vor Ort.

„Ich bin der Meinung, dass man nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip handeln kann, wenn man die Energiewende will“, stellte Thomas Benz von der Holzmadener Bürgerliste seine Position klar. Die Windräder könnten nicht nur irgendwo anders aufgebaut werden, sondern müssten auch in der Nähe toleriert werden. Einer Stellungnahme an die Region, in der Holzmaden Bedenken äußere, werde er nicht zustimmen, so Benz. In die gleiche Kerbe schlugen seine Fraktionskollegen Markus Ocker und Christian Oberle. „Wer die Energiewende will, darf jetzt keine großen Bedenken äußern“, so Oberle. Markus Ocker erinnerte zudem an den Besuch des Gemeinderats in einem Windpark. Selbst direkt unter den Windrädern habe man sich gut unterhalten können. In zwei Kilometern Entfernung sei der Lärm dann wohl zu vernachlässigen.

Auch Dieter Fischer von der FWV hielt nichts davon, Bedenken bei der Region anzumelden. „Der gesetzliche Abstand zur Bebauung beträgt 700 Meter, wir sind zwei Kilometer entfernt“, wies er auf den rechtlichen Rahmen hin. Ohnehin seien andere Orte, wie etwa Jesingen oder der Schafhof, aus seiner Sicht viel stärker betroffen als Holzmaden. Fischer bezog sich auch auf die optischen Beeinträchtigungen, die Bürgermeister Jürgen Riehle für einige Bewohner Holzmadens fürchtet: „Das würde ich nicht zu hoch hängen – ich persönlich hätte kein Problem damit“, sagte er und war sich in diesem Punkt einig mit Thomas Benz. Der Anblick der Rotoren würde ihn ebenfalls nicht stören, sagte Benz und fügte hinzu: „Die Räder sind eben Geschmackssache.“

Das bestätigte Michael Thiehoff (HBL), der den Windkraftanlagen auf dem Schafhof von Anfang an skeptisch gegenüberstand und sich mit Bürgermeister Jürgen Riehle solidarisierte. „Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir uns wenn, dann jetzt, dazu äußern müssen“, sagte er. Er gab zu bedenken, dass Lärm von Windrädern eine Zusatzbelastung zur ohnehin schon lauten Autobahn darstellen könnte. Auch Jörg Molter (HBL) teilte die Sorge des Rathauschefs, dass die vergrößerte Fläche des Windkraft-Standorts Risiken birgt. „Ich finde es nicht korrekt, dass man sich dessen nicht im Gemeinsamen Ausschuss annimmt“, kritisierte er zudem das Verhalten in der Verwaltungsgemeinschaft.

Mit sechs zu fünf Stimmen lehnte der Gemeinderat den Vorschlag des Bürgermeisters ab, in einer Stellungnahme an die Region Bedenken zu äußern und eine Begrenzung auf maximal drei Windräder zu fordern.

Ob und wann sich die Windräder auf dem Schafhof drehen werden, steht übrigens noch keineswegs fest. Nach Auskunft von Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker – selbst Verfechterin der Energiewende vor der Haustür – brüten in dem Gebiet der Rote und der Schwarze Milan. Deshalb gelte es, die Ergebnisse von Umwelt- und Landwirtschaftsministerium abzuwarten, bevor die Stadt weiterplanen kann. Nicht zuletzt muss sich dann ein Investor finden, der im Standort Schafhof genügend Potenzial sieht.

kommentarFortschrittlich

Energiewende ja – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Seit der Atomausstieg beschlossen ist und neue Gebiete zur Nutzung von Windkraft ausgewiesen werden, ist diese Meinung landauf, landab immer wieder zu hören. Die einen sorgen sich um die Verschandelung der Landschaft. Andere prophezeien, dass geschützte Vogelarten in die Rotorblätter geraten werden.

Fakt ist jedoch: Wenn die Energiewende kommen soll, muss sie auch irgendwo stattfinden können. Andere Bundesländer und Staaten sind da schon weiter. Sachsen-Anhalt beispielsweise deckt die Hälfte seines Energiebedarfs durch Windkraft ab. Das österreichische Burgenland hat rund um die Touristenhochburg Neusiedler See hunderte von Windkraftanlagen aufgestellt und sich auf die Fahnen geschrieben, den burgenländischen Energiebedarf bis Ende dieses Jahres zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken. Die Windräder gehören dort mittlerweile zum Landschaftsbild und gelten als Selbstverständlichkeit. Dass es noch eine Weile dauern wird, bis der Landkreis Esslingen so weit ist, steht außer Frage. Auch sind die Rahmenbedingungen nicht generell vergleichbar.

Es gibt aber einen Hoffnungsschimmer: Nicht nur aus vielen Rathäusern kommen Bekenntnisse zur Windenergie vor Ort, sondern auch bei den Bürgervertretern scheint allmählich ein Umdenken einzusetzen. So wie in Holzmaden, wo immerhin eine knappe Mehrheit mit einem beispielhaften Plädoyer für die Windkraft ein Zeichen für die Energiewende direkt vor der Haustür gesetzt hat. Es ist zu wünschen, dass dies kein Einzelfall bleibt und Windräder im Kreis Esslingen irgendwann auch als solche gesehen werden was sie sind: Landschaftsprägende Zeichen für Fortschritt und Umweltbewusstsein. BIANCA LÜTZ-HOLOCH