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Bengalisches Feuer und die Schlange des Pharao

KIRCHHEIM "Was hat man im 18. Jahrhundert am Hof den lieben langen Tag gemacht?" Holger Starzmann, Referent der Sonderführung

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UTE FREIER

im Kirchheimer Schloss und Mitarbeiter bei Staatliche Schlösser und Gärten, beschrieb, wie man sich damals am württembergischen Hof die Zeit vertrieb. Neben Jagen und Spielen war das Durchführen von chemischen Experimenten außerordentlich beliebt. Einige dieser Versuche präsentierte Starzmann den Teilnehmern im Rundsaal des Schlosses.

Starzmann füllt Sand in ein Becherglas, fügt Mineralien hinzu in den Farben Grün, Rot und Weiß, gießt eine zähflüssige Substanz und destilliertes Wasser hinzu, rührt um und gespannt beobachten die Zuschauer, wie eine "Unterwasserwelt" entsteht: aus dem Sand scheinen farbige Pflanzen herauszuwachsen. "Dieser Versuch ist unter der Bezeichnung Mineralischer Zaubergarten im 18. Jahrhundert sehr populär gewesen", berichtete Starzmann. Damals machte die Chemie große Fortschritte, und die Beschäftigung mit chemischen Vorgängen kam an den Fürstenhöfen in Mode, zunächst in Frankreich, dann in ganz Europa. Auch der württembergische Herzog Carl Eugen machte da keine Ausnahme.

"Die Tage am Hof mussten gefüllt werden. Der Herzog hatte ja keinen Rasen zu mähen und keine Pferde zu striegeln. Gut, er hat a bissle' regiert. Aber sonst ging er auf die Jagd, gab Gesellschaften, bei denen Konversation gemacht, musiziert und gespielt wurde." Um einen Eindruck zu vermitteln, wie Speisezimmer, Gesellschaftsräume und Spieltische in jener Zeit aussahen, führte Starzmann die Teilnehmer durch das Privatappartement, in dem Franziska von Hohenheim von 1794 bis 1811 als Witwe des württembergischen Herzogs Carl Eugen lebte.

Herzog Carl Eugen pflegte die Festkultur. Zur Unterhaltung wurden die aktuellen Erkenntnisse der neuen Wissenschaft Chemie in Experimenten vorgeführt, die die damaligen Gäste genauso verblüfften wie die Zuschauer Starzmanns im Rundsaal: die Herstellung der Grundsubstanz von Marmor, die kleine Zauberei mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten mittels Phenolphthalein und die Entstehung der "Schlange des Pharao". Dazu entzündete Starz-mann zwei Emser Halspastillen, bestehend aus Zucker und Mineralsalzen: Spiralförmig wuchs aus den Pastillen eine schwarze Schaummasse, so genannte Zuckerkohle, heraus. "Solche Experimente, bei denen sich was tut, waren besonders beliebt", berichtete Starzmann und ließ zur Illustration in einem Tiegel ein Bengalisches Feuer aufflackern: Eine rötliche Flamme züngelte, beißender Geruch breitete sich aus. Die Feuerwerke bei Carl Eugens Festen hatten natürlich eine ganz andere Dimension, da knallte es ganz ordentlich und stank.

"Knall und Rauch gab es im Schloss auch im 16. Jahrhundert, jedoch weniger zur Erheiterung. Knall und Rauch waren vielmehr unumgängliche Begleiterscheinungen in den Geschützständen des Kirchheimer Schlosses, das 1538 nicht als Wohnschloss, sondern in erster Linie als Festung erbaut wurde. Armbrüste und Schwerter waren damals schon durch Büchsen ersetzt, denn das Schwarzpulver war bereits erfunden. Wie es beim Verbrennen von Schwarzpulver qualmt, führte Starz-mann vor, indem er aus Holzkohle, Schwefel und Salpeter eine winzige Menge Schwarzpulver mischte und entzündete. Eine helle Stichflamme schoss empor und erlosch innerhalb weniger Sekunden. "Können Sie sich jetzt vorstellen, was passiert, wenn ich Schwarzpulver in einen Stahlmantel packe oder es in einen Felsspalt stecke?"Nicht um Knall und Rauch, sondern vielmehr um Gold und Silber ging es bei einem anderen Experiment, für das sich Starzmann ein Ein-Cent-Stück von den Zuhörern erbat. Nach seiner Frage "Soll ich es in Silber verwandeln?" war er sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller sicher. Nach exakt einer Minute und 31 Sekunden schimmerte die Münze silbern, doch damit ließ er es noch nicht bewenden. Gold wollte er daraus machen. Erneut warf er seinen Bunsenbrenner an und hielt die Münze in die Flamme. Unter allgemeinem Staunen verfärbte sich die Münzen golden. Doch die Desillusionierung folgte auf dem Fuße. Er hatte die Kupfermünze lediglich verzinkt und ihr dann einen Messingüberzug verpasst.

Doch Herzog Friedrich I. hätte Starzmann nach dieser Vorführung bestimmt in seine Dienste genommen. Denn auf Grund ständigen Geldmangels waren nicht nur er, sondern auch andere Fürsten des 17. Jahrhunderts auf der Suche nach Gold. Zu diesem Zwecke beschäftigten sie Alchimisten, die herausfinden sollten, wie aus unedlen Metallen edle Metalle gemacht werden konnten. Herzog Friedrich I. quartierte seine Alchimisten im Freihof ein, etwas entfernt von der Kernstadt, denn "der Herzog wollte nicht, dass alle merkten, was vor sich ging", erklärte Starzmann. Zwei Alchimisten hatten versagt, aber mit dem nächsten, mit Hans Heinrich von Mühlenfels, glaubte er endlich den richtigen gefunden zu haben und gab Mühlenfels viel Geld zum Erwerb des "Zauberelixiers" in Spanien, während er selbst große Menge von Eisen besorgte. Doch das Eisen wurde nicht in Gold umgewandelt, sondern zu einem Galgen geschmiedet, an dem Mühlenfels aufgehängt wurde.

TERMINEDie Sonderführung wird wiederholt am 5. Juni, 10. Juli, 17. September und 22. Oktober. Sie dauert zwei Stunden. Anmeldung ist erforderlich bei Schlossverwaltung Ludwigsburg, Telefon 0 71 41/18 20 04.